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Samstag, 16. Februar 2019

Raumfahrt

Erde an Alexander

Von Ines Gollnick | 6. September 2018 | Ausgabe 36

Die biomedizinische Ingenieurin Petra Mittler unterstützt den deutschen Astronauten Alexander Gerst in seinem Arbeitsalltag auf der Internationalen Raumfähre ISS.

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Foto: Ines Gollnick

Bodenständig: Petra Mittler ist biomedizinische Ingenieurin und arbeitet beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz.

Zufälle können prägend für ein Leben sein. Petra Mittler (54) dachte 1989 nicht im Entferntesten daran, in der bemannten Raumfahrt zu arbeiten. Mit dem Master in Physik, Astrophysik und Molekularphysik in der Tasche stand ihr die Welt offen. Durch ein eher zufällig entdecktes Stellenangebot landete sie dann beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz.

Heute, 29 Jahre später, verrät ihre Rhetorik, wie stark sie sich längst mit der Welt der bemannten Raumfahrt identifiziert. Sie spricht davon, dass „wir 1992 die MIR-Mission mit Klaus Flade geflogen sind.“ 1993 sei die D-2-Mission gefolgt, die sich durch das Challenger-Unglück verschoben hatte. Sie arbeitete bei der Nasa in Houston/Texas und trainierte Astronauten in Moskau. Seit Anfang Juni steht sie als biomedizinische Ingenieurin, kurz BME, im Space Medical Office des Europäischen Astronautenzentrums (EAC) dem deutschen Astronauten Alexander Gerst mit zur Seite, um die Mission Horizons zu einem Erfolg werden zu lassen.

Petra Mittler gehört zu einem integrierten Team aus DLR- und ESA-Mitarbeitern, die im Kontrollraum am Boden an Konsolen und Bildschirmen sitzen, während Alexander Gerst 400 km über der Erde auf der internationalen Raumstation ISS seinen Job in der Schwerelosigkeit macht. Bis Dezember stehen rund 300 Experimente an.

Biomedizinische Ingenieure wie Mittler sind so etwas wie die Augen und Ohren der Astronautenärzte. Gemeinsam mit anderen hat sie den Geophysiker Gerst ständig im Blick, weiß wie es ihm geht. „Wir sind quasi die Brückenbauer zwischen der klinischen Medizin und dem, was aus Ingenieursicht erforderlich ist, um die Versuche oben an Bord durchführen zu können“, beschreibt Petra Mittler ihre Funktion.

Es gibt an Bord diverse medizinische Apparaturen, daneben Fitnessgeräte, aber auch Technik, die die gesamte Umgebung überwacht. „Wir sind quasi diejenigen, die den Astronautenärzten sagen, was es da oben gibt, was da möglich ist, welche Messungen wir machen können und wie wir die Daten auf die Erde holen.“ Das Team bereitet diese auf und stellt sie den Ärzten zur Verfügung, damit sie ihre medizinischen Schlussfolgerungen ziehen können.

Als Mitarbeiterin in der medizinischen Abteilung hat Petra Mittler zwar mit der Durchführung der Experimente des Astronauten nichts zu tun, aber sie muss sicherstellen, dass der Astronaut gesund bleibt, während er seine Versuche durchführt. Diese verlangen seinem Körper oft einiges ab bis hin zu invasiven Eingriffen. Die medizinische Abteilung sorgt dafür, dass er darunter so wenig wie möglich leidet.

Dass die biomedizinische Ingenieurin die bemannte Raumfahrt irgendwann „packte“, hat viele Gründe. „Auf der einen Seite hat die Arbeit mit Menschen zu tun, die mit Maschinen interagieren. Viele dieser Geräte findet man in dieser Form auf der Erde nicht. Außerdem gibt es permanent neue Herausforderungen, beispielsweise wenn eine Reparatur ansteht, die von der Erde aus gesteuert werden muss.“

Deshalb hat Mittler kontinuierlich Kontakt mit Menschen von der Nasa in Houston, der russischen Raumfahrtagentur oder Kollegen aus anderen europäischen Ländern. Trotz des internationalen Umfelds gäbe es ein sehr vertrauensvolles Miteinander. „Politische Spielchen, so wie wir sie zur Zeit auf der Weltbühne erleben, haben nach meinem Eindruck keinen Einfluss. Das finde ich schön, weil man sich ganz auf die Arbeit konzentrieren kann.“

Petra Mittler trägt eine hohe Verantwortung, denn das Spektrum möglicher Komplikationen ist breit. Medizinische Notfälle sind nicht ausgeschlossen. Die Kunst in der bemannten Raumfahrt sei es, auf alles vorbereitet zu sein, sagt sie. Auch sie trainierte vor dem Abflug Szenarien, spielte im Kopf einiges durch. Es werden Simulationen gefahren, in denen sozusagen vorweggenommen wird, was auf der ISS passiert.

Mittlers Arbeitsplatz wirkt eher unspektakulär. Im relativ kleinen Kontrollraum sitzt sie an Konsolen und vor Bildschirmen, die das Innere der ISS zeigen, und hört den Sprechfunkverkehr mit dem Astronauten mit. Sie beobachtet und bewertet die Telemetriedaten, um im Bilde darüber zu sein, was oben gerade passiert. „Technik ist bis zu einem hohen Grad beherrschbar, aber es bleibt ein Restrisiko, und das versuchen wir zu minimieren“, unterstreicht Petra Mittler. Persönlich spricht sie nie mit Gerst. Sie kontaktiert die Kollegen am DLR-Standort Oberpfaffenhofen, wenn sie spricht und muss dafür einem Protokoll folgen. Das bedeutet, es ist festgelegt, wie miteinander gesprochen wird, um Missverständnisse auszuschließen.

Der Abwechslungsreichtum der Arbeit hat Petra Mittler immer angezogen. Sie sei jemand, der gerne klare Entscheidungen fällt. Insofern komme die ingenieurwissenschaftliche Umgebung ihrer beruflichen Aufgabe sehr entgegen. Sie schätzt das kollegiale Miteinander in der Raumfahrtfamilie, das im Laufe der Jahre gewachsen sei.

Die Frage liegt nahe: Ob sie sich einen Arbeitsplatz in der Schwerelosigkeit vorstellen könne? „Ich kann mir die Zeit oben gut vorstellen, aber nicht die Phase der Vorbereitung. Astronauten sind auf der Erde ständig in der Welt unterwegs. Ich bin Kölnerin. Meine Heimat, mein soziales Umfeld, meine Familie und meine Freunde sind mir wichtig. Die möchte ich für eine so lange Zeit nicht aufgeben.“