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Mittwoch, 17. Januar 2018

Sicherheitspolitik

Begegnung in der Winternacht

Von Peter Steinmüller | 21. Dezember 2017 | Ausgabe 51

Vor 60 Jahren begann die deutsch-israelische Rüstungszusammenarbeit mit einem millionen- schweren Geheimgeschäft. Es liefert Stoff für einen Politthriller, der noch geschrieben werden muss.

BU Nora
Foto: ddp images/United Archives/Siegfried Pilz

Noratlas-Transportflugzeuge beim Hersteller Flugzeugbau Nord in Finkenwerder. Von dort wurden die Maschinen über französische Stützpunkte nach Israel geflogen.

Die Landschaft um das Kloster Rottal am Inn lag unter tiefem Schnee verborgen, als dort kurz vor Weihnachten 1957 drei Männer aus dem Morgenland vor der Tür des jung vermählten Ehepaars Franz Josef und Marianne Strauß standen. Der spätere Friedensnobelpreisträger Schimon Peres und seine Begleiter hatten jedoch nicht Gold, Weihrauch und Myrrhe im Gepäck, sondern den Wunsch nach massiver Militärhilfe für Israel.

Nach der langen Autofahrt von Frankreich her genoss die Delegation das von Marianne Strauß gekochte Abendessen. „Winterlich war die Stimmung nur draußen; Peres und ich hatten keinerlei Anlaufschwierigkeiten, um in ein offenes Gespräch zu kommen“, schildert Strauß die Begegnung in seinen Memoiren. Der Bundesverteidigungsminister und seine Gäste verbrachten die Nacht damit, ein Rüstungsgeschäft im Umfang von fast 300 Mio. DM auszuhandeln, das nur mündlich vereinbart wurde und sieben Jahre im Geheimen lief.

Dass ein Jahrzehnt nach dem Holocaust die israelische Delegation ausgerechnet die deutsche Regierung um Waffenhilfe bat, obwohl die Länder nicht einmal diplomatische Beziehungen unterhielten, lag an den schon damals komplizierten Verhältnissen im Nahen Osten. Zwar hatte die israelische Armee ein Jahr zuvor im Suez-Feldzug die ägyptischen Truppen auf dem Sinai überrannt, doch war ihr das mit Fahrzeugen und Flugzeugen gelungen, die zum großen Teil noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammten. Dagegen rüstete die Sowjetunion die arabischen Staaten mit modernen Panzern und Jets hoch, um sie im Kalten Krieg auf ihre Seite zu ziehen.

Foto: dpa Pkicture-Alliance/Gpo/Moshe_Pridan

Franz Josef Strauß (r.) lässt sich von Uzi Gal die von ihm erfundene Maschinenpistole zeigen. Sie wurde zur Standardwaffe der Bundeswehr.

Israel dagegen war von Frankreich als einzigem Lieferanten von modernem Kriegsgerät abhängig, das die Franzosen sich teuer bezahlen ließen. „Die USA halfen uns finanziell, aber nicht mit Waffen. Frankreich half uns mit Waffen, aber nicht mit Geld“, erinnerte sich Peres. Sein Anliegen: Im Zuge der Wiedergutmachung für den Judenmord im Dritten Reich sollte die Bundesrepublik die Waffen ohne Bezahlung liefern. Die deutsche Regierung hatte sich im Luxemburger Abkommen von 1952 zu Reparationszahlungen an den Staat Israel und Holocaust-Überlebende verpflichtet. Strauß hatte zu den entschiedensten Gegnern des Abkommens gehört.

Fünf Jahre später war er bereit, den jüdischen Staat zu unterstützen: „Die Bundeswehr war zwar noch in der Aufbauphase (...), aber ich war bereit, von dem Wenigen zu geben.“

Die Bundesrepublik sah, wie die USA, im jüdischen Staat einen wichtigen Partner im Nahen Osten. Doch gleichzeitig fürchteten die westlichen Staaten, ein zu offenes Eintreten für Israel würde das blockfreie Ägypten und seine Alliierten in die Arme des Warschauer Paktes und zur Anerkennung der DDR treiben, der die Bundesrepublik die Eigenstaatlichkeit absprach.

