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Samstag, 20. Januar 2018

Porträt

Das Leben neu denken

Von Ines Gollnick | 12. Oktober 2017 | Ausgabe 41

Die Ingenieurin Mone Veismann hat in der Forschung gearbeitet und ist dann Lehrerin geworden.

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Foto: Ines Gollnick

Frauenpower: Gemeinsam wird an einer kleinen automatisierten Bewässerungsanlage im Rahmen der Junior-Ingenieur-Akademie gearbeitet.

Die hohen Temperaturen im Klassenzimmer interessieren die Neuntklässler am Bonner Hardtberg-Gymnasium an diesem frühen Morgen wenig. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt den Prototypen, die sie im Rahmen der Junior-Ingenieur-Akademie (JIA), ein Wahlpflichtfach in der Mittelstufe, konstruieren und programmieren.

Der Teebeutelautomat, der einem kleinen Galgen ähnelt, will noch nicht so recht funktionieren. Die beiden Schüler fragen sich, was bei der Programmierung nicht stimmen könnte. Ein paar Tische weiter sieht eine Bewässerungsanlage fast fertig aus. Zwei junge Frauen löten kleine Kabel, die für die Inbetriebnahme der Aquariumpumpe gebraucht werden. Wenn alles wie von ihnen geplant läuft, prüft ein Sensor die Feuchtigkeit im Blumentopf und gibt ein Signal an den Mikrocontroller, der bei einem vorgegebenen Feuchtigkeitsgrad die Aquarium-Pumpe aktiviert, damit die kleine Pflanze im Topf nicht verdurstet. Mone Veismann macht etwas Druck. Die Präsentationen stehen an. Sie setzt sich zu den jungen Programmierern. Gemeinsam eliminieren sie einen Syntaxfehler. Endlich kann Tee gekocht werden.

Der Mangel an Fachlehrern für die naturwissenschaftlichen Fächer Physik und Mathematik brachte Mone Veismann vor fast zehn Jahren ans Hardtberg-Gymnasium. Außerdem betreut sie seit mehreren Jahren die Junior-Ingenieur-Akademie. Dafür kooperiert die Schule mit der Deutsche Telekom Stiftung, die die Akademieidee als externer Partner entwickelte und finanziell fördert. Das Fach ist äußerst beliebt, denn es vermittelt ingenieurwissenschaftliche und technische Themen auf besonders praxisnahe Art und Weise. Die Teenager besuchen externe Lernorte wie die Stadtwerke oder eine Fachhochschule. So soll ihr Interesse für technische Fragen und Berufsfelder geweckt werden. Wer könnte so etwas besser leisten als eine Ingenieurin, die aus der Praxis, in diesem Fall der Forschung, kommt und weiß, wie Ingenieure ticken.

Foto: Ines Gollnick

Mone Veismann

Lehrerin wollte Mone Veismann nie werden. Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie während ihres Studiums in Aachen für eine Lehrtätigkeit angeworben werden sollte. Damals hatte sie das weit von sich gewiesen. Nach dem Studium arbeitete sie fünf Jahre lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bremer Institut für Produktion und Logistik (BIBA), ein ingenieurwissenschaftliches Forschungsinstitut der Universität Bremen, das damals noch Institut für Betriebstechnik und Angewandte Arbeitswissenschaften hieß.

Sie beschäftigte sich mit den Grundlagen des Maschinenwesens, Schwerpunkt Strömungstechnik. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Karrierepläne standen plötzlich zur Disposition, weil sie schwanger wurde. Das Leben musste neu und anders gedacht werden. Die junge Frau ließ sich auf die neue Situation mit Freude ein. Sie erforschte nicht mehr die computergestützte Kooperation von Klein- und Mittelständischen Unternehmen, sondern das Dasein und die Rolle als Mutter. Sie bekam noch zwei Mädchen, die heute 15 und 12 Jahre alt sind.

