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Montag, 22. Januar 2018

Jugend forscht

„Es ist toll, Neues zu schaffen“

Von Wolfgang Schmitz | 24. August 2017 | Ausgabe 34

GymnasiastDomenic Heck spricht mit Preisträger Tobias Gerbracht über positive Verrücktheit.

S30 BU
Foto: U. Zillmann

Abiturient Tobias Gerbracht (li.) zeigt dem Oberstufenschüler Domenic Heck die Möglichkeiten virtueller Welten.

VDI nachrichten: Du bist der einzige Schüler in der 52-jährigen Geschichte von „Jugend forscht“, der als Einzelteilnehmer in zwei unterschiedlichen Kategorien hintereinander Bundessieger geworden ist. Wie fühlt sich das an?

Gerbracht: Das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl. Das kann man kaum in Worte fassen. Ich werde nie den Moment vergessen, als ich beim ersten Sieg auf die Bühne gerufen wurde.

Tobias Gerbracht

Die Themen, mit denen du erfolgreich warst, sind sehr unterschiedlich. Wie kommt das?

Ich bin kein Mensch, der sich gerne festlegt. Nicht das Fach ist entscheidend für meine Wahl, sondern das Thema.

Musstest du bei dem hohen Zeitaufwand Hobbys und Freunde vernachlässigen?

Für manche Hobbys blieb kaum noch Zeit. Was die sozialen Kontakte angeht, sind durch die zahlreichen Vernetzungen sogar Freundschaften hinzugekommen.

Hast du Durststrecken gehabt?

Ja. Es gibt viele Situationen, bei denen man nicht weiß, wie es weitergehen soll. Manchmal ist die Geduld auf eine harte Probe gestellt, wenn man etwa drei Monate auf ein dringend benötigtes Spezial-Glasfaserkabel aus den USA wartet. Wenn ich eine Lösung gefunden hatte, hat mich das motiviert. Das gibt Selbstvertrauen. In der Schule sammelt man solche Erfahrungen meist nicht.

Was hat dich noch motiviert?

Der Zuspruch aus den rund 40 Firmen, drei Universitäten und von den Sponsoren, die gesagt haben, dass ich das schon schaffen würde. Außerdem ist es toll, Neues zu schaffen, das es noch nicht gegeben hat. Und einen bedeutenden Beitrag zu leisten.

Was fasziniert dich mehr: das Ziel oder der Weg?

Das Ziel, auch wenn es sehr weit weg ist. Bei meinem letzten Projekt habe ich gewusst, wo ich einmal hinkommen will, allerdings habe ich nicht gewusst, wie der Weg dorthin aussieht. Auch die Professoren, die mich begleitet haben, dachten, das nimmt zwei bis drei Monate in Anspruch, dann wurden drei Jahre daraus.

Wie ist es dazu gekommen, dass dich so viele Firmen unterstützt haben?

Man muss die Sponsoren von der Idee begeistern. Und man muss Motivation zeigen. Aber auch dann ist es nicht einfach, Geldgeber zu finden. Ohne einen Plan, was man wofür braucht, hat man keine Chance.

Abgesehen vom Talent: Was ist noch nötig, um bei „Jugend forscht“ erfolgreich zu sein?

Man darf sich durch andere nicht beirren lassen. Es gab einige, die starke Zweifel an meinen Plänen hatten. Ich habe das zur Kenntnis genommen, aber nicht aufgegeben, sondern mir gesagt: Okay, das wird schwierig, aber ich glaube daran. Wichtig ist es, Rückschläge einstecken zu können und dann wieder aufzustehen.

 Wäre die Enttäuschung groß gewesen, wenn du nicht gewonnen hättest?

Ja. Schlimmer aber finde ich Ungerechtigkeiten, wie ich sie bei anderen Wettbewerben erlebt habe. Wenn die Wertungskriterien nicht eingehalten werden und andere nicht wegen ihrer Leistung, sondern wegen Geschlecht, Alter oder Sympathiewerten bevorzugt werden.

Was willst du mit deinen Projekten erreichen?