Den Akteuren im geheimen Spiel kam zugute, dass die Bundeswehr gerade massiv mit US-Gerät aufrüstete. So konnten einfach mehr Waffen als benötigt geordert und der Überschuss heimlich nach Israel gebracht werden, ohne dass dies Rückschlüsse auf den Auftraggeber zuließ.

Dabei kam es zu bizarren Zwischenfällen, die wahlweise Stoff für einen Thriller oder eine Komödie bieten. Strauß schreibt: „Wir haben die Israel zugesagten Geräte und Waffen heimlich aus den Depots der Bundeswehr geholt und hernach als Ablenkungsmanöver bei der Polizei in einigen Fällen Diebstahlsanzeige erstattet.“ Angeblich brachte Strauß dem Kölner Mossad-Residenten einmal persönlich eine neu entwickelte Panzergranate „für die Boys in Tel Aviv“ vorbei. Bei Großgerät gestaltete sich die Geheimhaltung schwierig. So stellte bei Ankunft eines Schiffs mit 24 Transporthubschraubern des Typs Sikorsky CH-34 der Spediteur fest, dass zwei Maschinen fehlten. Das FBI fand sie in Israel wieder, wo sie laut Bundesregierung zur Erprobung flogen.

Kampfpanzer verkeilten sich auf dem Weg in italienische Häfen in den Alpentunneln, über die Bergung der Ungetüme mit unbestimmtem Reiseziel berichtete die Presse. Ebenfalls Schlagzeilen machte ein Waffenfund des italienischen Zolls im Hafen von Genua. Der israelische Frachter, der die unscheinbaren Kisten hätte diskret übernehmen sollen, hatte am falschen Kai festgemacht.

Die Transportflugzeuge vom Typ Noratlas, die die Firma Flugzeugbau Nord in Finkenwerder produzierte, flogen zum Stützpunkt Lahr der französischen Luftwaffe. Dort wurden die Bundeswehr-Kennzeichen mit dem Davidstern übermalt und die Maschinen via Marseille nach Israel überführt. Da sie Lizenzbauten eines französischen Typs waren, blieb ihre Herkunft verborgen.

Die Waffengeschäfte waren keine Einbahnstraße. Um die schwach entwickelte israelische Industrie zu stärken, bestellte die Bundeswehr von ihr Ausrüstung und Munition, die bezahlt wurden. Dazu gehörten 10 000 angeblich für die Nato bestimmte Uniformen. Als ehemalige Zwangsarbeiterinnen sich beschwerten, dass sie zum zweiten Mal in ihrem Leben deutsche Uniformen schneidern mussten, wies ihnen die Firmenleitung andere Aufgaben zu, bevor die Affäre ruchbar wurde.

Populärstes Zeugnis der deutsch-israelischen Rüstungskooperation ist die Uzi-Maschinenpistole. Die technisch primitive, aber äußerst zuverlässige Waffe gehörte für Jahrzehnte zur Standardausrüstung der Bundeswehr. Der deutsche Journalist Rolf Vogel versicherte Schimon Peres: „Die Uzi in der Hand deutscher Soldaten ist sicher besser als alle Broschüren gegen Antisemitismus.“ Selbst bei ihr spielte die deutsche Vergangenheit mit. Der Erfinder Uzi Gal war in Weimar geboren und als Jugendlicher vor den Nazis nach Palästina geflüchtet.

1964 flog der klandestine Pakt auf, ein Jahr später nahmen Israel und die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen auf. In einem offiziellen Vertrag verständigten sich die Länder über den Umfang der abschließenden Lieferungen.

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2008 vor dem israelischen Parlament erklärte: „Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar“, legitimierte sie noch einmal moralisch jene Vereinbarung, die Franz Josef Strauß und Schimon Peres in jener kalten Winternacht des Jahres 1957 getroffen hatten. Die Zusammenarbeit hält bis heute an: So baut ThyssenKrupp Marine Systems in Kiel gerade an vier Korvetten und drei U-Booten für die israelische Marine.

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