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Donnerstag, 21. März 2019

Wirtschaftspolitik

„Wir verpassen die Zukunftsthemen“

Von Christoph Böckmann | 28. Februar 2019 | Ausgabe 09

Die ausartende Bürokratie gefährdet die Zukunftsfähigkeit Deutschlands, kritisiert Johannes Schmidt, der als CEO der Beteiligungsgesellschaft Indus für 45 Hidden Champions spricht.

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Foto: Ulrich Zillmann

Johannes Schmidt, CEO der Beteiligungsgesellschaft Indus, drängt darauf, die Elektromobilität nicht allein den Chinesen zu überlassen.

VDI nachrichten: Die aktuelle Regierungskoalition ist seit knapp einem Jahr am Werk. Zeit für ein Zwischenzeugnis. Welche Schulnote geben Sie der GroKo?

Schmidt: Erst hatten wir lange Zeit gar keine Regierung. Dann hat sie sich nur mit sich selbst beschäftigt. Der erste Eindruck ist also nicht besonders gut. Das wäre wohl eher eine 3 bis 4.

Johannes Schmidt

In welchen Fächern muss die Bundesregierung besonders nachlegen?

Indus Holding AG

Wir verpassen die großen Zukunftsthemen. Bei der Digitalisierung gibt es immense Mittel, die gar nicht verwendet werden. Wenn man sich das Thema Glasfaserausbau anschaut. Da gibt es Milliarden bewilligte Mittel und die Kommunen und Landkreise sind nicht in der Lage, diese auszugeben. Das macht mich schon nachdenklich.

Die zusätzlichen 3 Mrd. €, die die Regierung nun im Zuge ihrer KI-Strategie locker machen möchte, lösen bei Ihnen also keine Jubelschreie aus?

Die Mittel bereitzustellen, ist das eine, die Mittel aber auch gezielt einzusetzen, eben das andere. Manchmal kommt es mir wie eine deutsche Krankheit vor, dass wir die Dinge so kompliziert machen, die Beantragungen, die Genehmigungen usw. – und in Konsequenz einfach nicht vorwärtskommen. Das ist sicher ein Thema, bei dem man von der Politik erwarten könnte, dass es schneller vorangeht. Gerade als Mittelständler ist man gewöhnt, sich schnell entscheiden zu müssen – selbst wenn die Fakten- und Datenlage unvollständig sind.

Jetzt lehnen Sie sich aber weit aus dem Fenster. Gerade bei der Digitalisierung verhält sich der deutsche Mittelstand doch eher zögerlich und abwartend. Lassen Sie sich da nicht gerade von den Amerikanern und Chinesen die Butter vom Brot nehmen?

Das ist auch ein Mentalitätsthema, bei dem Deutsche sich von den Amerikanern stark unterscheiden. Kritisch zu meiner eigenen Kaste: Gerade der deutsche Ingenieur ist in seiner Ausbildung dazu erzogen worden, die perfekte Lösung zu finden. Das ist ein Streben, das einen oft am schnellen Fortkommen hindert. Als Beteiligungsgesellschaft versuchen wir, dies in unseren mittelständischen Unternehmen ganz aktiv zu ändern.

Wie darf man sich das vorstellen?

Wir machen Mut und geben Geld, damit unsere Unternehmen sich mit Themen wie digitalen Geschäftsmodellen auseinandersetzen. Zuerst muss man sich überhaupt die Fragen stellen: Wie bedroht ist mein Geschäftsmodell? Wo sind die neuen Spieler? Wo sind die Felder, in denen ich mich entwickeln kann? Was kann ich schon? Was brauche ich? Wo sind die Netzwerke, auf die ich mich stütze? Mit welchen Hochschulen und Fraunhofer-Gesellschaften kooperiere ich? Wie viel Geld brauche ich am Ende dafür?

Klingt wie bei der Bundesregierung, eher theoretisch als praktisch.

Und damit es nicht nur theoretisch bleibt, ist es auch die Aufgabe für uns Gesellschafter, an der Stelle zu treiben und weiter vorauszuschauen, an der der Geschäftsführer des einzelnen Unternehmens in der Gefahr ist, die größeren Ziele in seinem täglichen operativen Geschäft aus den Augen zu verlieren.

Der lähmende Wunsch nach Perfektion hat auf der anderen Seite unseren Mittelstand zu Weltmarktführern gemacht. Wie groß ist tatsächlich die Gefahr, vor der die Politik häufig warnt, dass ein Google, ein Apple kommt und einen deutschen Hidden Champion verdrängt?

Ich glaube nach wie vor, dass es die produktbezogenen Hidden Champions mit ihrem Spezialwissen auch in Zukunft geben wird. Die Frage ist nur: Wer bekommt den Großteil der Marge? Und in diesem Zusammenhang gibt es die riesige Gefahr, dass dies Google oder Amazon sein werden, denn sie haben den Kontakt zum Endkunden. Der deutsche Mittelständler ist dann nur noch Zulieferer und bekommt die Marge sozusagen zugeteilt.

Der Vertrieb ist das eine. Aber wie sieht es bei den Produkten aus? Reichen unsere wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, damit die Maschinen und Anlagen in Zukunft aus Deutschland und nicht aus China kommen?

