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Montag, 22. Januar 2018

Raumfahrt

Warten auf die Weltraumtouristen

Von Rudolf Stumberger | 28. September 2017 | Ausgabe 39

Seit vier Jahren steht der „Spaceport America” bereit für private Passagiere. Ein Besuch in der Wüste New Mexicos.

Spaceport BU (1)
Foto: Mark Greenberg/Virgin Galactic

Mitten im Nichts liegt der Weltraumbahnhof für zivile Flüge ins All. Der Standort in der Wüste New Mexicos ist ideal. Ein Militärgelände befindet sich in der Nähe. Mit Überflügen anderer Fluggesellschaften ist deshalb hier nicht zu rechnen.

Beim Berliner Flughafen sind die Passagiere vorhanden und würden gerne fliegen, doch das Gebäude ist nicht betriebsbereit. Beim Weltraumbahnhof Spaceport America in den USA ist es genau andersherum. Seit 2013 wartet das futuristische Terminal auf die ersten Zivilisten, die von hier aus einen Flug in den Weltraum wagen wollen. Gemeinsam ist beiden Projekten, dass sie aus Steuermitteln finanziert wurden.

Militärische Nachbarschaft

Warum der Ort den seltsamen Namen Truth or Consequences – zu deutsch etwa: Wahrheit oder Pflicht – trägt, ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Die Kleinstadt mit ihren rund 6500 Einwohnern liegt im Sierra County im US-Bundesstaat New Mexico. Nach Norden sind es an die 250 km bis Albuquerque, nach Süden 70 km bis Las Cruces. Es sind die nächsten größeren Städte in der Umgebung.

Foto: Rudolf Stumberger

Wahrheit oder Pflicht: Seit 1950 pflegt die Ortschaft Hot Springs diesen skurrilen Namen.

Die Gegend ist von Wüstenklima geprägt, nur wenige stachelige Pflanzen wachsen auf dem kargen Boden rechts und links der Highways. Wer nach Truth or Consequences hineinfährt, stößt auf einen kleinen historischen Ortskern – und schon ist er auch wieder raus aus der Stadt. Man muss schon zweimal nachfragen, bis einem an der Tankstelle endlich einer erklären kann, wo das Besucherzentrum zu finden ist. Dessen Ausschilderung ist äußerst dezent.

 Im Januar 1950 hieß die Stadt noch Hot Springs. Doch im März desselben Jahres beschlossen die Bürger, ihre Stadt nach der beliebten Radiosendung Truth or Consequences umzubenennen. Damit erreichten sie, dass die Quizshow aus ihrer Stadt gesendet und so ihre Heimat landesweit bekannt wurde.

Wer heute das Besucherzentrum betritt, erkennt, dass die Anwohner nie aufgehört haben, die Werbetrommel zu rühren, und dass sie Investitionen in die Zukunft nicht scheuen. Die Touristeninformation ist zugleich Anlaufpunkt für jene Reisenden, die sich für den Spaceport, also den Weltraumbahnhof in gut 40 km Entfernung interessieren.

Foto: New Mexico Spaceport Authority

Wie ein Rochen mutet das Gebäude des Spaceports an. Es stammt vom Stararchitekten Norman Forster.

Das „Spaceport Visitor Center“ ist in einem Gebäude untergebracht, das den Pueblos der Ureinwohner nachempfunden wurde. Ein „wundervoller Kontrast zwischen dem Alten und dem Neuen, vollgepackt mit spannenden interaktiven Lehrausstellungen“, heißt es in der Werbung. Tatsächlich hat man in einem großen runden Showraum eine Rakete nachgebildet – und man kann allerlei Knöpfchen drücken. Tickets für einen Weltraumflug gibt es hier noch nicht, aber für stolze 44 $ lässt sich immerhin eine Besichtigungstour zum ersten Weltraumbahnhof für private, zivile Flüge ins All buchen.

