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Freitag, 22. März 2019

Porträt

Aus der Mitte der Gesellschaft

Von Ines Gollnick | 8. März 2018 | Ausgabe 10

Die deutsch-iranische Ingenieurin Afsar Soheila Sattari ist ein „Role Model“ für junge Frauen.

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Foto: panthermedia.net/realinemedia

Bei Frauen den Spaß an Mint-Fächern wecken will Afsar Soheila Sattari.

Die Deutsch-Iranerin Afsar Soheila Sattari, Ingenieurin und Doktorin der Philosophie, ist die Hauptperson an diesem Abend in der Bibliothek des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln. Eine neue Vortragsreihe mit dem Titel „Wer bin ich und was war ich?“ hat Premiere. Akademikerinnen mit Fluchterfahrung referieren über ihren akademischen und beruflichen Werdegang in ihrem Heimatland und über ihre Situation nach der Flucht.

Foto: Ines Gollnick

„Ich will der Gesellschaft etwas von dem zurückgeben, was sie mir gegeben hat.“ Afsar Soheila Sattari, Ingenieurin und ehrenamtlich im dib e.V. tätig.

Kölns Sozialdezernent Harald Rau, Moderator des Abends, hält eine lange Einführung, obwohl ihn Sattaris Vita eigentlich auf positive Weise sprachlos mache, wie er einräumt. Politisch war die 59-Jährige seit ihrer Jugend unter anderem gegen Unterdrückung und für Menschenrechte im Iran aktiv. Sie entschied sich für ein Jurastudium, das sie nicht beenden durfte. Sie wurde nach eigenen Angaben verfolgt und hat zuletzt im Untergrund gelebt. Vor knapp 30 Jahren ist sie aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. Sie ist Mutter zweier Söhne und Ehefrau. Sie studierte in Köln, Abschluss Diplom-Ingenieurin, machte den Master of Science in Information Engineering (Informationstechnik), wurde Unternehmerin, ist Feministin, Publizistin, Ehrenamtlerin. Ihre Aktivitäten unterstreichen, welche Möglichkeiten Frauen trotz Flucht und Migration haben, wenn die Motivation, das Leben anzupacken, groß ist.

Afsar Soheila Sattari ist offenbar eine Frau, die den Blick immer wieder nach vorne richtet. Seit Oktober trägt die 59-Jährige den Titel Dr. phil. Sie gehört zum Kreis der Dozentinnen an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln und lehrt zum Thema „Transformation und Geschlecht“.

Die Idee, Frauen wie Afsar Soheila Sattari ans Rednerpult zu bitten, stammt vom „Soroptimist International Club Köln-Kolumba“. Er will ein umfassenderes Bild des Lebenslaufs von Asylbewerberinnen bzw. Migrantinnen in der Öffentlichkeit zeichnen. Der Club kooperiert dafür mit der „Silent University Mülheim“, eine nicht nur regionale, sondern weltweite autonome Plattform für den Wissensaustausch von und für Menschen mit Flüchtlingsstatus und auf Asylsuche.

Sattari hat viel erlebt und vieles geschafft. Doch das Thema Flucht und Migration prägt ihr Leben bis heute. Deshalb setzt sie sich auch ehrenamtlich für die Belange von Migrantinnen im „deutschen ingenieurinnenbund e. V.“ (dib) ein. Das macht sie neben ihrer Selbstständigkeit mit ihrer Firma Goal-Electronic Print Media & Training Services, mit der sie für den Mittelstand beispielsweise Websites generiert, technische Dokumentationen erstellt und Schulungen vornimmt.

Der Verein setzt sich schon lange und engagiert dafür ein, dass Frauen an die Technik herangeführt werden, auch in Zusammenarbeit mit anderen wie dem Kompetenzzentrum für Diversity und Chancengleichheit e. V. Mit der Flüchtlingswelle 2015 schlug Sattari vor, diese gesammelten methodischen Erfahrungen, wie Technik an Frauen herangetragen werden kann, auch mit Flüchtlingen und Migrantinnen auszuprobieren. So entstand 2015 die Arbeitsgruppe Mint Flucht/Migration – Frauen/Mädchen, kurz Mint FM-FM genannt. Ein halbes Jahr später schloss sich der Verein Frauen in Naturwissenschaft und Technik der Arbeitsgruppe an.

Seitdem berät Sattari für dib gemeinsam mit einer Kollegin Migrantinnen und Geflüchtete in den Bereichen Bildung, Berufseinstieg und Anerkennung der Abschlüsse. Sie ist bundesweit auf Veranstaltungen wie Girls‘ Days, Studieninformationswochen oder Berufsmessen aktiv. Das Team unterstützt bei der Praktikums- oder Arbeitsplatzsuche oder bei der Wahl des Studienfachs. Die Arbeitsgruppe fordert, dass diese Frauen und Mädchen in den Bereichen, in denen andere Kinder und Erwachsene bereits Förderung erhalten, künftig verstärkt gefördert werden. Das sei nötig. Sie dürften auf keinen Fall auf der Strecke bleiben. Sattari berichtet von praktisch orientierten Angeboten, mit denen die jungen Frauen auf den Geschmack kommen sollen, eine technische Fachrichtung zu studieren oder einen technischen Beruf zu erlernen. Über 50 Teilnehmerinnen haben im Mülheimer Rathaus vor kurzem einen Girls‘-Day-Parcours durchlaufen. In praktischen Versuchen, die der dib mit anderen entwickelt habe, ließen sich auf attraktive Weise Technik und Naturwissenschaft kennenlernen. Die jungen Frauen planen, im nächsten Jahr eine Ausbildung anzufangen. Bei einem anderen Workshop in Köln-Lindenthal haben Schülerinnen ihre Hemmschwellen überwunden und sich mit Versuchen getestet. „Sie sollen die Angst verlieren. Es ist für viele der erste Kontakt mit dieser Form der Technik. Physik zu verstehen, Technik zu verstehen, ist keine Zauberkunst“, so die Ingenieurin augenzwinkernd.

„Ich will der Gesellschaft etwas von dem zurückgeben, was sie mir gegeben hat“, unterstreicht Afsar Soheila Sattari ihren Antrieb. „Viele Möglichkeiten, die ich in dieser Gesellschaft bekommen habe, hat mir mein ursprüngliches Land verwehrt. Ich durfte nicht studieren, ich musste Schleier tragen. Ich konnte meinen Interessen nicht nachgehen und wurde vor allem wegen meines Kampfes für soziale Gerechtigkeit bestraft.“ Aber das ist nicht alles. Sie ist überzeugt: „Das Berufsfeld Mint kann für junge Frauen sehr attraktiv werden. Wenn man einen technischen Beruf erlernt, eine Ausbildung macht, einen Studium absolviert, bekommt man schneller eine Stelle und wird auch besser bezahlt.“  cer