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Donnerstag, 21. März 2019

im Gebäude

Die intelligenten Lichtknipser

Von Matilda Jordanova-Duda | 14. März 2019 | Ausgabe 11

DasFamilienunternehmen Albrecht Jung kann auf Tradition verweisen. Das über Jahrzehnte angesammelte Wissen dient als Grundlage für neue, intelligente Produkte.

Fokus Bau BU1
Foto: Albrecht Jung

Handarbeit gibt es noch bei Albrecht Jung, hier bei der Montage eines Designerschalters.

Den Iconic Award 2019 für innovatives Interior Design hat die Firma Albrecht Jung für einen absoluten Klassiker bekommen: den neu interpretierten Kippschalter. Der schnörkellose LS 1912 ist eine Hommage an das Gründungsjahr des Familienunternehmens aus Schalksmühle. Albrecht Jung legte einst das Fundament mit der Entwicklung eines Zugschalters mit 1/8-Drehung. Heute produziert die dritte Jung-Generation an den Standorten Schalksmühle und Lünen sowie beim Tochterunternehmen Insta in Lüdenscheid Schalter, Steckdosen, Dimmer, Notrufknöpfe, Türsprechanlagen und Systeme zur Steuerung der vernetzten Gebäudetechnik.

Albrecht Jung GmbH & Co. KG

Das einfache Licht-An-und-Ausknipsen ist weiterhin gefragt, wie auch die konventionelle Schuko-Steckdose. Diese elektromechanischen Grundbauteile werden jährlich in zweistelliger Millionenzahl und in zahlreichen Varianten gefertigt. Die traditionelle Elektrotechnik ist ein wachsender Geschäftsbereich. Jung habe viel in neue Produktionsanlagen investiert, sagt Martin Herms, der gelernter Elektroinstallateur und seit 2007 als einer von drei Geschäftsführern für Technologie- und Produktentwicklung wie auch Produktion verantwortlich ist.

Einen immer größeren Anteil nähmen inzwischen jedoch die elektronischen Geräte und Systeme ein, die Licht, Belüftung und Beschattung steuern, automatisch die Türkamera einschalten, die Beleuchtung dimmen, die Musik anmachen und vieles mehr. Stichwort: Smart Home. Jung habe in diesem Bereich ein breites Produktportfolio, inklusive Aktoren, Sensoren und Reiheneinbaugeräte. „Die Herausforderung ist, dass die Produkte komplexer werden, wir weitere Gewerke aus dem Gebäude einbinden und steuern und das IoT (Internet der Dinge, die Red.) integrieren“, so Herms. Auch Sprachsteuerung sei ein großes Thema bei Jung, etwa die Integration der sprachgesteuerten „Alexa“.

Ein Beispiel für das smarte Standbein des Elektrotechnikherstellers ist der Smart Visu Server, der die Gebäudetechnik auf Basis des weltweit anerkannten KNX-Standards vernetzt und visualisiert. Die verschlüsselte Datenübertragung soll den Zugriff aus der Ferne per Smartphone-App absichern. So kann man im Urlaub Anwesenheit simulieren und das Haus kontrollieren. Der Smart Visu Server sei ein Ergebnis des vor einigen Jahren eingeführten Lean Development Prozesses, erzählt der Geschäftsführer. „Abteilungsübergreifende Produktkreise haben die Aufgabe, aus den vielen vorhandenen Ideen die richtigen herauszufiltern und in Innovationen zu überführen. Dabei steht die Frage im Fokus, welches Kundenproblem wir mit diesem Produkt lösen wollen.“

Kunden können sowohl Architekten, Fachplaner und Systemintegratoren als auch Elektrofachbetriebe, Elektrogroßhandel und zu guter Letzt private Bauherren sein. „Der Installateur hat ganz andere Anforderungen als der Architekt, der Wert auf die Optik und Haptik legt“, sagt Herms.

Jung versteht sich als Premiumanbieter und will mit Qualität „made in Germany“ punkten. Die regionale Verwurzelung ließ sich das Unternehmen 2011 von TÜV Nord zertifizieren. „Natürlich haben wir ein Auge darauf, dass wir einige Produkte, die den speziellen Anforderungen der Auslandsmärkte gerecht werden müssen, auch im Ausland fertigen.“ Allerdings nur im kleinen Umfang, versichert Herms.

