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Mittwoch, 20. Februar 2019

Rock

Als Queen die Relativitätstheorie rockte

Von Peter Steinmüller | 20. Dezember 2018 | Ausgabe 51

Dank „Bohemian Rhapsody“ erlebt Musik von Queen ein Revival. Vergessen bleibt der Einfluss der Naturwissenschaften.

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Foto: Richaard E. Aaron/Redferns/Getty Images

Wenn der Physiker mit dem Ingenieur: Brian May (vorn) und John Deacon in Aktion.

Seit „Bohemian Rhapsody“ Ende Oktober auf die Leinwände kam, strömen die Fans von Queen in die Kinos und schwärmen davon, wie „We are the champions“, „Another one bites the dust“ oder „Under Pressure“ den Soundtrack ihrer Jugend lieferten.

Was im Film wie bei den Fans außen vor bleibt, sind die naturwissenschaftlichen Einflüsse auf die Musik der Band. Wichtigster Akteur war Gitarrist Brian May. Der hatte schon als Sechzehnjähriger mit dem Bau einer Elektrogitarre begonnen, die auf seine Spielweise ausgelegt war. So goss er die drei Tonabnehmer in Kunstharz ein, um Rückkopplungseffekte zu vermeiden. Laufzeitverzögerungen in der Signalübertragung nutzte er, um bei Konzerten mehrstimmig mit sich selbst spielen zu können. Anders als die ebenfalls begnadeten Gitarristen Eric Clapton und Keith Richards, die beide ihr Kunststudium abbrachen, beendete May sein Studium der Astrophysik.

Bei der Arbeit am bombastischen Queen-Sound half der Gruppe, dass mit John Deacon ein Elektroingenieur den Bass spielte. Ein Meilenstein der Rockgeschichte war das Album „A night at the opera“ von 1975, das den typischen Queen-Sound der 1970er-Jahre prägte. Die aufwendige, über fünf Tonstudios verteilte Produktion machte es zum bis dahin teuersten Album der Musikgeschichte. Kritiker verglichen den künstlerischen Wert mit „Sgt. Pepper“ von den Beatles.

Doch mitten zwischen den orchestralen Arrangements der LP ertönte das von Brian May komponierte „‘39“. Statt Freddie Mercury sang Brian May, der sich auf einer zwölfseitigen Gitarre begleitete, John Deacon spielte den Kontrabass. Die eingängige Melodie erinnert an einen Folksong und verleitet unwillkürlich zum Mitsummen. Doch im Text des scheinbar schlichten Stücks verbirgt sich nicht weniger als eine Auseinandersetzung mit Albert Einsteins Relativitätstheorie. Ihr zufolge sind Zeit- und Raumangaben nicht absolut gültig, sondern hängen jeweils vom Standpunkt des Beobachters ab. So vergeht die Zeit für ein Objekt, das sich relativ zum Beobachter bewegt, langsamer als an dessen Standort. Je höher die Geschwindigkeit des Objekts, desto stärker wirkt dieser Effekt.

Der Erzähler in „‘39“ schildert, wie er mit einer Gruppe von Freiwilligen zu einer langen Weltraumreise aufbricht. Vor dem Aufbruch werden sie als Helden gefeiert. Die Reise stehen sie unerschütterlich durch: „Never feared, never cried“. Im Jahr „39“ kehren sie zurück und finden sich auf der Erde nicht mehr zurecht. Während der Erzähler nur ein Jahr älter geworden ist, verging die Zeit für die Zurückgebliebenen viel schneller. Frau und Kind des Erzählers sind längst gestorben, geblieben ist ihm nur das Enkelkind. Das Lied endet mit einem niederschmetternden Appell, der der fröhlichen Melodie Hohn spricht: „For my life still ahead pity me (Bedauere mich für mein Leben, das noch vor mir liegt).“

Die Astrophysik beschäftigte Brian May weiterhin. Seine zugunsten der Musik unterbrochene Promotion schloss er nach 33 Jahren ab. Eine Szene mit „‘39“ dagegen wurde in letzter Minute aus dem Film „Bohemian Rhapsody“ herausgeschnitten.

https://www.youtube.com/watch?v=kE8kGMfXaFU