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Sonntag, 17. Dezember 2017

Bildung

Der Club der toughen  Mädels

Von Chris Löwer | 10. August 2017 | Ausgabe 32

Mehr Frauen sollen Programmiererinnen werden.

BU_Girls who code
Foto: Girls who code

40 000 Mädchen haben Coding-Kurse der US-Organisation Girls Who Code seit 2012 absolviert. 93 % von ihnenen Danach ein IT-Studium aufgenommen.

Die Mädels winken fast schon empört ab: „Wegen meiner langen Wimpern kann ich kaum den Bildschirm sehen“, sagt eine. Die andere: „Meine Brüste behindern mich beim Programmieren.“ Das sind selbstironische Statements, mit denen die gemeinnützige Organisation Girls Who Code per Videoclip ein Blitzlicht auf eine Männerdomäne wirft, in der es talentierte Frauen schwer haben, Fuß zu fassen. Oft genug versuchen sie erst gar nicht, Schritte in Richtung IT zu gehen – Gründe es nicht zu tun, scheint es ja genügend zu geben. Das Vorurteil sitzt tief in den Köpfen: Mädchen, die programmieren? Lass das mal lieber die Jungs machen!

Nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich findet Reshma Saujani, Gründerin und Chefin von Girls Who Code, diesen Umstand: „Wenn es nicht gelingt, Mädchen für den Beruf zu gewinnen, werden uns wertvolle Innovationen durch die Lappen gehen“, sagte sie in ihrer Keynote bei der Technologiekonferenz LiveWorx des IT-Unternehmens PTC in Boston. Vor dem männerdominierten Auditorium warnte sie: „Das Hauptproblem von Technologiefirmen ist, dass sie nicht genug Softwareingenieure finden. Das ist nicht zu entschuldigen.“ Sie sieht die Industrie in der Pflicht. Und doch hilft sie mit ihrem Verein seit fünf Jahren kräftig nach: „Wir wollen Computerwissen in jedes Klassenzimmer bringen“, ist Saujanis Ziel. Mehr noch: Die Rechtsanwältin verfolgt mit ihren Mitstreitern die Mission, die Geschlechterkluft in technischen Berufen zu schließen.

Girls Who Code sorgt aber auch für Lockerungsübungen bei Mädchen, die mitunter von dem nerdigen Informatikerimage abgetörnt sind. Dabei sind die Zeiten der pickligen Einzelkämpfer in muffigen Büros, die nur über einen Stapel Pizzakartons betretbar sind, vorbei. Programmieren ist Teamwork und extrem lebenspraktisch. Das merken Mädchen, wenn sie in den Kursen der Organisation ihre eigenen Apps programmieren, mit denen Flüchtlingen geholfen oder Nachhilfe für die Schule smartphonetauglich wird. Viele sind dann erstaunt, wie einfach das geht – und Spaß macht. Der Erfolg der Initiative ist groß: Für das Sommerprogramm haben sich 7000 Mädchen angemeldet, es gibt aber nur 1600 Plätze, so Saujani.

Seit 2012 hat die Organisation Coding-Kurse für 40 000 Mädchen durchgeführt. 93 % der Teilnehmerinnen haben danach ein IT-Studium aufgenommen, berichtete Saujani auf der LiveWorx. Ihr Kalkül: „Wenn Mädchen coden lernen, dann werden sie Nachahmer in ihren Communitys finden.“ Die Welle kommt ins Rollen. In der Tat: Los ging es mit gerade mal 20 Mädchen aus New York. Jetzt ist daraus eine nationale Bewegung geworden, die in allen 50 US-Bundesstaaten unterwegs ist.

„Tech-Jobs zählen zu den am stärksten wachsenden im Land, nur Mädchen spüren davon nichts”, beklagt Reshma Saujani. Gerade im Alter von 13 bis 17 Jahren seien Jugendliche dafür am begeisterungsfähigsten, weswegen spätestens dann bei dem Nachwuchs das Feuer entfacht werden müsse. In den USA ist das bislang bei Frauen nicht sonderlich gut gelungen, rechnet Saujani vor: Während 1984 immerhin noch 37 % der Informatikabsolventen Frauen waren, ist diese Quote nunmehr auf 18 % zusammengefallen. Im Jahr 2020 werde es in den USA 1,4 % offene IT-Stellen geben, die allerdings nur zu 29 % von US-Absolventen besetzt werden können – gerade mal 3 % davon werden Frauen sein.

In Deutschland sieht es ähnlich schlecht aus: Nach einer Studie des Branchenverbandes Bitkom liegt der Frauenanteil in Unternehmen der Informationstechnologie und Telekommunikation bei 15 %. Zahlen zu den kommenden Absolventen gibt es nicht. „Es kann nicht sein, dass ein derart großer Teil wertvoller Kräfte, deren Ideen, Innovationen und Kreativität, brach liegt“, meint Saujani.

Aber es tut sich was. In den vergangenen Jahren haben sich weltweit Netzwerke von Frauen gebildet, die ähnliche Ziele wie Saujani verfolgen, etwa Girls in Tech, Geekettes, Rails Girls Berlin, Girls on Web Society sowie Femgeeks. Oder Women Who Code. Die gemeinnützige Organisation aus dem Silicon Valley arbeitet mit Ehrenamtlichen weltweit an der Vernetzung und Förderung von Frauen in IT-Berufen. Gründerin und Chefin Alaina Percival hat bereits in 50 Städten auf allen Kontinenten Büros eröffnet. Gut 25 000 Mitglieder zählt Women Who Code. Die Mitstreiter werben um Sponsoren, die Workshops, Technologiekonferenzen und Aufklärungsarbeit finanzieren. Percivals Botschaft: „Es ist nie zu spät, programmieren zu lernen. Sie können Ihr Leben auch mit 55 neu erfinden.“ Und das könnte mangels Masse äußerst lukrativ sein, weil hochdotierte Jobs bei flexiblen Arbeitszeiten locken.

Percivals Netzwerk versucht zudem, ins Stocken geratene Karrieren anzuschieben – zumal 56 % der Frauen in Tech-Jobs hinschmeißen, weil sie an gläserne Decken stoßen und Beförderungen Männern vorbehalten zu sein scheinen. Mit Erfolgsgeschichten versuchen die Aktivisten von Women Who Code die Industrie für diese Probleme zu sensibilisieren – vor allem dafür, dass weder Brüste noch lange Wimpern Geistesblitzen und einer Karriere in der IT im Wege stehen.cer/cb

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