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Sonntag, 21. Januar 2018

Berufseinstieg

Die erste Hürde ist meist die höchste

Von Sebastian Wolking | 21. Dezember 2017 | Ausgabe 51

Zu Beginn lauern Fettnäpfchen an jeder Ecke. Wie überstehen Anfänger die ersten 100 Tage im Job? Eine Diskussion in Göttingen gab Antworten.

Erste BU
Foto: panthermedia.net/alphaspirit

Keine Angst. Und falls die Hürde doch fällt, war der missratene Start eine gute Lektion.

Neue Kollegen, ungewohnte Umgebung, unerforschte Unternehmenskultur – gerade in den ersten Wochen und Monaten lauern Fettnäpfchen an jeder Ecke. Wie überstehen Berufsanfänger die ersten 100 Tage im Job? Bei einer Podiumsdiskussion in Göttingen gaben Experten Tipps — und plauderten aus dem Nähkästchen

Checkliste für Berufsanfänger

Die Karriere von Thomas Holm begann im Bundestag in der Bundeshauptstadt Bonn. Damals, Ende der 80er-Jahre, stieg der Hamburger als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim CDU-Abgeordneten Klaus Francke ein. Für einen studierten Politologen wie Holm roch das nach Traumstelle. Indes, die Chemie stimmte nicht. Feedback gab es für den Novizen keines, Anerkennung erst recht nicht. Man war nicht zufrieden mit ihm. „Das habe ich erst erfahren, als mir gesagt wurde, dass mir gekündigt wird“, so Holm. Das war im zehnten Monat der auf ein Jahr befristeten Anstellung. Zeit, um sich neu aufzustellen und die Stelle vielleicht doch noch zu halten, blieb keine.

„Da bin ich voll gegen die Wand gelaufen“, sagte Holm. Er zog weiter, heuerte bei einem Fertighaushersteller an, wechselte dann zu einer privaten Krankenversicherung. Heute ist er Leiter des Gesundheitsmanagements der Techniker Krankenkasse. Sein vermasselter Berufseinstieg liegt lange zurück, ist aber haften geblieben.

Nicht selten glauben Bewerber, mit dem Vorstellungsgespräch und der Vertragsunterzeichnung die größten Hürden genommen zu haben. Ein Trugschluss. Die ersten Wochen und Monate im Job sind es, die über das weitere Wohl und Wehe im Unternehmen bestimmen.

Verlässliche Zahlen darüber, wie oft Arbeitnehmer, auch Ingenieure, in der Probezeit wieder gehen müssen, gibt es zwar nicht. Aber schon ein Blick in den Datenreport 2017 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt, wie wichtig und weichenstellend die Anfangszeit in der neuen Firma ist. Demnach wurden im Jahr 2015 bundesweit 142 275 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. 35,1 % der Vertragsauflösungen erfolgten noch während der ersten vier Monate, 31,3 % zwischen dem fünften und zwölften Monat.

Und die Kündigungen in der Anfangszeit nehmen zu. 1993 wurden erst 25 % der Azubi-Verträge in der Probezeit beendet. Dabei gilt: Je höher der Bildungsgrad des Auszubildenden, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass es zwischen ihm und dem Arbeitgeber nicht passt. Auch sind technische Berufe wie Industriemechaniker oder Mechatroniker in der Statistik unterrepräsentiert. Das lässt einerseits den Schluss zu, dass gut ausgebildete Ingenieure keineswegs zu einer Hochrisikogruppe zählen. Aber wenn das Aus kommt, dann auch für sie recht früh.

Für Anfänger ist es wichtig, rasch Feedback einzuholen. „Auf keinen Fall nach 100 Tagen“, rät Holm. Denn die Probezeit dauert höchstens sechs Monate. „Sie haben dann nur noch maximal zwei Monate, um aus einer kritischen Beurteilung herauszukommen. Das schaffen Sie nicht.“ Man müsse viel früher wissen, wie der Eindruck von Vorgesetzten und Kollegen sei.

