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Freitag, 22. Februar 2019

Museum

Auf der Spur des Öls in Wolfsburg

Von Johannes Wendland | 1. November 2018 | Ausgabe 44

In der niedersächsischen Stadt ist eine Ausstellung rund ums Thema Erdöl geplant. Ein Symposium lieferte Denkanstöße.

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Foto: panthermedia.net/digiart

Beim Symposium „True Oil“, das am vergangenen Wochenende in Wolfsburg stattfand, versammelten sich Wissenschaftler, Museumsleute und Studierende aus der ganzen Welt, die sich mit einer neuen Forschungsrichtung der Geisteswissenschaften beschäftigen – so neu, dass es dafür noch keine deutschsprachige Bezeichnung gibt: Energy Humanities. Disziplinübergreifend erkunden darin Vertreter von Kulturwissenschaft, Anthropologie, Philosophie, Literatur- und Medienwissenschaften das Erdölzeitalter. In Wolfsburg traf man sich, weil das dortige Kunstmuseum für den kommenden Herbst eine große Ausstellung zu diesem Thema vorbereitet. Von der aktuellen Forschung versprachen sich die Kuratoren Alexander Klose und Benjamin Steininger Denkanstöße für ihr Ausstellungskonzept.

Und diese Anstöße gab es, denn die Beschäftigung mit dem Rohstoff wurde durch die Forschungsergebnisse aus Wien aktuell: Im menschlichen Kot hatten Wissenschaftler Mikroplastikpartikel nachgewiesen. Wie nah ist uns das Erdöl- und Kunststoffzeitalter inzwischen gerückt, wenn es nun die Grenzen unserer Körper überwunden hat? „Das Öl konnten wir uns noch vom Leibe halten, doch mit Kunststoff geht es jetzt nicht mehr“, meinte etwa die New Yorker Philosophin Heather Davis. Für sie ist Kunststoff der eigentliche Grundstoff unseres Daseins. „Plastik bedeutet Plastizität“, argumentiert sie. Der Stoff unterliege dem „Mythos der ewigen und grenzenlosen Transformation“.

Alexander Klose sekundierte: „Aus Kunststoff erfüllten wir alle Wünsche.“ Modern zu sein, habe seit einem halben Jahrhundert bedeutet, petromodern zu sein. Zwar sei das Erdölzeitalter immer von der Sorge begleitet gewesen, dass die Erdölvorräte endlich seien und die Erzeugung demnächst zwangsläufig zurückgehen würde („Peak Oil“). „Jetzt wissen wir, dass Peak Oil nicht das Hauptproblem ist“, so Klose. „Es sind die Emissionen und Abfälle, die durch Öl und erdölbasierte Produkte entstehen.“

Dass das Versprechen, das Öl und die ölbasierten Kunststoffe für den Menschen barg, alchemistische Züge trägt, legte die New Yorker Literaturwissenschaftlerin Karen Pinkus dar. In praktisch allen Sprachen wird Öl als das „schwarze Gold“ bezeichnet. Seit Aristoteles basiert die Alchemie auf der Vorstellung einer „Prima Materia“, einer in der Erde verborgenen Ursubstanz, aus der die alchemistische Umwandlung entsteht. Diese Umwandlung geschehe laut Pinkus heute in den brennstoffbefeuerten Maschinen, die Rohmaterialien in Produkte verwandeln – in einem übertragenen Sinne aber auch Probleme in Lösungen und letztlich das Böse in das Gute.

Doch das Öl bedeute nicht nur Verheißung, sondern auch Bedrohung, so Pinkus. Als organische Substanz verweist Öl auf früheres Leben auf der Erde – und erscheint uns als Menschen wie ein Menetekel. „Unsere Zukunft wird ebenso geologisch sein“, sagt Pinkus. „Dereinst werden auch wir gepresst und verwandelt – und zu Öl.“

Dieser Gedanke führt in doppelter Weise zur Anthropozän-These, die seit einigen Jahren in der Geologie diskutiert wird. Danach ist mit dem Einbruch des Erdölzeitalters in den 1950er-Jahren eine neue geologische Epoche angebrochen, in der der Mensch zu einem zentralen Faktor bei den geologischen, biologischen und klimatischen Prozessen auf der Erde geworden ist. Mit ihren Eingriffen und Hinterlassenschaften erzeugt die Menschheit Spuren, buchstäblich für die Ewigkeit. Doch auch die pure Biomasse der ungebremst wachsenden Menschheit könnte sich im Boden ablagern.

Eine apokalyptische Vorstellung? Ja und nein, meinte die russische Philosophin und Künstlerin Oksana Timofejewa, die auf zwei unterschiedliche Apokalypse-Vorstellungen verwies. Die „westliche“ Vorstellung ginge nach Timofejewa davon aus, dass die Apokalypse noch vor uns stünde und wir Menschen durch unser Handeln alles tun müssten, um sie zu verhindern. Dagegen ginge das „östliche“ Denken davon aus, dass die Apokalypse immer schon eingetreten sei und es nur darum ginge, sich ihr als Einzelner und als Gesellschaft anzupassen.

Was also tun? „Kann unsere Humanität, können unsere Werte und unsere Ethik den notwendigen Wandel überstehen? Basiert unsere humanistische Ethik auf dem Überfluss von Öl?“, fragte die Stockholmer Literaturwissenschaftlerin Sofia Ahlberg. Antworten konnte das Wolfsburger Symposium nicht geben. Auch von der Ausstellung im Kunstmuseum werden sie im kommenden Jahr nicht zu erwarten sein, aber Denkanstöße.