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Donnerstag, 21. März 2019

Seitenhieb

Die Sorglosen

Von Wolfgang Schmitz | 17. Mai 2018 | Ausgabe 20

Dem Schienbein sei Dank. Oder besser gesagt, einer Latte, die aus einem Regal ragte.

Foto: VDIn/Zillmann

Wolfgang Schmitz, Redakteur: traf im Keller zwei alte Bekannte.

Wild fluchend rieb ich das Bein und während ich das Holz zur Hölle wünschte, entdeckte ich in der hintersten Kellerecke den Rahmen eines verstaubten Bildes. Die Neugier ließ den Schmerz vergessen. In wenigen Sekunden tauchten Erinnerungen an das Wohnzimmer meiner Großeltern auf. Das 80 Jahre alte Gemälde „Die Sorglosen“ zeigt zwei bärtige Herren jenseits der 60, die sich auf einer Bank im Grünen niedergelassen haben. Beide schweigen, lächeln verschmitzt und sind mit sich und der Welt im Reinen. Ein Rotkehlchen hat sich auf einem Zweig darüber dazu gesellt. Die kärgliche Kleidung der beiden Landstreicher ruft in mir die Assoziation hervor, dass Zufriedenheit keine Sache von Reichtum sein muss. Und dass Frühling ist. Und dass es eine Parallelwelt ohne Tablet und Handy geben muss(te).

Zugegeben: Ich bin ein Kulturbanause. Das Gemälde von Otto Quante aber hat es mir angetan. Es würde mir bei Bedarf ein komplettes Entschleunigungsseminar ersparen. Ähnlich muss es den Besuchern der Ausstellung „Wanderlust“ gehen, die in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu bewundern ist. Sie zeigt 200 Jahre alte Ölbilder von alten Männern mit Spazierstöcken, deren Blick auf den Bergen ruht. Und von Damen in langen Gewändern auf Blumenwiesen. Die Sehnsucht nach Stille und Abgeschiedenheit entsprang Anfang des 19. Jahrhunderts ähnlichen Motiven wie heutige Entschleunigungsseminare. Die feudale Gesellschaft verwandelte sich in eine bürgerliche, die Industrialisierung änderte den Lebensrhythmus der Menschen, die moderne Lohnarbeit ermöglichte eine neue Art der Freizeitgestaltung. Die Natur bot die Möglichkeit, gedanklich herunterzufahren, sie war ganz im Gegensatz zur technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung überschaubar.

Da fühlt sich der neue Fan des 1947 verstorbenen Otto Quante doch glatt an das Hier und Heute erinnert. Am kommenden Wochenende lasse ich die Mails unbeantwortet und den Laptop verschlossen. Ab in die Natur! Sollte ich die Reise ins Grüne zeitlich nicht hinkriegen, hat das Wandern in der Großstadt sicherlich ähnlich meditative Züge. Sollte auch daraus nichts werden, müssen die beiden Sorglosen einspringen. Sie hängen neuerdings an der Wohnzimmerwand.