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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Branche im Überblick

Firmen buhlen um Ingenieure

Von Matilda Jordanova-Duda | 9. November 2017 | Ausgabe 45

In der konjunkturrobusten Medizintechnik melden 88 % der Firmen offene Stellen. Ingenieure haben die Branche selten auf dem Schirm.

Medizin Unternehmen BU
Foto: panthermedia.net/beerkoff1

Ohne die Exaktheit der Technik würden Operationen an Berechenbarkeit einbüßen. Mit der Digitalisierung steigt die Sicherheit. Dafür sorgen nicht zuletzt Ingenieure.

Weltweit bekommen nur 10 % aller Beinamputierten eine Prothese, weiß Manuel Opitz, Mitgründer von Mecuris. Das junge Münchener Unternehmen lässt Bein- und Fußersatz aus Polyamid für all jene drucken, die sich diese Glieder leisten können.

Medtech-Branche wächst und wächst und ...

Kliniken und Sanitätshäuser vermessen vor Ort den Patienten mit Hilfe bildgebender Verfahren und schicken die Daten in eine Cloud. Daraus generiert die Mecuris-Software ein dreidimensionales Modell. Der Spin-off der Münchener Uniklinik arbeitet mit mehreren 3-D-Druck-Zentren zusammen, die die künstlichen Gliedmaßen fertigen. „Die Digitalisierung verkürzt die Wartezeit enorm“, so Ingenieur Opitz. Dabei kosteten die passgenauen Prothesen so viel wie die Kassenleistung von der Stange.

Das Team des 2016 gegründeten Start-ups ist schon auf 20 Leute angewachsen. Dazu gehören Ärzte, Ingenieure und Softwareentwickler. „Wir haben sogar einige Dentalmediziner bei uns, denn in diesem Bereich ist die Digitalisierung schon weit fortgeschritten.“

Dass Ingenieure nicht nur Autos, Maschinen und Häuser bauen können, sondern auch Strahlentherapieanlagen, OP-Assistenzroboter und intelligente Herzschrittmacher, wird oft übersehen. Die geringe Anzahl von Initiativbewerbungen zeigt: Sie selbst haben die Gesundheitsbranche bei ihrer Jobsuche selten auf dem Schirm. Benötigt werden neben Medizintechnik-Spezialisten auch Maschinenbauer, Mechatroniker, Elektro-, Kunststoff- oder Verfahrenstechniker.

Das Gros der deutschen Medtech-Industrie ist mittelständisch geprägt: Nach Angaben des Branchenverbands der Medizintechnik-Hersteller und -Händler, BVMed, beschäftigen 92 % der Unternehmen weniger als 250 Mitarbeiter. „Die Berufsaussichten für Fachkräfte sind nach wie vor glänzend“, betont Manfred Beeres, Leiter Kommunikation von BVMed. Die Herbstumfrage 2017 ergab, dass 88 % der Firmen offene Stellen melden.

Weltweit altert die Bevölkerung, dabei sind auch mehr Kranke in der Lage und bereit, für eine bessere Vorsorge, Diagnose und Behandlung zu bezahlen. „Es ist anzunehmen, dass der Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieuren in der relativ konjunkturrobusten Branche weiter stabil sein dürfte, sodass die Unternehmen mit attraktiven Angeboten beim Gehalt, der Work-Life-Balance und der Familienfreundlichkeit punkten müssen“, so Beeres.

Punkten können Arbeitgeber aber auch mit einem „Mehrwert“ der Arbeit. Das Image ist positiv. Laut diverser Umfragen begrüßt die große Mehrheit hierzulande den Einzug der Technik in Medizin und Pflege. So viel Zustimmung gibt es in keinem anderen Lebensbereich.

Das Wachstum wird aktuell aber mehr denn je im Ausland erzielt. Die Exportquote liegt bei 65 %. Auch Mecuris verkaufte einige der ersten Prothesen nach Dubai. „Deutsche Medtech-Unternehmen gehören in vielen Bereichen zu den Weltmarktführern“, erläutert Beeres. Einige Beispiele: Siemens bei elektromedizinischen Geräten, Dräger bei Praxis- und Krankenhauseinrichtungen, Karl Storz bei Endoskopen, Fresenius bei Dialysegeräten oder Otto Bock bei Rollstühlen und Prothesen.