Holm rät, bereits nach zwei Wochen das erste Gespräch zu suchen, vorzufühlen, wie die erste Bewertung ausfällt. „Es gab kein Feedback“, sagt er rückblickend auf seinen Berufseinstieg. „Ich habe mich aber auch nicht aktiv um ein Feedback gekümmert.“ Als Grünschnabel habe er sich gar nicht getraut, zu fragen.

Foto: CDU Kreisverband Göttingen

„Man muss sich die ungeschriebenen Gesetze durch Beobachtung erschließen.“ Ludwig Theuvsen, Universität Göttingen.

Neueinsteiger müssten zunächst verstehen, wie die Netzwerke im Unternehmen aufgebaut sind, sagte Ludwig Theuvsen, Betriebswirt am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung an der Universität Göttingen. Als Stadtrat in der Leinestadt ist er auch politisch aktiv, hatte als CDU-Kandidat den Sprung in den Bundestag im September 2017 knapp verpasst.

Theuvsen kennt die Dynamiken in und zwischen Hochschulen, Unternehmen, Parteien. „An Hierarchien kann man nicht alles ablesen“, hat Theuvsen festgestellt, auch wenn die Umgangsformen im neuen Unternehmen locker, Führungskräfte und Praktikanten per Du seien. „Da soll man sich nicht täuschen lassen“, rät Theuvsen seinen Absolventen. Neulinge und Platzhirsche seien deshalb noch lange nicht auf Augenhöhe, weder im Konzern noch im Start-up. „Man muss sich die ungeschriebenen Gesetze durch Beobachtung erschließen.“ Dafür seien die ersten Wochen sehr gut geeignet. Nach 30 Tagen könne man ein Zwischenfazit ziehen und sein eigenes Standing einschätzen. Und bei Bedarf verstärkt in die Offensive gehen.

Die Uhr tickt, sobald man an Tag eins das Büro betritt. Und der erste Eindruck ist bekanntlich prägend. „Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass man angeschaut wird“, sagt Holm und rät: „Nicht zu stark aus dem Fenster lehnen, aber auch nicht das kleine Mäuschen sein. Interesse zeigen, aber so, dass es einigermaßen echt wirkt.“ Dafür brauche man Fingerspitzengefühl. Und es schade auch nicht, eine gewisse Etikette an den Tag zu legen. Das fange schon damit an, den neuen Kollegen einen „Guten Tag“ zu wünschen und „Auf Wiedersehen“ zu sagen. „Das hört sich zwar dämlich an, aber Sie glauben gar nicht, wie oft das nicht getan wird. Und Sie glauben gar nicht, wie viele Mitarbeiter auf solche Dinge achten und wie schnell man unten durch ist.“

Außerdem sei eine Spur Zurückhaltung wichtig in den ersten 100 Tagen, nicht zu forsch sein, Kritik solle man nur sparsam üben. Wer als Debütant meint, alles verbessern zu müssen, was sich die Mitarbeiter womöglich in jahrelanger Kleinarbeit aufgebaut haben, macht sich unbeliebt – selbst, wenn er mit seiner Kritik voll ins Schwarze trifft.

Die Experten sind sich einig: Soft Skills entscheiden maßgeblich über den Erfolg in den ersten 100 Tagen. Die Sensoren ausfahren, sich ein Stück weit anpassen, beobachten, lernen, netzwerken. Das sei wichtig. „Das Fachliche ist nicht so kompliziert“, glaubt Ludwig Theuvsen hingegen. Natürlich: Kompetenz und Know-how sind Grundvoraussetzungen, ohne die es nicht geht. Aber die fachliche Einarbeitung sei meist gut organisiert, vor allem in größeren Unternehmen. „Gute Arbeitgeber stellen einem einen Mentor zur Seite“, sagt Thomas Holm. „Wenn da keiner ist, dann müssen Sie sich jemanden suchen.“

Aber die beste Nachricht ist wohl: Selbst wenn all die guten Ratschläge nicht helfen, ist das kein Beinbruch. „Man lernt im Scheitern mehr als im Erfolg“, weiß Thomas Holm. ws

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