Da ist ein Risiko, dem wir uns noch stellen müssen. Ich denke, die Chinesen verstehen es, eine Stufe zu überspringen, um dann direkt bei der nächsten Stufe zu beginnen. Das sieht man wunderbar beim Thema Elektromobilität, wo sie klar als Strategie angesetzt haben: Wenn wir schon Autos bauen, fokussieren wir uns stark auf Elektrofahrzeuge. Das ist der Vorteil Chinas als autokratischer Staat. Nun sind wir leider in der Position, dass wir teilweise aufholen müssen.

Die digitale Transformation wird oft als Jobkiller betrachtet. Die Bereitschaft, in der Politik über höhere Hartz-IV-Sätze zu diskutieren, lässt Böses ahnen. Fürchten Sie sich auch schon?

Ich glaube, dass die Digitalisierung einerseits ganz viele Chancen bietet für neue Jobs. Andererseits werden bei bestimmten Tätigkeitsfeldern auch Arbeitsplätze verschwinden. In der Industrie kennen wir diese Entwicklung aber schon lange, nicht unter dem Schlagwort „Digitalisierung“, sondern als „Automatisierung“.

Ein alter Hut also. Arbeitsminister Hubertus Heil möchte dennoch mit dem Qualifizierungschancengesetz die staatliche Förderung von Weiterbildung stark ausbauen. Das dürfte Sie doch dennoch freuen?

Es entstehen durch die Digitalisierung neue Berufsbilder, für die es noch gar keine ausgebildeten Leute gibt. Es geht also nicht nur um Fortbildung, sondern auch um Ausbildung. Beides ist ganz klar auch Aufgabe der Unternehmen. Da würde ich gar nicht immer die Forderung an den Staat stellen. Die Unternehmen wissen im Zweifel auch am besten, was gebraucht wird.

Schon heute fehlen nicht nur im Digitalbereich massiv Fachkräfte. Wer hat da verpasst, die Schüler für Technik zu begeistern, die Bildungspolitik oder vielleicht auch Ihre Unternehmen?

Wahrscheinlich beide. Auf jeden Fall sind auch wir Unternehmer gefragt, schon Kindern zu zeigen, was für tolle Aufgaben der technische Bereich bietet und in welcher Breite ein Ingenieur tätig werden kann. Als Experte, aber auch als Vorstandsvorsitzender, wenn man dazu Lust hat. (lacht)

Mit dem Fachkräftezuwanderungsgesetz will die Regierung ihre Versäumnisse wiedergutmachen. Es soll Experten aus dem Nicht-EU-Ausland erleichtern, nach Deutschland zu kommen, und so die Fachkräftelücke schließen.

Ich finde, das ist ein politisch sehr sinnvoller Ansatz, gerade wenn man die demografische Entwicklung sieht. Das Problem ist aber: In der öffentlichen Wahrnehmung überlagert sich diese Frage komplett mit der Flüchtlings- und der Asyldiskussion, obwohl das nichts miteinander zu tun hat.

Blue Card und Green Card haben nicht den gewünschten Erfolg gezeigt. Warum sollte es diesmal klappen?

Das ist eben nicht so einfach. Es geht um hoch qualifizierte Leute. Und da tun wir uns mit der ganzen politischen Diskussion um Fremdenhass und mit dem Bild, das wegen solcher Ereignisse wie in Chemnitz entsteht, keinen Gefallen.

Die Bundesregierung darf sich über einen Steuerüberschuss von 11,2 Mrd. € freuen. Dennoch sind die Unternehmenssteuern in Deutschland so hoch wie kaum wo sonst. Es gibt eine aktuelle Studie der Stiftung der Familienunternehmen, die unter anderem die Steuerlast von 21 Industrieländern verglichen hat …

… da standen wir relativ schlecht.

Genau, die Steuerlast für Unternehmen ist in Deutschland vergleichsweise hoch. Also runter mit den Steuern? Wirtschaftsminister Altmaier hat schon angekündigt, dass an der Stellschraube gedreht werden könnte.

Die Steuern bereiten mir keine Bauchschmerzen. Zwar steht Unternehmen das Geld, das sie an Steuern zahlen, nicht mehr für Investitionen zur Verfügung. Dafür sage ich aber auch immer wieder: Ich habe in Deutschland, allen Unkenrufen zum Trotz, eine durchaus funktionierende Infrastruktur.

Sie sind zufrieden mit den Steuern und der Infrastruktur? Die Antwort vom Stammtisch wäre eine andere.

Es ist nun wirklich nicht so, als würde hier alles zusammenbrechen. Das wird einem auch immer wieder bewusst, wenn man in anderen Ländern unterwegs ist. Eine Volkswirtschaft muss natürlich konsequent schauen, dass sie, auch was Steuern angeht, eine gewisse Wettbewerbsfähigkeit behält. Aber ich glaube nicht, dass Investitionsentscheidungen eines Unternehmens alleine aufgrund von Steuern getroffen werden.

Für Investitionsentscheidungen sind auch Handelshemmnisse wie Zölle ausschlaggebend. Der freie Handel hat durch den US-Präsidenten Donald Trump einen mächtigen Gegenspieler bekommen. Wird die Bundesregierung den freien Handel retten können?

Vermutlich nicht. Denn wir haben mittlerweile überall protektionistische Tendenzen. Die Wirtschaftstheorie besagt zwar, dass arbeitsteilige Wirtschaft mit dem freien Handel in der Summe mehr Wohlstand schafft, aber offensichtlich ist das Thema politisch im Moment nicht mehr so angesehen. Als Unternehmer schaue ich jetzt jedenfalls, dass ich vor Ort bin und lokal produziere.