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Donnerstag, 21. Februar 2019

Ausstellung

„Die Leute wollen sehen“

Von Eckart Pasche | 8. November 2018 | Ausgabe 45

Das Kölner Museum Ludwig dokumentiert mit Daguerreotypien und Talbotypien aus dem Besitz Alexander von Humboldts die Anfänge der Fotografie.

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Foto: Paul de Rosti, /Museum Ludwig Köln, Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln

„Der Riesenbaum Zamag bei Turmero“ aus dem Album „Fotografische Ansichten aus Mexiko und Venezuela 1857–1858“; Geschenk an Alexander von Humboldt 1858.

In den 1830er-Jahren war die Zeit reif für ein neues bildgebendes Verfahren: die Fotografie. Zeitgleich wurden in Frankreich und England unterschiedliche Verfahren entwickelt. 1835 stellte der Engländer William Henry Fox Talbot (1800–1877) seine Kalotypie (griechisch „schönes Bild“), die später auch als Talbotypie bezeichnet wurde, vor. Er veröffentlichte seine Entdeckung aber erst 1840, nachdem er über die Daguerreotypie des Malers Louis Jacques Mandé Daguerre (1787–1851) gelesen hatte.

Auf Humboldts Spuren

Joseph Nicéphore Niépce (1765–1833) hatte dieses Fotoverfahren entwickelt. Nach seinem Tod verfeinerte es Daguerre und brachte es unter eigenem Namen in die Öffentlichkeit. Zu dessen Bewertung setzten die Pariser Akademien der Wissenschaften und der schönen Künste eine dreiköpfige Kommission ein, der neben den Physikern François Arago (1786–1853) und Jean Baptiste Biot (1774–1862) auch der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859) angehörte.

Die Kommission stellte das Verfahren am 19. August 1839 der Öffentlichkeit vor. Auf ihren Vorschlag hin wurden die Rechte von der französischen Regierung erworben. Diese zahlte dafür eine lebenslange Rente an Daguerre und an Isidore Niépce, den Sohn seines ehemaligen Partners Nicéphore Niépce. Danach stand es als das erste praktikable Fotografieverfahren jedermann zur freien Nutzung zur Verfügung. Ausgenommen war England aufgrund des dort 1835 an Talbot erteilten Patents.

„Die Leute wollen sehen“, war Humboldts Credo, der die Bücher über seine Weltreisen aufwendig illustrieren ließ. Euphorisch äußerte er sich über die ersten Aufnahmen: „Es ist jedenfalls eine der freuendsten und bewunderungswürdigsten Entdeckungen unserer Zeit. Die Bilder haben ganz unnachahmlichen Naturcharakter, den die Natur nur selbst hat aufdrücken können.“

Schon als Schüler in Berlin hatte Humboldt, der im nächsten Jahr 250 Jahre alt geworden wäre, Unterricht im Zeichnen, Kupferstechen und Radieren bei Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801). Diese Fähigkeiten und sein Talent nutzten ihm bei seinem Studium der Naturlehre an der Bergakademie Freiberg, wo er „die süßesten Stunden meines Lebens“ verbringen sollte. Humboldt stieg schnell in hohe Positionen der Bergverwaltung auf. 1795 bat der Oberbergmeister Alexander von Humboldt allerdings König Friedrich Wilhelm II. (1744–1797) um Entlassung aus dem preußischen Dienst, um zu reisen.

Nach mehrjähriger Vorbereitung brach er 1799 zu seiner amerikanischen Forschungsreise auf. Bis 1804 erkundete er das Königreich Neu-Spanien in drei großen Expeditionen, zunächst zwischen Orinoco und Rio Negro, dann von Cartagena nach Lima und schließlich Mexiko. Mit seiner Unterstützung vollzog von 1856 bis 1858 der ungarische Fotograf Paul de Rosti (1830–1874) Teile dieser Reisen nach. Zurück in Europa ließ er seine Aufnahmen, die frühesten bekannten aus Mexiko, Venezuela und Kuba, in England entwickeln und in Paris beim königlichen Buchbinder Despierres binden.

Vier Alben existieren, eines ist mit Alexander von Humboldts Initialen versehen. Dieses überreichte de Rosti im Jahr 1858 in Berlin an Humboldt als Dank für dessen Reiseunterstützung. Jetzt befindet es sich in der Kölner Ausstellung. Die anderen drei waren für de Rostis Schwestern bestimmt. Humboldts Reaktion auf die Aufnahme des Riesenbaums Zamang bei Tumero im Tal von Aragua, Venezuela, veröffentlichte „Die Illustrirte Welt“ 1861: „,Seht‘, rief er aus, indem er die Photographie betrachtete, ,was ich jetzt bin, und er, der herrliche Baum ist noch, was er vor sechzig Jahren war, als ich mit Bonpland vor ihm stand: keiner seiner großen Äste ist verdorrt, er grünt nach wie vordem‘.“ 1860 wurde Humboldts Nachlass versteigert. Auf nicht bekannten Wegen gelangte das Album an den Verein der Freunde der Photographie in Berlin, der es 1935 an die Sammlung Erich Stegner (1878–1957) weitergab.

Derselbe Sammler hatte bereits um 1928 bei einem Antiquariat ein zweites, einst Humboldts gehöriges Fotoalbum mit Werken von William Henry Fox Talbot, dem Erfinder der Talbotypie, erworben. Beide gingen im Jahre 1955 an Agfa in Leverkusen und schließlich 2005 an das Museum Ludwig in Köln.

Agfa hat de Rostis 47 Aufnahmen dem gebundenen Werk entnommen und einzeln rahmen lassen. Fünf fehlen heute. Diese hat das Museum von einem inzwischen im Ungarischen Nationalmuseum Budapest befindlichen Exemplar reproduzieren lassen.

„Humboldt und Talbot waren sich erstmals 1827 in Berlin begegnet“, erläutert Sonja Hempel, Pressesprecherin des Museums Ludwig. Gemeinsam verband sie das Interesse an den Naturwissenschaften. Talbots Geschenkband mit persönlicher Widmung von 1844 „wurde im selben Jahr wie die ersten Teile seines berühmten Fotobuchs ,Pencil of Nature‘ zusammengestellt“, ergänzt die Kuratorin der Ausstellung, Miriam Halwani. Für Humboldt wählte er 22 Aufnahmen aus, von denen er annahm, dass sie ihn interessierten, darunter Architektur, Natur sowie ein Pflanzenfotogramm, „wie Humboldt sie vielleicht selbst angefertigt hätte, wäre die Fotografie früher erfunden worden“.

Kann der Besucher de Rostis Reise anhand der Hängung der Bilder nachvollziehen, lässt es sich in Talbots Werk in einem separaten Kabinett „blättern“, allerdings nur virtuell in den digitalisierten Seiten. Das Museum ist vor vier Jahren eine Kooperation mit Pixum eingegangen. Ein Teil der Sammlung ist bereits digitalisiert.