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Mittwoch, 20. Februar 2019

Ausstellung

Als die Emotionen im Chemiewerk hochkochten

Von Claudia Burger | 7. Februar 2019 | Ausgabe 06

In Oberhausen sind Fotografien aus dem Bestand der Ruhrchemie AG und ihrer Nachfolgeunternehmen zu sehen.

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Foto: Stachelscheid/ LVR-Industriemuseum

Geordnetes Wirrwarr: Carl August Stachelscheid machte diese Aufnahme mit dem Titel „Oxo–Technikum, Ruhrchemie AG“. Sie stammt aus dem Jahr 1968.

Das älteste Foto der Sammlung Ruhrchemie zeigt das spätere Werksgelände in Oberhausen- Holten als landschaftliche Idylle. Es stammt aus dem Jahr 1927 und zeigt Bäume an einem Bachlauf und im Hintergrund die Silhouette der Stadt. Mit der Idylle war bald Schluss. 1928 startete das Bauprojekt, es entstand eine riesige Produktionsanlage. Heute heißt die einstige Ruhrchemie nach einer Reihe von Eigentümer- und Firmennamenwechseln Oxea Werk Ruhrchemie. Auf dem 120 ha großen Gelände arbeiten mehr als 1400 Mitarbeiter für Oxea und deren Standortpartner.

An zwei Orten

Seit der Gründung des Chemieunternehmens in Oberhausen-Holten 1928 haben zahlreiche Fotografen – Laien und Profis, mit und ohne Auftrag – das Werk, die dort arbeitenden Menschen und die Produkte abgelichtet. In der Sammlung sind Bilder namhafter Fotografen zu finden, darunter Albert Renger-Patzsch, Robert Häusser, Karl Hugo Schmölz, Carl August Stachelscheid und Ludwig Windstosser.

Die Fotografien, die Renger-Patzsch um 1938 in der Ruhrchemie AG gemacht hat, werden in dieser Ausstellung im Peter-Behrens-Bau erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Renger-Patzsch ist ein eigener Raum gewidmet. Er gilt als Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Seine Fotografien sind gradlinig, der Mensch kommt selten vor, ästhetische und architektonische Aspekte stehen im Vordergrund. Zu den besonderen Werken zählt ein Werkspanorama von 1938. Das Exponat besteht aus drei Aufnahmen, die präzise als Klappbild zusammengestellt wurden.

Foto: Häusser/LVR-Industriemuseum

Blick durch das Schauglas eines Oxo-Laborreaktors. Ein Foto von Robert Häusser, Ruhrchemie AG, 1980er-Jahre.

Diese Kleinode der Industriefotografie sind eingebettet in Departments mit typischer Werksfotografie der diversen Dekaden, die eine Zeitreise durch Moden und Technologien ermöglichen und einen Eindruck vom Alltag der Arbeiter und Angestellten rund um ihren Arbeitsplatz erhalten. Das reicht vom Einnehmen des Kantinenessens über den Blick in die Lohnhalle und die Blutspendeaktion bis auf die Kegelbahn und gesellige Jubiläumsrunden. Die Fotos aus unterschiedlichen Dekaden sind Themen zugeordnet, so kommt es, dass die Sekretärin aus den 50er-Jahren, adrett und artig wirkend, nicht weit entfernt von einem Foto von Beate Knappe aus den 80er-Jahren zu sehen ist, das eine Dreherin an ihrem Arbeitsplatz im Einsatz zeigt. Die Schau und ihre Ordnung liefert somit auch ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen und sich wandelnder Einstellungen.

Dass Arbeit für viele nicht nur das halbe Leben war, machen die dramatischen Fotos von Ehrenfried Teichmann deutlich. Sie entstanden am 31. August 1949, als der von der britischen Besatzungsarmee mit der Demontage des Werkes beauftragte Unternehmer auf das Gelände fuhr. Die Wut der Arbeitnehmer kochte hoch und entlud sich handgreiflich: Die Demonstranten stürzten das Auto samt Manager um, ritzten Beleidigungen in den Lack, bauten Barrikaden und besetzten das Werk. Es sind teils dramatische Aufnahmen, die Kurator Rainer Schlautmann aus dem 25 000 Fotos umfassenden Konvolut der Ruhrgas-Hinterlassenschaft ausgewählt hat. Rund 250 Fotos sind insgesamt im Peter-Behrens-Bau zu sehen.

Foto: Holtappel/LVR-Industriemuseum

Sieht aus wie heute: Destillationskolonnen aus dem Jahr 1971, aufgenommen von Rudolf Holtappel.

Ein anderer, erheblich kleinerer Teil wartet auf den Betrachter in der Ludwiggalerie im Kleinen Schloss Oberhausen noch bis zum 24. Februar. Hier stehen vor allem ästhetische Aspekte der Industriefotografie im Vordergrund. Zu sehen sind Arbeiten von Revierfotografen wie Rudolf Holtappel, Joachim Schumacher oder Ludwig Windstosser. Aber auch von Renger-Patzsch (eine seltene Farbaufnahme) und Bernd und Hilla Becher. Im Kleinen Schloss werden die Fotografien von Robert Häusser in einer Art Dunkelkammer gezeigt. Im verdunkelten Kabinettraum sind seine als farbige Diapositive überlieferten Fotografien aus den 1970er- und 1980er-Jahren per Vierkanal-Videoinstallation raumfüllend zu erleben.

Der Weg zwischen den beiden „Stoffwechsel“-Orten kann gut zu Fuß zurücklegt werden, vorbei am Gasometer, der spektakulären Ausstellungshalle (dort wird „Der Berg ruft“ präsentiert). Und wer noch Zeit hat, sollte auch die kürzlich in der Ludwiggalerie eröffnete Schau „British Pop Art“ aus der Sammlung Beck nicht verpassen. So viel Kultur an einem Fleck – ein Ausflug nach Oberhausen lohnt sich.