In Deutschland dagegen verlangsamt sich die Umsatzsteigerung, die knapp 3 % gegenüber dem Vorjahr beträgt. Als Gründe nennen die Unternehmen den Preisdruck und die innovationsfeindliche Einstellung der Krankenkassen sowie die teuren und langwierigen Zulassungsverfahren, besonders durch die neue Medizinprodukte-Verordnung der EU. Dabei macht die Branche rund ein Drittel ihres Umsatzes mit Produkten, die höchstens drei Jahre alt sind. Typisch sind sogenannte Schrittinnovationen, um Produkte bzw. den Service kontinuierlich zu verbessern.

Forschung und Entwicklung (F&E) wie auch die Zulassung neuer Technologien sind Bereiche, in denen die meisten Medizintechnik-Ingenieure arbeiten. Diese Spezialisten verstehen sich einerseits auf die Technik, andererseits haben sie medizinische Grundkenntnisse. Zu ihrem Studium gehören Anatomie, Physiologie, Hygiene und Strahlenschutzkunde, zunehmend bildgebende Verfahren und E-Health. Spezialisieren kann man sich im Masterstudium. Die Hochschulen setzen verschiedene Schwerpunkte: Lasertechnik lernt man in Hannover, medizinische Optik in Jena, Dentaltechnologie in Osnabrück. Insgesamt listet der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz 155 Studiengänge. Bachelorabsolventen arbeiten oft im Vertrieb oder Service. Jobs gibt es auch in Krankenhäusern und Behörden.

Medizintechnik-Ingenieure sind jedoch keine Mediziner ohne weißen Kittel. „Ingenieure denken in Projekten, mit Zielen und Budgets, und die sind immer langfristig angelegt“, so Thomas Becks, Leiter Technik und Innovation im Verband der Elektrotechnik VDE und Spezialist für Medizintechnik. Ärzte seien dagegen im Klinikalltag ständig mit neuen Situationen konfrontiert, die nach einer sofortigen Entscheidung verlangten. „Unterschiedliche Berufe ziehen unterschiedliche Menschentypen an. Oft erfolgt in der Ausbildung eine weitergehende Sozialisierung in eine bestimmte Richtung.“ Die Konsequenz seien Denkmuster, die jedes für sich genommen sinnvoll, jedoch oft schwer in Übereinstimmung zu bringen seien. Die meisten Zukunftsthemen seien aber Querschnittsthemen.

Ingenieure müssen sich also in die Belange von Medizinern, Naturwissenschaftlern und natürlich von Patienten hineindenken können. Bei der Hälfte der Medizinprodukte stamme die Idee ursprünglich von den Ärzten und Pflegekräften, so BVMed. Die Neuentwicklungen müssen zudem kosteneffizient sein, um das Budget von Krankenkassen und Kliniken zu schonen.

Die Branche ist im Umbruch. In einer Übersicht der „Zukunftstechnologien“ sieht der Verband eine „beispiellose Welle der Digitalisierung“ heranrollen. Durch die Zusammenführung und intelligente Nutzung der Patientendaten werde etwa die engmaschige Überwachung sowohl im Krankenhaus als auch zuhause möglich.

Chronisch Kranke und gesunde Fitnessfans werden sich permanent selbst vermessen und die Parameter in die elektronische Gesundheitsakte übertragen. Das Aufbereiten und Auswerten der Datenberge in Registern wird Diagnosen und Therapieentscheidungen schneller und sicherer machen. Geräte im OP-Saal und in der Intensivmedizin sollen flexibel vernetzbar sein, aktive Implantate täglich Werte an den Arzt funken, um Beispiele zu nennen.

Bisher sind KMU in der Lage gewesen, F&E-Investitionen aus den Umsätzen zu stemmen. Künftig werden sie jedoch öfter Risikokapital benötigen. ws

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