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Donnerstag, 21. März 2019

Zeitgeschichte

Design, der Zukunft zugewandt

Von Manfred Schulze | 17. Mai 2018 | Ausgabe 20

Design in der DDR war entgegen allen Klischees nicht nur grau und banal. Das zeigt eine Ausstellung in Leipzig.

BU Mixer
Foto: Johannes Kramer/Stiftung Haus der Geschichte

Legende in Orangerot: Das Küchenrührgerät RG 28 war robust gebaut und zuverlässig im Betrieb.

Alles nach Plan? Formgestaltung in der DDR“ – schon die ungewohnte Sprache des Mottos der Ausstellung lässt aufhorchen. Hinter dem Eisernen Vorhang wurde Abgrenzung, auch vom westlichen Sprach- und Konsumgebrauch, immer großgeschrieben.

Kreativ in der Mangelwirtschaft

Gab es so etwas wie Design in der DDR? Dazu kann man sich am Ende des Ausstellung Ausschnitte von Filminterviews anhören, die mit mehr als 30 freiberuflichen wie auch in den Kombinaten angestellten Formgestaltern geführt wurden. Fazit: Das gab es natürlich. Und zwar einerseits vom Mangel und von einer kruden ideologisierten Kontrollsucht geprägt. Der allmächtige, erziehungssüchtige Staat wollte sogar die Formensprache der Produkte bestimmen. Zum anderen aber, so resümieren die interviewten DDR-Designer, waren die Produkte häufig funktional und auf Langlebigkeit ausgelegt.

Und so spaltet sich das Publikum nach Ost und West: Während die Touristen aus Hamburg, Köln oder München staunen, dass es durchaus Knallbuntes gab, entdecken die Einheimischen etliches wieder, was sie noch kennen oder sogar noch nutzen – wie eine „Luftdusche“ (der Ostföhn hieß tatsächlich so) oder das legendäre Küchenrührgerät RG 28 in orangerot. Der Motor des Handmixers, Baujahr Mitte der 1970er-Jahre – läuft und läuft und läuft. Da bricht nichts ab oder schmort durch, und in der Hand liegt das Ding auch ganz ordentlich (der Autor weiß das so genau, weil er ein solches Gerät tatsächlich noch benutzt).

Foto: Johannes Kramer/Stiftung Haus der Geschichte

„Luftdusche LD 64“ hieß dieser Föhn. Wie andere DDR-Produkte war er auf Funktionalität und Langlebigkeit ausgelegt.

Viel interessanter in der Ausstellung als die Produkte für den Hausgebrauch sind aber die Entwürfe für Maschinen und Fahrzeuge – und die mitunter sehr aufschlussreichen Geschichten hinter deren Entstehung. Da wurde für die Berliner S-Bahn, die zum Teil bis in die 80er-Jahre noch mit Vorkriegswagen unterwegs war, ein neues Fahrzeug von einem Bahnkonstrukteur entworfen. Offenbar war ihm klar, dass er auf dem offiziellen Weg – über den Plan des Betriebes und die Genehmigungswege des von einem Staatssekretär geleiteten Amtes für Formgestaltung – kaum eine Chance haben würde. Und so schmuggelte der Konstrukteur seinen für die DDR ungeheuer modern wirkenden Bahnwagen in die Kunstausstellung der DDR, was die Behörden natürlich unter öffentlichen Druck setzte. Die Folge: Eine Abmahnung – aber letztlich wurden auch tatsächlich ein paar der neuen Fahrzeuge aufs Gleis gestellt.

Nicht so gut ging es bekanntlich mit den Versuchen aus, den Trabi in den späten 1960er-Jahren zu modernisieren. Die Entwürfe verschwanden in den Panzerschränken – zu teuer. Anderes kam recht unkompliziert auf den Markt, weil die Großkombinate – egal ob sie Kohlebagger, Druckmaschinen oder Panzerketten herstellten – durch die Herstellung von zusätzlichen Konsumgütern die schlechte Versorgungslage ein wenig aufbessern sollten. Und so kamen dann mitunter recht nützliche Dinge wie fahrbare Rasenmäher mit einem Mopedmotor, ein Regalsystem aus Industrierohr oder Fernseher auf den Markt, die den Hauch von Bastelei atmen, aber oft zu wertvoller Tausch- und Bückware wurden.

Die vom Staat verlangte Formensprache, so weiß es Museumsdirektor Jürgen Reiche, hat mehrere Wandlungen durchgemacht. Am Anfang standen durchaus auch Vertreter des Bauhauses wie der Holländer Mart Stam für die Formensprache, doch schon ab Anfang der 1950er-Jahre begann die SED-Führung eine Kampagne gegen „Formalismus“ – fortan sollte vor allem „Volkstümliches“ gefördert werden.

Foto: Johannes Kramer/Stiftung Haus der Geschichte

Plaste zum Frühstück: Die Eierbecher mit Huhnkörper entwarf Josef Böhm Ende der 1960er-Jahre.

Am Ende des Jahrzehnts kam dann das Plastikzeitalter – alles mögliche aus Metall, vom Eimer bis zur Milchkanne oder dem Teller, wurde jetzt aus buntem Kunststoff geformt. Immerhin, es gab in der DDR eine Hochschulausbildung für Formgestaltung, die Absolventen arbeiteten allerdings nur in Ausnahmefällen freiberuflich, meist waren sie in den Betrieben angestellt – und damit auch entsprechend unter Kontrolle. Das Design für Industrieprodukte spielte dabei immer noch eine Sonderrolle, für die die Ausstellung allerdings nur wenige Beispiele wie einen Elektroscheider aus dem Schwermaschinenkombinat SKET liefert. Neben der Verfügbarkeit von Material ging es hier auch um Exportchancen. Die chronisch an Devisenknappheit leidende DDR musste sich letztlich dem Weltmarkt anpassen.