Die Anfahrt dorthin ist eine Fahrt ins Nichts der Wüste. Zunächst führt die Straße durch bergiges Gelände, dann an einem großen Stausee vorbei, bis sie im Örtchen Engle endet. Das besteht aus nur drei Häusern und einem Bahnübergang. An den Eisenbahngleisen entlang führt der Weg weiter Dutzende Meilen nach Süden – durch die Wüste mit Gestrüpp und ein paar Kakteen. Schließlich zeigt ein Wegweiser nach links. Die Abzweigung führt schließlich – an Wachposten vorbei – zum Gebäude des Weltraumbahnhofs. Hier tragen die Straßen dann Namen wie „Milchstraße“, „Halbmond“ oder „Asteroidengürtel“.

Foto: New Mexico Spaceport Authority

Startklar steht eine Maschine vor dem Weltraumbahnhof. Testflüge helfen, wenigstens einen Teil der laufenden Kosten zu decken.

Kein geringerer als der Stararchitekt Norman Forster hat das Gebäude des Spaceport America entworfen. Aus der Luft mutet es an wie ein riesiger, einsamer Rochen, dessen Stirnseite dem langen Rollfeld zugewandt ist. Die Besucher aber betreten den Bahnhof durch einen links und rechts von metallenen Bögen flankierten Eingang, durch den man quasi ins Gebäude hineingesogen wird. Der Innenraum besteht aus einem gewaltigen Hangar mit 6 m hohen Schiebetüren, in dem dann die Weltraumfähren untergebracht werden sollen. Noch steht hier allerdings lediglich eine Kopie des Weltraumgefährts „SpaceShipTwo“.

Dafür tut sich jetzt endlich was draußen auf dem Vorfeld. Ein paar mobile Bratwurststände haben ihre Sonnenschirme aufgespannt, aus Lautsprechern ertönt Musik, in Richtung Rollfeld ist ein aufblasbares Tor mit der Aufschrift „Spaceport America Relay Race“ zu sehen.

Wozu das Ganze gut ist, erklärt Tamara. Sie ist hier zuständig für die Öffentlichkeit, hat lange Zeit mit ihrem Ehemann in Zürich gelebt und dort ihrem Deutsch einen Schweizer Zungenschlag verpasst. „Am heutigen Sonntag“, sagt Tamara gerade, „findet hier am Spaceport das Finale eines Wettlaufs statt.“

Vor zwei Tagen sind die Teilnehmer im knapp 120 Meilen entfernten El Paso in Texas gestartet. In Staffeln laufen sie seitdem um die Wette – mit dem Ziel Weltraumbahnhof. Wozu das Ganze gut sein soll? Man wolle den Kontakt zur Bevölkerung in den umliegenden Städten pflegen, beschreibt Tamara die Beweggründe. Schließlich sollen die Leute auf den Rummel vorbereitet werden, der hier herrschen wird, wenn die Weltraumflüge endlich begännen.

Und da laufen auch schon die ersten Teams ein; der Andrang des Publikums allerdings hält sich in Grenzen. Das liege daran, dass ausgerechnet heute ein bekannter Countrysänger in Las Cruces auftreten würde, hat Tamara eine Erklärung bereit.

Eine Stunde später erreichen dann auch die ersten Prominenten das Ziel: der für Wirtschaft zuständige Sekretär des Bundesstaates New Mexico sowie ein paar ranghohe Firmenvertreter von Virgin Galactic; Beth Moses etwa, „Chief Astronaut Instructor“ des Unternehmens, das Flüge für Weltraumtouristen anbietet.

Die Firma mit Sitz in Las Cruces wurde 2004 von dem englischen Millionär Richard Branson und Luftfahrtpionier Burt Rutan gegründet, um kommerzielle Weltraumflüge durchzuführen. Zahlende Gäste sollten auf suborbitalen Flügen einen schwerelosen Zustand erleben können.

Dazu wurden Konzepte für ein Trägersystem, das White-Knight-Flugzeug, entwickelt. Zwei Turbotriebwerke sollen es zusammen mit dem Passagierraumschiff, dem „SpaceShip“, in eine Höhe von 15 km bringen. Dort wird die Passagierkapsel ausgeklinkt.

