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Mittwoch, 20. Februar 2019

Unternehmenskultur

Hallo, hier vorn bin ich

Von Constantin Gillies | 20. Dezember 2018 | Ausgabe 51

Sollte man Smartphones in Sitzungen verbieten? Nein, sagen deutsche Unternehmen. Als unhöflich gilt die Nutzung schon.

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Foto: panthermedia.net/tonodiaz

Einer strampelt sich vorn ab, die anderen haben was Besseres zu tun. Manche Meetings sehen so aus.

Vorne spult der Kollege seine Präsentation ab, hinten starren alle auf ihr Smartphone, einige ganz offen, andere verstohlen unterm Tisch. So sieht der Meeting-Alltag in Deutschland aus. Volle Aufmerksamkeit, das war einmal: Vier von zehn Berufstätigen erledigen mit dem Handy private Dinge während einer Besprechung, hat eine Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom ergeben. Man schreibt Whatsapp-Nachrichten, checkt seine E-Mails, erledigt seine Einkäufe im Netz. Produktiv ist das nicht, das geben selbst die Handyjunkies zu. 41 % räumen ein, dass unter den elektronischen Nebenaktivitäten die Qualität des Meetings leidet. Sollte man Smartphones in Sitzungen deshalb verbieten?

In den USA haben einige Firmen schon eine sogenannte „No Device Policy“ erlassen, also Geräte aus Sitzungsräumen verbannt. Der Chef der Werbeagentur Brown, Parker & DeMarinis zum Beispiel gab unlängst die Devise aus: „Wer mit Smartphone im Meeting erscheint, für den wird es das letzte sein.“ Handyfreie Meetings gibt es auch bei Origin Investments, einer Immobilienfirma, beim Medienunternehmen Skift sowie beim Hausfinanzierer United Wholesale Mortgage. Und wenn Präsident Obama zur Kabinettssitzung rief, mussten seine Minister ihre Mobilgeräte vor der Tür ablegen – mit kleinen Namensschildchen dran.

Solche Ansinnen sind aus deutschen Firmen nicht zu hören. BMW und ABB geben auf Nachfrage an, man vertraue auf den gesunden Menschenverstand und verzichte auf Regelungen. Insgesamt herrscht beim Thema Handy in deutschen Betrieben meist Laisser-faire. „Generelle Verbote sind relativ selten“, sagt Timo Kortsch, Wissenschaftler an der TU Braunschweig. Er hat eine Umfrage zum Thema Handyregeln in Unternehmen durchgeführt. Dabei sprachen 52,6 % der Angestellten von einer „wahrgenommenen Nutzungserlaubnis“: Es gibt keine expliziten Regelungen, alle gehen davon aus, ihr Smartphone im Job verwenden zu können. Nur 4,3 % berichteten von einem generellen Nutzungsverbot. Regeln speziell für Sitzungen nannte kein Befragter. Interessant ist, was Wissenschaftler Kortsch über die Folgen von Verboten herausgefunden hat: „Untersagt man die Smartphone-Nutzung, zum Beispiel außerhalb der Pausenzeiten, geht die arbeitsbezogene Nutzung deutlich stärker zurück als die private.“ Sprich: Der Arbeitgeber erreicht mit dem Verbot vor allem, dass das Mobilgerät nicht mehr für dienstliche Zwecke eingesetzt wird.

Eines ist das allgemeine Displaywischen im Konferenzraum auf jeden Fall: unhöflich. Das gaben ironischerweise sogar 72 % der Angestellten in der Bitkom-Umfrage zu. Und Experten stimmen zu. „Auf sein Smartphone zu starren und einem Kollegen nicht zuzuhören, bedeutet, ihn nicht wertzuschätzen“, findet Clemens von Hoyos. Der Etikette-Trainer führt regelmäßig Benimm-Seminare durch, unter anderem in Dax-Konzernen. Für von Hoyos ist es eine Frage von Disziplin und Contenance, in persönlichen Treffen jeder Art den digitalen Verlockungen zu widerstehen. Seine klare Empfehlung für ein produktives Meeting: Alle Smartphones vor der Tür lassen. „Wer einen ganz dringenden Anruf erwartet, sollte das vorher ankündigen und sich in die Nähe der Tür setzen, um so einfacher zum Telefonieren rausgehen zu können“, so von Hoyos.

Dass Mobilgeräte bei der Arbeit stören, ist wissenschaftlich nachgewiesen. Forscher der University of Texas in Austin haben herausgefunden, dass ein Handy sogar dann die mentalen Fähigkeiten seines Besitzers senkt, wenn es auf lautlos geschaltet ist. Mehr noch: Die reine Präsenz des Gerätes macht ihn schon weniger auffassungsbereit. Die Wissenschaftler hatten 800 Probanden kleine Denkaufgaben am Bildschirm lösen lassen. Vorher wurden alle gebeten, ihr Handy auf stumm geschaltet in die Tasche zu stecken oder in einem anderen Raum zu deponieren. Das Ergebnis war eindeutig: Wenn das Smartphone nicht in Reichweite liegt, steigt die Denkleistung signifikant an.

Sind Totalverbote also die Lösung? Nein, sagt Joachim Höflich, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Erfurt. „Dadurch nimmt man den Mitarbeitern ihre Autonomie und sie fühlen sich wie Schulkinder.“ Auch von einer strengen Chefansage „Handys bitte ausschalten“ am Anfang des Meetings hält Höflich nichts. Letztlich sei das Problem nur über die vorgelebte Unternehmenskultur zu lösen. Wenn Mitarbeiter sähen, dass man im Betrieb respektvoll miteinander umgeht, werden sie auch die Finger vom Smartphone lassen.

Wissenschaftler Kortsch empfiehlt Betrieben, sich selbst zu fragen, worauf es ihnen ankommt und mit offenen Karten zu spielen. „Wichtig erscheint mir, dass es explizite Regeln zur Smartphone-Nutzung gibt, die irgendwo aufgeschrieben werden.“

Also alles nur eine Frage der richtigen Regeln? Karina Albers ist skeptisch. Die ehemalige Managerin berät Unternehmen im Umgang mit jungen Mitarbeitern und stellt häufig fest, dass der Nachwuchs Sitzungen insgesamt als Zeitverschwendung ansieht. „Die haben lieber Projekt-Chat-Gruppen, wo man Themen in dem Augenblick besprechen kann, in dem sie auftauchen.“ Albers plädiert dafür, das Problem mit dem Handygetippe im Meeting ganz anders zu lösen: mit weniger Meetings.