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Samstag, 23. Februar 2019

Ausstellung

Entscheidungen am Wegweiser

Von Bennet Marwin Ludwig | 8. November 2018 | Ausgabe 45

Die Ausstellung „Stop and Go“ in Dortmund lässt ihre Besucher die beliebtesten Fortbewegungsmittel neu erleben. Rundgang durch einen multimedialen Erlebnisparcours.

Dasa (2)
Foto: Bennet Ludwig

Dieser Prototyp aus dem Projekt SolarCar der Hochschule Bochum lädt seine Batterie per Sonnenenergie auf.

Eine Frau in Weiß steht am völlig überfüllten Bahngleis. Sie hält eine Thermotasse mit Palmenmotiv. Neben ihr telefoniert eine Frau in Grau und plappert lauthals in ihr Telefon. Rechts von den beiden ein grauer Mann, der streng nach Moschus riecht. An seiner Hand ein schwarzes Kind, auf dessen Brust die Worte prangen: „Allein Busfahren ist cool“. Sie stehen aber nicht am Berliner Hauptbahnhof während des Berufsverkehrs, wie die Geräuschkulisse und das Schild hinter ihnen suggerieren. Sie sind hölzerne Aufsteller und befinden sich vor einem Panoramabild in den Ausstellungsräumen der DASA Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund. Genauer gesagt im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel (ÖPNV).

Gewohnte Wege verlassen

Die Sonderausstellung „Stop and Go“ stellt die gängigen Mobilitätsformen in diversen Aspekten nebeneinander: Auto, öffentliche Verkehrsmittel, Fahrrad und Füße. Gregor Isenbort, Leiter der Dasa Arbeitswelt Ausstellung, sagt: „Wir möchten die Vielfalt der Mobilität abbilden, um damit die Möglichkeiten für die Zukunft offenzulegen. Unser Spielparcours soll dabei helfen, ein besseres Bewusstsein für Mobilität zu entwickeln, um so die Vor- und Nachteile besser abschätzen zu können.“

Foto: Bennet Ludwig

Die Wegweiser zeigen den Besuchern individuelle Wege durch die Ausstellung – je nachdem, wie sie angereist sind.

So verdeutlichen die hölzernen Silhouetten auf dem Bahnsteig immer wieder die guten Seiten von Bus und Bahn: Eine alte Dame ist dankbar, weil sie ohne den ÖPNV nicht mehr allein in die Stadt käme. In der Garage nebenan hingegen erzählen Autoliebhaber von ihrer Passion.

Besucher sollen aber auch ihre eigenen Erfahrungen miteinander teilen. Ein Mann in der Bahnhofskulisse bietet Zettel an, auf denen Fahrgäste ihre Erlebnisse niederschreiben können. Und an einer Litfaßsäule außerhalb des Bahnhofs können sie dokumentieren, was ihnen am Radfahren gefällt und was sie stört, während hinter ihnen die Vögel zwitschern.

„Die Facetten unseres Mobilitätsverhaltens und ihre Auswirkungen werden auf der Ausstellung thematisiert“, sagt der Historiker und Philosoph Isenbort. „Besonders der berufsbedingte Verkehr hat in unserer Gesellschaft einen großen Anteil.“

An einer Videostation erzählen eine Nahpendlerin (Arbeitsweg unter 29 min), ein Mittelpendler (30 min bis 59 min.), ein Fernpendler (über eine Stunde) und eine sogenannte Overnighterin (zwei Wohnsitze) von ihren täglichen Arbeitswegen.

Sie erläutern, wie das Pendeln sie belastet und stresst und wie es ihr Privatleben beeinflusst. In einem Punkt sind sich jedoch alle einig: Pendeln ist angenehmer, wenn man es planen kann. So ist der tägliche Stau wesentlich weniger stressig als der außergewöhnliche, der nur einmal im Monat passiert.

Wie sich Staus bilden, können Besucher an einem interaktiven Verkehrssimulator aus der Vogelperspektive beobachten. An einem Bedienpult lassen sich verschiedene Parameter wie die Höchstgeschwindigkeit und die Höflichkeit der Autofahrer einstellen und die Auswirkungen auf den Verkehr beobachten. Durch das Hinzufügen regulierender Elemente wie Ampeln können Besucher sich selbst als Verkehrsplaner versuchen.

Die Ausstellungsmacher wollen dazu anregen, Mobilitätsverhalten zu hinterfragen. So liefern die grünen Wegweiser neben Orientierung dafür vor allem Denkanstöße. Ganz im Stile des antiken Philosophen Sokrates ermuntern sie mit Fragen dazu, das eigene Tun zu überdenken. Und das noch bevor man die Ausstellungsräume betritt.

So fragt der erste Wegweiser: „Wie bist Du heute zur Dasa gekommen? Mit dem Auto, der Bahn oder dem Fahrrad?“ Die Antwort bestimmt dann den weiteren Weg durch die Ausstellung. Jeder Besucher erschließt sich dadurch einen ganz individuellen Weg, ausgehend vom gewohnten Fortbewegungsmittel.

Projektleiter Philipp Horst erklärt die Symbolik hinter den grünen Richtungsgebern: „In Sachen Mobilität stehen wir an einem Kreuzungspunkt. Die Zukunft wird durch unsere heutigen Entscheidungen geschrieben.“ Wie beispielsweise unsere Einstellung zur Elektromobilität die technischen Entwicklungen beeinflusst, symbolisiert der Prototyp des Projekts SolarCar der FH Bochum. Der blaue E-Flitzer bringt es auf bis zu 700 km Reichweite.

Die persönliche Route über die Ausstellung spiegelt unser alltägliches Mobilitätsverhalten wider. Aspekte der Mobilität, die wir im alltäglichen Leben durch unsere Entscheidungen umgehen, verpassen wir vorerst auch hier. Wer gerne schnell fährt, landet im Rennsimulator. Wer gerne läuft, lernt in der Schnecke der Entschleunigung, wie die Geschwindigkeit unsere Wahrnehmung beeinflusst.

Erst wenn wir unsere gewohnten Wege ändern, gelangen wir in die Bereiche, die wir im Alltag meiden. Eine Stempelkarte hilft, den Überblick über die bereits besuchten Stationen zu behalten. An jedem Wegweiser hängt ein Stempelautomat, an dem Besucher ihre Reise dokumentieren können.

„Im Zukunftslabor und in den Workshops für Schulklassen ergänzen wir die handlungsorientierte Bildung der Ausstellung“, erklärt Horst. Im Labor können die jungen Denker Chancen und Risiken der Mobilität von morgen diskutieren, auf Tafeln dokumentieren und sich an Experimentierkästen selbst weiter ausprobieren.

In den Workshops für Schulklassen ab der fünften Klasse halten Schüler in Kreativprojekten fest, was die Gesellschaft morgen bewegt. In gemeinschaftlichen Rollenspielen entwickeln sie Strategien für einen bewussten Umgang mit den verschiedenen Fortbewegungsmitteln und können das eigene Sozialverhalten kritisch reflektieren, um mehr Verständnis für die alltäglichen Anforderungen des Verkehrs zu gewinnen. Zudem sorgen offene Diskussionsrunden für zusätzlichen Gesprächsstoff.