Ohne ihre Kinder hätte Mone Veismann den Weg in den Schuldienst vermutlich nicht eingeschlagen. Denn sie erfuhr durch eine Eltern-Kind-Gruppe, dass ein Bonner Gymnasium eine Vertretungslehrerin für Physik suchte. Sie wollte es ausprobieren, auch ohne Pädagogik studiert zu haben. Die Stelle war für sechs Monate ausgeschrieben. Nach dem Wechsel zum Hardtberg-Gymnasium absolvierte sie eine einjährige pädagogische Einführung und erhielt eine Lehrerlaubnis, um Mathematik und Physik bis zur Sekundarstufe 1 zu unterrichten. Der Mangel an Lehrern für die Naturwissenschaften war die Gelegenheit, beruflich wieder Fuß zu fassen.

Doch die Chance, die sich für die Schulen mit diesen neuen, kreativen Köpfen auftut, liegt noch woanders. So wäre am Hardtberg-Gymnasium die Einführung der Junior-Ingenieur-Akademie, ohne Seiteneinsteiger wie Mone Veismann nicht zu leisten. Schulleiterin Inge Stauder und Mone Veismann ergriffen die Initiative, um die Akademie mit Unterstützung der Telekom Stiftung zu etablieren. So etwas dauert zwischen sechs und zwölf Monaten. Ein Curriculum muss entwickelt werden. Mit anderen Worten: Seiteneinsteiger befördern – zumindest in diesem Fall – praxisorientierten Unterricht.

Die zweijährige Junior-Ingenieur-Akademie befasst sich mit Themen wie Energietechnik, Umwelt- und Klimaschutz, Automatisierung und am Schluss mit der Entwicklung und dem Bau eines Mikrocontrollers. So gehen die Schüler, wenn sie die Grundlagen erarbeitet haben, in Unternehmen wie die Stadtwerke Bonn, um zu erfahren, wie es in der Praxis wirklich funktioniert. Die enge Kooperation von Schule, Unternehmen und auch Hochschulen ermöglicht den Acht- und Neuntklässlern die Arbeit von Forschern und Ingenieuren kennenzulernen und eigene Talente zu entdecken.

Auf diesem Weg sind Praktiker wie Mone Veismann die richtigen pädagogischen Begleiter, weil sie selber in ihrem früheren Berufsleben planerisch und forschend unterwegs war. So weit zu kommen, dass man einen Prototypen herstellt, Erkenntnisse gewinnt und Dinge verbessert, ist das Ziel dieser Form von Unterricht. Fächer mit Alltags- und Lebensbezug machen für Mone Veismann den Reiz aus. Die Schüler erführen gerade im technischen Unterricht, wofür sie das Gelernte brauchen. Und die Maschinenbauingenieurin kann deutlich machen, worauf es im Beruf ankommt.

Mone Veismann hat noch viele neue Pläne. Sie plädiert für einen festen Technikgrundkurs in der Oberstufe. Sie hat einen Zertifikatskurs für Technik besucht, damit sie in der Oberstufe Technik unterrichten kann. Sie will das Fachgebiet gestärkt sehen, um Schüler und Schülerinnen vorbereitet in eine Welt zu schicken, in der Technik eine immer größere Rolle spielt.

Den Schritt weg von der Forschung hinein in das pralle Leben einer Schule hat sie nicht bereut. Ganz im Gegenteil. Vermutlich habe sie anfangs zu schwierigen Unterricht gemacht, gibt sie selbstkritisch in der Rückschau mit einem Schmunzeln zu. Doch das ist Schnee von gestern. Wenn sie heute von ihren Schülern und Schülerinnen den Satz hört: „Das hab ich verstanden“, beispielsweise das Hebelgesetz, strömen bei ihr die Endorphine.

Für das Gymnasium war der Schlussstrich der Ingenieurin unter ihre Forschungskarriere ebenfalls ein Glück. Denn Seiteneinsteiger bringen neue Ideen aus anderen beruflichen Perspektiven mit, die für die Studien- und Berufswahl von Schülern zukunftsweisend sein können.  

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