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Mittwoch, 20. Februar 2019

Digitalisierung

„Eva“ – eine außergewöhnliche Museumsführerin

Von Ines Gollnick | 16. August 2018 | Ausgabe 33

Die aktualisierte Dauerausstellung im Haus der Geschichte überrascht mit neuen Leitobjekten.

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Foto: Ines Gollnick

Links im Bild steht Eva. Der Roboter lädt gerade neue Energie, um demnächst wieder interessierten Besuchern zu folgen.

Hallo, Eva ist mein Name. Ich bin die neue Besucherbegleiterin und kann dir Spannendes zu einer Paketdrohne oder zu einem verbogenen Stahlträger aus New York sagen.“ Mit einer so persönlichen Ansprache hat der Besucher im Haus der Geschichte nicht gerechnet. Erwartungsvoll blickt er sich um und schaut überrascht auf eine Erscheinung, die so gar nicht seinen Vorstellungen von einer „Eva“ entspricht. Die wohlklingende Stimme gehört zu einem humanoiden Roboter. Eva hat ihre Ladestation verlassen und gleitet geschmeidig über den Boden, um Besuchern zu folgen, die mehr von ihr wissen wollen. Sie wurde extra für die Ausstellung vom Fraunhofer Institut entwickelt und zeigt, wie moderner Besucherservice aussehen kann. Jetzt verrichtet sie in der Ausstellung unweit des gläsernen Brandenburger Tores ihren Dienst.

Haus der Geschichte

Das Bonner Haus der Geschichte hat seine Ausstellung „Unsere Geschichte – Deutschland seit 1945“ überarbeitet. Das Geschichtsmuseum setzt unter Berücksichtigung der umwälzenden Entwicklungen seit den 80er-Jahren einen neuen Schwerpunkt und führt die Besucher über Themen wie Digitalisierung, internationaler Terrorismus und Migration bis in die Gegenwart. Die Ausstellung beschäftigt sich zum Beispiel mit der Frage, welchen Einfluss die digitale Revolution auf unseren Alltag hat.

Der kleine Roboter regt an, sich mit diesen hochaktuellen Themen zu befassen. Durch die Konzentration auf besondere Exponate, oft ergänzt durch Zeitzeugenaussagen oder Medienstationen, an denen interaktiv ergänzende Informationen abgerufen werden können, soll die nachhaltige Beschäftigung mit der deutschen Geschichte gelingen. So erklärt Eva die über ihr schwebende Paketdrohne der Deutschen Post DHL Group, die Pakete an schwer zugängliche Orte bringen kann. Eva glänzt nicht nur mit Wissen, sie ist selber ein Ausstellungsstück. Denn sie nimmt die Scheu, sich mit Assistenzrobotern zu befassen. Automatisierte Maschinen werden immer stärker ein Teil unseres Lebens werden. Irgendwann gehören sie zur Alltagsgeschichte.

Der Roboter wurde als „Charakter“ konzipiert, der auch Emotionen und Blickrichtungen der Besucher bemerkt. So gelingt es, deren Aufmerksamkeit zu gewinnen und zu halten. „Eva“ begleitet die Besucher erst am Ende der Präsentation in einem kleinen Bereich der Ausstellung, die insgesamt 7000 Objekte, darunter Dokumente, Fotos und audiovisuelle Medien, anbietet, um die Themenvielfalt in den Ressorts Politik, Gesellschaft und Wirtschaft aufzuarbeiten.

Es lohnt sich, insbesondere für den neu gestalteten Ausstellungsbereich viel Zeit mitzubringen, um die Wege nachzuvollziehen, die Deutschland seit den 80er-Jahren gegangen ist. Ausgangspunkt des Neustarts ist die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, sprich ein Foto mit Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, das 1975 entstand, als es um die Schlussakte der KSZE (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) ging. Die Wiedervereinigung lag zu dem Zeitpunkt noch in weiter Ferne. Ausführlich werden der Fall der Mauer und seine Folgen beleuchtet. Die immer wieder berührenden Bilder von der Grenzöffnung erzeugen kleine Schauer, vor allem, wenn man die Zeitzeugen hört. Originale Mauerstücke und ein Trabi rahmen eine Videowand, die Bilder von glücklichen und überraschten Menschen zeigt, die 1989 den Übergang Bornholmer Straße passierten. Solche reizstarken Objekte, immer schon ein Markenzeichen des Hauses, emotionalisieren, um auch eine Diskussion über die eigene Geschichte in Gang zu setzen.

Die neue Präsentation überrascht mit so manchem originalen Ausstellungsstück. Dazu gehört etwa die erstmalig in der Dauerausstellung gezeigte Kamera, mit der Bürgerrechtler Siegbert Schefke am 9. Oktober 1989 in Leipzig heimlich die Montagsdemonstrationen filmte.

Die Reise der Besucher reicht bis in die Gegenwart. Sie macht deutlich, mit welchen aktuellen europäischen und nationalen Problemen sich Deutschland auseinandersetzen muss. Am Ende der Schau stoßen Besucher auf ein hölzernes Flüchtlingsboot, mit dem Schleuser Menschen von Afrika nach Europa brachten. Streitkräfte in Malta beschlagnahmten es 2014 bei einem Rettungseinsatz. „Es ist ein herausragendes Objekt“, betont Hans-Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte. „Wir können damit so viele Facetten deutlich machen. Und es betrifft die Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft.“ Ebenso verhält es sich mit den Trümmerteilen vom Angriff auf das World Trade Center in New York. Der verbogene Stahlträger zeigt die Gewalt des terroristischen Angriffs am 11. September 2001 und dessen Folgen für den Einzelnen und ganze Gesellschaften, die immer noch nachwirken.

Dass Besucher immer wieder an Medienstationen zum Mitmachen eingeladen werden, wie etwa am neu entwickelten „Europatisch“, ein Exponat des Abschnitts, in dem deutsche Geschichte in den europäischen Kontext gestellt wird, ist in dieser Ballung eine Besonderheit des Hauses. Ganz am Ende ragt ein technisches Exponat unter den Neuerungen heraus. Die Besucher dürfen selber kreativ werden und assoziieren. An einer schwarzen LED-Wand können sie die Frage beantworten, wie sie ihr Deutschland definieren. Sie haben an einem Terminal die Möglichkeit, das Wort „Deutschland“ neu zusammenzusetzen. Es wird dann überdimensional abgebildet. Jugendliche Besucher beschränken sich nicht nur auf die Eingabe der Buchstaben. Sie fotografieren ihre individuellen Wortschöpfungen wie „Merkelland“ oder „Fußballland“ mit dem Smartphone und posten sie dann in die digitale Welt. So regen sie andere Jugendliche an, sich mit Geschichte zu befassen und das Museum zu besuchen.

Die Überarbeitung einer Dauerausstellung, die sich mit Gegenwartsgeschichte befasst, ist immer eine Herausforderung für die inhaltliche Konzeption und Gestaltung. Denn Gegenwartsgeschichte schreitet ununterbrochen fort. Das heutige aktuelle politische Tagesgeschehen verwandelt sich morgen schon in Geschichte. So gesehen ist die Dauerausstellung immer eine Ausstellung auf Zeit, die in ein paar Jahren auf der Basis neuer Erkenntnisse wieder aktualisiert werden muss.