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Mittwoch, 24. Januar 2018

Zeitgeschichte

Die Lügen des „Lebens-Tonbands“

Von Peter Steinmüller | 23. November 2017 | Ausgabe 47

Eine Ausstellung zeigt Aufstieg und Fall von Albert Speer als von der Öffentlichkeit gehätschelten Verharmloser der Nazi-Diktatur.

BU Großes Bild
Foto: Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände; Stefan Meyer, Architekturfotografie Nürnberg-Berlin

Speers Bücher in den unterschiedlichsten Ausgaben und Auflagen bilden das Zentrum der Nürnberger Ausstellung.

Fast 70 Exemplare sind es, die von Scheinwerfern angestrahlt in der Mitte des halbdunklen Raumes liegen: Bücher mit und ohne Schutzumschlag, Paperbacks, wie neu aussehend oder abgegriffen und schmutzig. Die Auswahl zeigt eindrücklich den riesigen Erfolg von Speers Werken.

Des Führers Architekt in Nürnberg

Die Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik“ in Nürnberg erklärt nicht nur, wie dieser Erfolg zustande kam, sie zeigt auch, wie es Journalisten und Wissenschaftlern gelang, das über Jahrzehnte gesponnene Lügengespinst zu zerreißen und den wahren Speer zu zeigen. Einen gewissenlosen Opportunisten, der mit seiner Kitscharchitektur den Nationalsozialismus verherrlichte, an Auschwitz mitbaute, 13 Mio. Zwangsarbeiter verschleppen ließ und als Rüstungsminister den Terror des Dritten Reiches verlängerte.

Besondere Wirkung erzielt die Ausstellung durch die Architektur des Ausstellungsraums, der einmal Teil der nie fertiggestellten Kongresshalle für NSDAP-Veranstaltungen werden sollte. Nackte Ziegelwände ragen 11 m in die Höhe und zeugen vom Größenwahn der Nazis.

Die Besucher treten am Eingang in ein Rondell, auf dessen Wände Fernsehauftritte von Albert Speer projiziert werden. In seinen Sätzen hangelt er sich von Konjunktiv zu Konjunktiv, vieles bleibt im Ungefähren: „Ich möchte nicht ausschließen, dass ich oft opportunistisch gehandelt habe.“

Dass die Aufnahmen nicht in einer Endlosschleife gezeigt werden, sondern vielmehr Speer in den Interviews seine Aussagen über die Jahre hinweg wörtlich wiederholte, fällt dem Zuschauer erst nach einiger Zeit auf. Beginnend mit den Verhören durch die Amerikaner nach der Gefangennahme 1945 und während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses baute sich Speer seine Argumentation auf. Der Dokumentarfilmer Heinrich Breloer prägte dafür den Begriff „Lebens-Tonband“. Immer wieder spulte Speer seine Rechtfertigung ab, er sei ein unpolitischer Bürokrat gewesen, habe von Auschwitz während des Dritten Reiches nie gehört und sogar ein Attentat auf Hitler geplant.

Foto: US-Armee, gemeinfrei

In seiner Zelle in Nürnberg feilt Albert Speer 1945 an seiner Legende, die er sein Leben lang aufrecht erhalten wird.

Nach der Entlassung aus 20 Jahren Haft begann Speers publizistische Karriere, die ihn zum Millionär machte. Seine Bücher, bei denen ihm anfangs der spätere FAZ-Herausgeber Joachim C. Fest entscheidend zur Hand ging, prägten die beschönigende Darstellung des Dritten Reiches in der Öffentlichkeit. Allein seine „Erinnerungen“ fanden weltweit 3 Mio. Käufer. „Albert Speer ist vermutlich der am häufigsten zitierte Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts“, schreibt der Historiker Magnus Brechtken im Ausstellungskatalog. Als „international gefragter ‚Edelnazi mit Reue-Garantie‘“, so Brechtken, habe Speer das Bedürfnis von Millionen Deutschen nach Einsicht und Läuterung erfüllt.

Mit welcher Skrupellosigkeit Speer zu Werke ging, zeigt die Ausstellung anhand eines bizarren Briefwechsels mit dem ADAC: Als 1970 ein Historiker entdeckt, dass Heinrich Himmler in seiner berüchtigten Posener Rede Albert Speer direkt anspricht („Sie können gar nichts dazu.“), bemüht dieser den Automobilclub. Da Himmler den Massenmord an den Juden ausdrücklich erwähnte („Es mußte der schwere Entschluß gefaßt werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“), ließ sich damit Speers Mitwisserschaft beweisen. Dieser bat den Automobilclub, ihm zu bestätigen, dass er 1943 in sechs Stunden von Posen nach Rastenburg in Hitlers Hauptquartier „Wolfsschanze“ fahren konnte. Denn so hätte er argumentieren können, dass er die Veranstaltung früher verlassen hatte und Himmler ihn irrtümlich ansprach. Als der ADAC antwortet, wegen der schlechten Straßenverhältnisse wäre das nur möglich gewesen, wenn unterwegs mehrfach die Federn an der Limousine gewechselt worden wären, belehrt Speer die Verkehrsexperten pampig, die Straße sei damals in gutem Zustand gewesen. Weil der ADAC die erhoffte Unterstützung verweigert, lässt sich Speer von zwei in Posen Anwesenden falsche eidesstattliche Erklärungen schicken.

Erst nach dem Tod Speers im Jahr 1981 wandelt sich sein Bild in der Öffentlichkeit. Wissenschaftler weisen ihm seine Verantwortung bei der Deportation der Berliner Juden, seine Mitwirkung an der Erweiterung des KZ Auschwitz und Besuche in Konzentrationslagern nach. Die Ausstellungsmacher inszenieren diese Detektivarbeit mit zehn Tischen, an denen der Besucher Platz nehmen kann. Ihm gegenüber wird ein Video mit dem jeweiligen Experten auf eine Glasfläche projiziert, so dass fast eine Gesprächssituation entsteht, in der die Wissenschaftler und Publizisten schildern, wie sie Speers Lügen auf die Schliche kamen. So erzählt Matthias Schmidt, wie er für seine Dissertation die Originalfassungen der „Chronik der Speer-Dienststellen“ nutzen konnte. Verfasser war Rudolf Wolters. Als engster Mitarbeiter Speers im Dritten Reich hatte er diese Dokumentation erstellt, dem Bundesarchiv Koblenz aber nur eine bereinigte Fassung übergeben, aus der jegliche Hinweise auf die Rolle seines Vorgesetzten bei Deportationen und Zwangsarbeit getilgt worden waren. Enttäuscht von Speers Auftreten nach dem Krieg, überließ er Schmidt das Original. Der Historiker zerlegte 1982 als erster systematisch Speers Trugbild.

Der hinterste Schreibtisch gehört Heinrich Breloer, dessen TV-Dreiteiler „Speer und Er“ im Jahr 2005 Speers positives Image in der breiten Öffentlichkeit endgültig zerstörte. Breloers Wunsch bildet das Schlusswort zur Ausstellung: „Dass Speer seinen richtigen Platz in der Geschichte bekommt. Wenn schon, dann als Verbrecher, nicht als Künstler.“

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