Das 18 m lange Weltraumgefährt bietet Platz für zwei Piloten und sechs Passagiere, sein Raketenantrieb soll es auf 110 km Höhe tragen und dann zur Erde zurückkehren. Bereits 2010 absolvierte die Raumkapsel „SpaceShiptwo“ zusammen mit dem Trägersystem erfolgreich einen dreistündigen Flug über der Mojave-Wüste in Kalifornien. Für 2012 rechnete man mit den ersten kommerziellen Weltraumausflügen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits über 300 Menschen einen Platz im Shuttle reservieren lassen, zum Preis von stolzen 200 000 $.

Und weil ein derartiges Weltraumabenteuer auch einen Weltraumbahnhof benötigt, stieg 2005 der Staat New Mexico finanziell in den Bau des ersten privaten Spaceports ein und investierte über 200 Mio. $ an Steuergeldern in die Zukunft des Weltraumtourismus. Er sollte Arbeitsplätze, Investitionen und Touristen in die wirtschaftlich schwache Region bringen.

Fertiggestellt wurde der Spaceport 2013. Virgin Galactic unterschrieb einen Mietvertrag für 20 Jahre. Doch bislang wartete man dort vergebens auf den ersten zivilen Weltraumflug. Der Grund: Am 31. Oktober 2014 stürzte bei einem Testflug das Weltraumfahrzeug SpaceShipTwo über der Mojave-Wüste ab. Ein Pilot wurde getötet, der zweite schwer verletzt. Dieser Absturz warf sämtliche Pläne für den Weltraumtourismus zurück. Erst 2016 stellte Virgin Galactic ein Nachfolgeraumschiff, die „VSS Unity“, vor.

Foto: R. Stumberger

Daniel Hicks, Direktor des Spaceports, rechnet mit ersten kommerziellen Weltraumflügen schon im kommenden Jahr.

„Ich sehe das so“, sagt Daniel Hicks, „was den Weltraumtourismus anbelangt, stehen wir ungefähr da, wo die Gebrüder Wright für die Luftfahrt standen.“ Hicks ist seit vier Monaten Direktor des Spaceport und sitzt jetzt im Kontrollzentrum. Von hier aus geht der Blick aufs Rollfeld, auf dem gerade ein Hubschrauber startbereit steht.

Mit einem kommerziellen Weltraumflug sei vielleicht 2018 zu rechnen, meint der Direktor. Bis dahin müsse er zusehen, wie der Weltraumbahnhof anderweitig genutzt werden kann, gelte es doch, zumindest die laufenden Kosten hereinzubringen. So wird Hicks auch nicht müde, die Vorteile des Standorts anzupreisen: das beständig gute Wetter, die dünne Besiedelung, das Überflugverbot in der Region wegen des nahen militärischen Raketentestgeländes White Sands.

Und dann sei noch die Höhenlage von gut 1400 m ein Vorteil bei Raketenstarts, die so mehr Zuladung aufnehmen könnten. Elf derartige vertikale Starts von Raketen mit wissenschaftlichen Experimenten an Bord hat es 2016 vom Spaceport aus gegeben. Boeing testet hier Fallschirme. Außerdem kann man das Gelände für Veranstaltungen mieten.

Aber natürlich hat der Direktor des Weltraumbahnhofs die Zukunft im Blick: von interkontinentalen Weltraumflügen, die in einer Stunde von Amerika bis nach Australien gelangen, bis hin zu Unterstützungsflügen bei künftigen Mondlandungen. „Wie gesagt, wir stehen ganz am Anfang“, meint Hicks.

Bis dahin wird es aber noch ein weiter Weg sein. Heute jedenfalls gehört der Weltraumbahnhof noch den Läufern des Wettrennens, die nach und nach vor dem Hangar eintrudeln.

Foto: UP Aerospace

Blick ins All: Diese Aussicht am „SpaceShip“ vorbei böte sich zahlenden Gästen, wenn sie sich in den Suborbit katapultieren lassen könnten.

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