Der Mittelständler mit rund 1200 Mitarbeitern und 250 Mio. € Jahresumsatz ist zwar auf dem deutschen Markt groß geworden, aber die Hälfte der Erzeugnisse wird mittlerweile exportiert. Ein Großteil geht in die Nachbarländer und nach Spanien, stark wächst der Verkauf in Russland und China. Der einheimische Markt und die Auslandsmärkte unterschieden sich laut Herms deutlich. Während hierzulande das Eigenheim und die Modernisierung des Bestands den Ausschlag geben, seien im Ausland Jung-Komponenten vor allem beim Errichten von Zweckbauten und großen Wohnanlagen gefragt. „Vernetzte Gebäudetechnik ist in Luxusappartements, Hotels und anderen Objekten natürlich viel stärker verbreitet.“

Allerdings ließen sich auch Bestandsbauten mit funkbasierten Systemen nachrüsten. „Wir werben mit unserem eNet für ,Smart Home aus Meisterhand‘. Die Elektrofachbetriebe installieren und konfigurieren das System, der Nutzer kann es über eine App individuell anpassen und steuern.“ Jung stelle Updates zur Verfügung und unterstütze die Elektriker mit einer Hotline bis zum Einsatz des technischen Außendienstes vor Ort.

„Der Ingenieuranteil in der Belegschaft liegt bei 10 % bis 15 %“, so der Firmenchef, der selbst Ingenieur für Produktionstechnik ist. „Um das Smart Home der Zukunft mitzugestalten, brauchen wir Fachkräfte verschiedener Fachrichtungen.“ Hier nennt Herms Maschinenbau, Elektrotechnik, Mechatronik, Informatik und Wirtschaftsingenieurwesen. „Wir haben eine hohe Wertschöpfungstiefe. In der Konstruktion, im Produktmanagement, in der Entwicklung von smarten Apps, in der Produktion, im Vertrieb und im Außendienst: Ingenieure werden auf allen Wertschöpfungsstufen eingesetzt. Das macht die Branche aus meiner Sicht sehr interessant.“

Aber auch Jung erginge es nicht anders als vielen mittelständischen Industrieunternehmen. Es sei schwieriger geworden, die geeigneten Spezialisten zu finden, erst recht Berufserfahrene. Die Sauerländer setzen auf den Nachwuchs. Sie sind mit einem Firmenporträt auf dem Portal think ING vertreten, bieten duale Studiengänge, Praktika und Jobs für Werkstudenten an, betreuen Abschlussarbeiten und eröffnen Karriereperspektiven. Beispiel: Nik Biniossek. In seiner Masterarbeit an der FH Südwestfalen untersuchte der angehende Ingenieur die Kommunikation zwischen Lichtschaltern und mobilen Endgeräten. Das Ergebnis wurde mit dem Dr. Kirchhoff-Preis für studentische Arbeiten ausgezeichnet, die dem betreuenden Unternehmen Wissenszuwachs bringen. Biniossek entwickelt nun bei Jung Schnittstellen zwischen den verschiedenen Geräten.

„Es gibt gute Beispiele von Absolventen, die sich bei uns bis zum Bereichsleiter hochgearbeitet haben“, sagt Herms und betont: „Wir haben eine sehr individuelle Förderung.“ Man bespreche im regelmäßigen Austausch mit dem Vorgesetzten die spezifischen Weiterbildungswünsche und -bedarfe. Auch bei Arbeitszeitmodellen käme es auf den Einzelfall an. „Gerade wenn Mitarbeiter weit oder viel fahren müssen, bieten wir die Möglichkeit an, mobil zu arbeiten.“ Zusätzlich gebe es Gleitzeit und den Überstundenausgleich. „Die Abteilungen sprechen sich intern ab, um die Funktionsfähigkeit zu erhalten. Wer Schicht arbeitet, ist nicht ganz frei, aber auch da versuchen wir, auf die Mitarbeiter zuzugehen.“