Ich will Dinge entwickeln, die das Arbeiten angenehmer machen. Ziel des Hologramm-Projektors ist es, Gegenstände einfacher und schneller darzustellen als mit einem 3-D-Drucker. Mit meinem neueren Projekt, einer mobilen Station zur molekularen Luftschadstoffmessung, möchte ich Bürger befähigen, mögliche Umweltvergehen selbst aufzuspüren und Straftaten zu entlarven.

Das hast du in Wuppertal schon praktiziert.

Ja. Die Stadt möchte mehr Straßen bauen, allerdings gegen den Widerstand von Bürgerinitiativen. Ihnen fehlten bislang wissenschaftliche Werte, mit denen sie ihre Einwände belegen konnten. Durch meine Messstation zum Nachweis von Luftverschmutzung sollte sich das ändern.

Seid ihr in der Familie alle positiv verrückt?

Mein Vater ist technikbegeisterter Maschinenbauingenieur, meine Mutter Bankkauffrau. Bei meinen jüngeren Brüdern und mir könnte das ähnlich gut passen, wenn wir eine Firma aufmachen: Ich bin der Erfinder und liebe Technik, der Mittlere möchte Jura studieren und könnte sich der rechtlichen Dinge annehmen, und der kreative Jüngste wäre perfekt fürs Marketing.

Bist du in der Schule anerkannter Spezialist für Mathematik und Naturwissenschaften?

Zumindest durfte ich schon mal den Informatikunterricht übernehmen. Da habe ich meinen Mitschülern professionelles CAD-Zeichnen beigebracht und ihnen gezeigt, worauf es beim parametrischen Konstruieren ankommt. Der Lehrer fand es toll, sich auch mal in die letzte Reihe zurückziehen zu können.

Wie definierst du guten Unterricht?

Guter Unterricht ist für mich, wenn das Thema etwas mit mir und meinem Leben zu tun hat und man einen motivierten Lehrer hat, der das dann auch verständlich und spannend rüberbringt. Er muss die Schüler gedanklich mitnehmen. Wer sich in der Freizeit noch für die Sache begeistert, bei dem ist das Thema dann wirklich hängengeblieben. Bei mir war das im Physik-Leistungskurs der Fall – mit einem genialen und absolut motivierten Lehrer.

Könntest du dir vorstellen, Wissen und Begeisterung als Lehrer oder Dozent weiterzugeben?

Ich unterrichte bereits als Dozent Jugendliche an der Junioruni Wuppertal. Ich versuche, mich in die Lage meiner Schüler zu versetzen, und gestalte den Unterricht so, wie ich ihn mir selbst wünschen würde. Ich wähle bewusst Kursinhalte, die einen persönlichen Bezug haben. Das motiviert – hoffe ich.

Was stört dich am Schulalltag, wie du ihn erlebt hast?

Das G8-Abitur jagt Kinder und Jugendliche durch die Schuljahre. Es bleibt keine Zeit, Neugierde und Begeisterung zu wecken. Da heißt es, pauken statt lernen. Ein Jahr mehr gäbe die Gelegenheit, sich intensiver mit spannenden Themen zu beschäftigen, z. B. an einer Jugend-forscht-AG teilzunehmen.

Hast du schon berufliche Pläne?

Ich wollte zunächst Physik studieren. Weil ich aber mehr Bezug zur Praxis haben möchte, habe ich mich für den technisch orientierten Studiengang Industrial Design an der Universität Wuppertal entschieden.

Ich weiß noch nicht, was ich nach dem Abi machen soll. Hast du einen Tipp?

Ich glaube, mit 16 musst du noch keine genaue Vorstellung von deiner Zukunft haben. Wichtig ist, sich selbst und seine Umgebung ständig zu hinterfragen, ohne bisherige Ziele direkt fallen zu lassen. Das ist wie bei der Forschung: genau hinsehen und gucken, wie man es noch besser machen kann. Ich kann dir nur empfehlen, in deinen Interessenbereichen verschiedene Praktika zu absolvieren, um herauszufinden, was genau „dein Ding“ ist! 

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