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Samstag, 20. Januar 2018

Ausstellung

Der Träumer aus Itzehoe

Von Johannes Wendland | 16. November 2017 | Ausgabe 46

Wenzel Hablik verstand sich als Architekt, doch keines seiner Gebäude wurde jemals gebaut.

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Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe

Visionär: Habliks freitragende Kuppel mit fünf Bergspitzen als Basis aus dem Jahr 1918/23/24. Der Kristall, so sah es Hablik, sei das vollendetste Werk der schöpferischen Natur.

Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe

Ein Porträt des Künstlers Wenzel Hablik um ca. 1925. Hablik sah sich als Architekt, der aber als Porzellanmaler und -gestalter sein Geld verdiente.

Der damals 28-jährige Künstler und Kunsthandwerker Wenzel Hablik erhielt 1919 eine ungewöhnliche Einladung. Der aus den revolutionären Wirren der Monate nach Ende des Ersten Weltkriegs hervorgegangene „Arbeitsrat für Kunst“, der nach dem Vorbild der Arbeiter- und Soldatenräten gebildet wurde, plante in Berlin eine „Ausstellung für unbekannte Architekten“. Die Baukunst, so die Idee, sollte die Grundlagen für eine neue, gerechte, antimilitaristische Gesellschaft schaffen. Und insbesondere bei den noch „unbekannten“ Architekten erhofften sich die Veranstalter bahnbrechende Ansätze und Ideen.

Moderne in Berlin

Bei Wenzel Hablik, der aus Böhmen stammte und im schleswig-holsteinischen Itzehoe lebte, waren sie genau richtig. Hablik war einer dieser Visionäre, die von einer Erneuerung der Menschheit durch eine radikal andere Architektur träumten. Bereits in den Jahren vor Ausbruch des Krieges hatte er in Zeichnungen, Skizzen und Ölbildern seine utopische „Kristallarchitektur“ entworfen: Inmitten der Natur, auf Berggipfeln oder auf Inseln im Meer erheben sich fantastische, kristalline Gebäude voller Ecken und Kanten.

Wie Stalagmiten wachsen schlanke, hohe Bauwerke gen Himmel. Sie funkeln und leuchten und bilden eine Einheit mit der sie umgebenden Landschaft. Eine bestimmte Funktion haben diese Bauwerke auf den Bildern von Wenzel Hablik nicht, doch wirken sie zweifellos sakral. Der Kristall, so sah es Hablik, sei das vollendetste Werk der schöpferischen Natur und deshalb solle sich der Mensch bei seinem Schöpfertum genau daran orientieren, um selbst seiner Vollendung näherzukommen.

Habliks Utopien, die niemals realisiert wurden, waren 1919 tatsächlich auf der Ausstellung der „unbekannten Architekten“ zu sehen, zusammen mit Entwürfen von Geistesverwandten wie Hans Scharoun, Walter Gropius und den Brüdern Taut. Es waren beeindruckende Bildschöpfungen, wie man jetzt in der großen Ausstellung „Wenzel Hablik – Expressionistische Utopien“ in der Reihe „Wiederentdeckte Moderne“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin sehen kann. Die Schau mit ihren rund 300 Gemälden, Zeichnungen, Radierungen und kunsthandwerklichen Objekten, die vor allem durch die Bestände des Wenzel-Hablik-Museums Itzehoe bestückt wurde, beeindruckt durch die Fantasie und Schaffensfreude, die in den Exponaten zum Ausdruck kommt – doch den stärksten Eindruck hinterlassen bis heute die Architekturutopien des Wenzel Hablik.

Es sind die Werke eines Künstlers, nicht eines Architekten. Nie hat Hablik sein Geld als Baumeister verdient. Stattdessen hat der 1881 in Brüx (Böhmen) geborene und 1934 in Itzehoe verstorbene Künstler als Porzellanmaler und Gestalter von Tapeten-, Textil- und Möbelentwürfen gewirkt. Seine Frau Elisabeth betrieb in Itzehoe eine florierende Webwerkstatt, was Hablik den Rücken für seine künstlerische Arbeit freihielt. Mitarbeiten konnte er in der Werkstatt auch – Produkte aus der gemeinsamen Arbeit in der Werkstatt sind ebenfalls im Gropiusbau ausgestellt. Zu sehen ist, wie Hablik die vielfältigen stilistischen Einflüsse und Moden der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhundert aufnimmt und sich aneignet, vom Symbolismus und Jugendstil über Expressionismus und Futurismus bis zur Neuen Sachlichkeit der 1920erJahre, die den reduzierten Linien der funktionalistischen Moderne den Weg bahnten.

Die vielleicht bemerkenswerteste Umsetzung seiner Designvorstellungen ist in der Berliner Ausstellung als Rekonstruktion zu sehen: 1923 hat Hablik das Esszimmer der gründerzeitlichen Villa in Itzehoe, die er ab 1917 mit seiner Frau bewohnte, mit einer speziellen Farbkomposition gestaltet, wobei Decken und Wände zu einer einzigen, ineinander übergehenden Malfläche verbunden werden. Streifen in kräftigen Farben umrahmen Flächen mit Pastelltönen. Auch Fensterrahmen und Türen sind nicht ausgespart, ebenso sind die Möbel alle aus eigener Herstellung. So entstand ein Gesamtkunstwerk. Die Raumgestaltung ist später übermalt worden und wurde vor wenigen Jahren in der noch vorhandenen Villa wiederentdeckt und freigelegt.

Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe

Eine von vielen Skizzen: Ein Ausstellungsgebäude, gezeichnet mit Tusche, Bleistift, Farbstift und Aquarell auf Karton von 1919.

Wenzel Hablik erscheint in der Berliner Ausstellung als ein poröser Künstler, der stets bereit war, neue Anregungen aufzunehmen. Eine eigene, unverwechselbare Handschrift hat er indes nie erreicht, weshalb er von der Kunstgeschichte wohl auch zu Recht zur zweiten Garde gezählt wird. Mal schimmert in seinen Werken allzu stark der Einfluss des norwegischen Malers Edvard Munch durch, mal wirken die symbolistischen Verweise überdeutlich.

Da es seit Jahrzehnten keine Übersichtsausstellung zu Hablik gab und er erstmals eine große Einzelausstellung in Berlin erhalten hat, ist es dennoch ein Ereignis.  cer

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