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Samstag, 20. Januar 2018

Agrarindustrie

Auf dem Acker fühlen sich Digital Natives wohl

Von Thomas Gaul | 21. Dezember 2017 | Ausgabe 51

Wer Technik, Natur und Praxisnähe miteinander vereinbaren möchte, sollte über eine Ausbildung zum Agraringenieur nachdenken.

Agrar BU
Foto: DLG

Technik trifft Natur. Ein Schnappschuss von der vergangenen Agritechnica in Hannover.

Die Landwirtschaft ist Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Das zeigte sich vor wenigen Wochen auf der Agritechnica in Hannover. Auf der weltgrößten Fachausstellung für Agrartechnik ging es eine Woche lang um selbstlenkende Traktoren, satellitengestützte Ausbringtechnik für Pflanzenschutz und Düngemittel sowie Ertragskartierungen bei Erntemaschinen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Beim „Digital Farming“ werden neue Komponenten wie die Mensch-Maschine-Kommunikation, Cloud-Computing und das „Internet der Dinge“ zur Optimierung des landwirtschaftlichen Produktionsprozesses eingesetzt.

Sensoren und Datenbanken verändern nicht nur die Arbeit des Landwirts. Denn auch die Agrartechnik selbst ist nicht mehr nur Maschinenbau. Die Grundlagenfächer des Maschinenbaus – Mechanik, Hydraulik und Pneumatik – reichen für das komplexe Technologiegeflecht heute nicht mehr aus. Wo sich bei Landmaschinen heute etwas bewegt, stecken Mikroelektronik und Software dahinter. Sie lösen in Sekundenschnelle exakte Steuerungs- und Regelungsvorgänge aus.

Da ist es nicht übertrieben, was Bernd Scherer formuliert, Geschäftsführer des Fachverbandes Landtechnik im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA): „Auf dem Acker und im Stall fühlen sich Digital Natives wie zu Hause.“ Vorausgesetzt, sie identifizieren die Firmen der Agrartechnikbranche als potenzielle Arbeitgeber. „Wir suchen zunehmend IT-Fachleute“, sagt Karin Bothe, Personalreferentin der Landmaschinenfabrik Grimme.

In die Agrartechnikwelt führen unterschiedliche Wege. Das kann ein Studium des Agraringenieurwesens mit Schwerpunkt Landtechnik sein, ein Maschinenbaustudium in der Fachrichtung Landtechnik oder ein duales Studium in Kooperation mit einem Landmaschinenhersteller, wie es viele Unternehmen der Branche anbieten. Die Studienzeit beträgt drei bis fünf Jahre, je nachdem, ob ein Bachelor- oder Masterabschluss angestrebt wird. Im dualen Studium werden Theorie und Praxis durch abwechselnde Phasen an der Hochschule und im Unternehmen miteinander verknüpft. Eine Ausbildungsvergütung wird auch während der Hochschulphasen gezahlt.

Was für die Beschäftigten die Arbeit in der Agrartechnikbranche so besonders macht, ist die ständige Herausforderung, Maschinenbautechnik und Natur miteinander zu verbinden. Ein landwirtschaftlicher Hintergrund trägt zum Verständnis für die Belange der Landwirte als Kunden bei, ist aber keine Voraussetzung für den Einstieg in die Branche.

Johannes Wutz stammt selbst von einem mittelgroßen Milchviehbetrieb in der Oberpfalz. „Ich habe verschiedene Praktika in der Landwirtschaft und Landtechnik gemacht. Danach war mir klar, wie mein weiterer Berufsweg aussehen sollte.“ Die Bedeutung von Praktika hebt auch Roland Schmidt hervor, heute Vice President Marketing Ost- und Mitteleuropa beim Traktorenhersteller Fendt: „Nach dem dritten Praktikum hatte ich meinen Arbeitsvertrag in der Tasche.“

Die Produkte der deutschen Agrartechnikhersteller sind nicht nur im europäischen Ausland, sondern in der ganzen Welt gefragt. Lieferungen in 130 Länder und eine Exportquote von 75 % sprechen eine deutliche Sprache. Ein Pluspunkt ist Erfahrung im Ausland. Johannes Wutz beispielsweise hat als Erntehelfer in Kanada gearbeitet. „Dabei habe ich gelernt, wie Landwirte in anderen Regionen der Welt denken und arbeiten.“

Wenn Berufseinsteiger als Konstrukteur oder Produktmanager neue Märkte in fernen Ländern besuchen, gibt es immer wieder Aufgaben und Situationen, die direkt vor Ort gelöst oder entschieden werden müssen. Gefragt sind daher kulturell bewanderte und flexible Mitarbeiter, die mit diesen Herausforderungen umgehen können.

Wutz, der heute Leiter Vertriebsinnendienst beim Bodenbearbeitungsgerätehersteller Horsch ist, betont aber auch die Notwendigkeit, hierzulande die Werkstore zu verlassen. „Die Mitarbeiter müssen bei den Landwirten draußen im Feld sein, um die Aufgaben besser zu verstehen.“ Denn die Wünsche und Verbesserungsvorschläge der Landwirte fließen in die Konstruktion neuer Maschinen und Geräte ein. Daher kommt auch die Innovationskraft der Branche, die Agrartechnik „Made in Germany“ zum gefragten Exportartikel macht. „Allein unsere Firma hat in den letzten Jahren 15 neue Maschinen auf den Markt gebracht“, betont Johannes Wutz von Horsch.

Spannend und vielseitig ist der Ingenieuralltag in der Agrartechnik auf jeden Fall. Als Ingenieur in der Landtechnik erleben schon Berufseinsteiger eine Mischung aus theoretischer und praktischer Arbeit. Als Vorteil gegenüber anderen Branchen wird der ganzheitliche Ansatz gesehen: Gearbeitet wird nicht nur an einzelnen Baugruppen, sondern an der gesamten Maschine. Wichtig ist es daher, teamfähig zu sein und organisiert arbeiten zu können, heißt es übereinstimmend aus den Personalabteilungen der Hersteller.

Absolventen sollten grundsätzlich Praktika in verschiedenen Bereichen absolvieren, in denen Landtechnik-Ingenieure arbeiten. Nur so lässt sich ein Überblick über Arbeitsalltag und berufliche Perspektiven verschaffen. Später fällt dann die Entscheidung für das Gebiet leichter, das einem am meisten liegt. Johannes Wutz hat einen persönlichen Tipp für Absolventen: „Schaut euch im Unternehmen die Gebiete an, die gerade wachsen oder wo es schwierig und komplex ist. Dort hat man die größten und schnellsten Entwicklungschancen.“

Um die Ingenieure von morgen zu gewinnen, sind Branchenmessen wie die Agritechnica wichtig. 45 Aussteller präsentierten sich im Bereich Campus & Career. Besucher konnten auf einer Art „Karrieremeile“ Kontakte zu Personal suchenden Unternehmen knüpfen, sich bei Personalberatungen informieren sowie mehr zu Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten erfahren. Doch auch außerhalb der Messe sind zumindest die größeren Firmen in den sozialen Medien auf der Suche nach Bewerbern aktiv. „Dazu nutzen wir sogar Snapchat“, so Hauke Jürgens, Personalreferent der Amazonen-Werke. ws

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