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Sonntag, 21. Januar 2018

Jubiläum

Bedeutende Achse im europäischen Eisenbahnnetz

Von Ralf Roman Rossberg | 24. August 2017 | Ausgabe 34

Die Eisenbahn über den Brenner ist 150 Jahre alt. Elektrifiziert ist sie seit 1928. Die Vorläufer der Kehrtunnel, wie sie später am Gotthard gebaut wurden, lagen auf der Brennerbahn.

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Foto: dpa Picture-Alliance/ IMAGNO/Photoinstitut Bonartes

Bahnstation Brenner der Brennerbahn. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1900 von Würthle-Sohn in Salzburg.

Wer heute vom Brenner und der Eisenbahn spricht, denkt an den künftigen Basistunnel, der gegenwärtig gebaut wird. Doch auch die alte Bergstrecke, die am 24. August 1876 eröffnet wurde, hat nach wie vor erhebliche Bedeutung. „Die Brennerbahn muss (…) als Weltbahn bezeichnet werden, denn sie vermittelt (...) den Welthandel zwischen Italien und Deutschland, sodann auch zwischen dem Orient und Europa und stellt die nächste Verbindung des adriatischen Meeres mit der Nord- und Ostsee her“, – so schrieb weitblickend „K. aus Mieders“ am 12. Juni 1867 im „Bothen für Tirol“. Heute, nach 150 Jahren, kann die Beschreibung kaum treffender sein. Die Strecke ist Teil der Magistrale Berlin-Rom-Palermo und damit nach wie vor eine bedeutende Achse im europäischen Eisenbahnnetz.

Foto: dpa Picture-Alliance / Imagno

Der Wassertunnel bei Gossensass im Jahr 1889. Eine Fotografie von Anton Gratl. Zu den Besonderheiten der Brennerbahn gehörte, dass Bäche und Flussläufe zum Teil in Tunnel verlegt wurden, um das Flussbett für die Gleise benutzen zu können.

Als um 1850 die damalige österreichische Südbahn-Gesellschaft mit dem Bau begann, reichte die k.u.k. Monarchie weit hinunter in das spätere Italien. So bildeten Kufstein im Norden und Verona im Süden die vorgesehenen Endpunkte. Eröffnet wurden Kufstein-Innsbruck 1858, Verona-Trient und Trient-Bozen 1859. Der „Lückenschluss“ zwischen Bozen und Innsbruck über den Brenner folgte acht Jahre später. Zwar war dieser Teil der Strecke noch immer rein österreichisch, doch gehörten seit 1866 Venetien und die Lombardei bereits zu Italien, Grenzstation wurde Ala zwischen Verona und Rovereto. Nach dem Ersten Weltkrieg verschob sich die Grenze mit der Teilung Tirols noch weiter nach Norden, zum Brenner. „Der unglückliche Ausgang des Krieges hat den sonnigen Süden von der Heimat losgerissen; die Brennerbahn wurde entzweigeschnitten (...)“, beklagte der österreichische Autor Franz Kargl.

Seither verläuft die Grenze zwischen Österreich und Italien über den Brennerpass, der hydrologisch die Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria bildet, dagegen orografisch – in der Oberflächengestalt – nur den Sattel des Wipptals, eines von Innsbruck bis Sterzing reichenden Einschnitts im Alpenhauptkamm. Wipptal leitet sich von Vipitenum her, dem lateinischen Namen von Sterzing.

Mit nur etwa 1370 m ist der Brenner der Alpenübergang mit der geringsten Höhe über N.N. So konnte die Brennerbahn, nach dem Semmering die zweite bedeutende Eisenbahnverbindung über die Alpen, als einzige das Gebirge in offener Streckenführung ohne Scheiteltunnel überqueren.

Zu den Besonderheiten der Brennerbahn gehörte, dass Bäche und Flussläufe zum Teil in Tunnel verlegt wurden, um das Flussbett für die Gleise benutzen zu können. Auch die Vorläufer der Kehrtunnel, wie sie später am Gotthard gebaut wurden, lagen auf der Brennerbahn. Statt Brücken wurden bis zu 60 m hohe Dämme geschüttet und dazu bis auf Höhe der späteren Gleise Holzgerüste aufgerichtet, von denen aus vor allem das Ausbruchmaterial des Tunnelbaus gekippt wurde; das Gerüst verblieb im Damm und trug zur Stabilität bei.

So wurden kostspielige Bauwerke weitgehend vermieden, und die Kosten blieben mit rund 32 Mio. Gulden (auf Silberbasis umgerechnet heute rund 170 Mio.  €) für eine 127 km lange Gebirgsbahn äußerst gering. Dabei entstand die Strecke von Innsbruck bis Bozen mit den besten zur Verfügung stehenden Mitteln in der Rekordzeit von weniger als vier Jahren, wenn auch zunächst nur eingleisig. Der zweigleisige Ausbau war von Anfang an vorgesehen und schloss sich zum Teil unmittelbar an; auf der Südrampe dauerte er allerdings bis 1908.

Planer der Brennerbahn war Carl von Etzel, der Baudirektor der Südbahn-Gesellschaft. Er starb 1865 mitten in der Bauzeit, nur 53 Jahre alt. Seine Mitarbeiter vollendeten das Werk. Zum 25-jährigen Bestehen der Brennerbahn errichtete ihm die Südbahn-Gesellschaft am Bahnhof Brenner ein Denkmal, das am 24. August 1892 enthüllt wurde. Bis heute hat es allen Stürmen der Zeit getrotzt. Ursprünglich stand es im Freien, umgeben von einer großzügigen Anlage; erst später erhielt es den heutigen Platz in den Arkaden des Bahnhofsgebäudes.

Elektrifiziert ist die Brennerbahn seit 1928 auf beiden Seiten: in Österreich mit 15 kV/16 2/3 Hz, in Italien ursprünglich mit Drehstrom, seit 1965 mit Gleichstrom 3 kV.

Heute meint „Brennerbahn“ vielfach nur noch das Österreich gebliebene Teilstück zwischen Innsbruck und dem Brenner. So hat auch die Österreichische Post als Motiv für eine Sonderbriefmarke die elektrische Oldtimerlokomotive der Reihe 1020 gewählt, die tatsächlich nur bis zum Brenner fahren konnte; heutige Lokomotiven sind für beide Stromsysteme ausgerüstet. Trotzdem werden bei den nach wie vor langen Aufenthaltszeiten am Brenner die Lokomotiven vielfach auch heute gewechselt.

Die Nachbarn im Süden ließen zeitweise wenig Neigung erkennen, die gemeinsame Baugeschichte zu würdigen. So hat Italien, als vor 50 Jahren das 100-jährige Bestehen der Brennerbahn gefeiert werden sollte, eine Beteiligung abgelehnt. Der historische Zug, der am 23. September 1967 von Innsbruck über die Brennerbahn dampfte, erreichte nicht einmal die Passhöhe, sondern endete in Gries; eigentlich hätte er bis Bozen fahren sollen. Immerhin trafen sich 1992, als es 125 Jahre Brennerbahn zu feiern galt, im Bahnhof Brenner ein italienischer Schnelltriebzug ETR 500 und ein deutscher ICE.

Das 150-jährige Bestehen dieser bedeutenden Nord-Süd-Magistrale Europas wollen das österreichische Tirol und das italienische Südtirol miteinander würdigen, während tief darunter im Berg die künftige „Flachbahn“ entsteht, die Brennerbasistunnel, Österreich und Italien ohne sichtbare Grenze verbinden wird.  

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