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Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

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Qualifikation

IT-Wissen öffnet Chefetagen

Von Sebastian Wolking | 7. September 2017 | Ausgabe 36

Technikkompetenz wird beim Aufstieg in die Topetagen immer wichtiger. Die allein aber reicht längst nicht.

Top-Management BU
Foto: Martin Leissl, Bloomberg via Getty Images

Zwei Ingenieure, die es in die Chefetagen großer Auto-Konzerne geschafft haben: Harald Krüger von BMW (li.) und Dieter Zetsche, Daimler.

Er heißt Thomas, ist 53 Jahre alt und kommt aus Westdeutschland. So sieht der typische Vorstand eines börsennotierten Unternehmens laut einer Studie der schwedischen Allbright-Stiftung aus. Aber hat er BWL, Ingenieurwissenschaften oder Chemie studiert? Grundsätzlich sind die Chancen von Ingenieuren auf eine Karriere im Top-Management exzellent. Allerdings nur, wenn noch andere Bedingungen erfüllt sind.

Ingenieure als DAX-Vorstandsvorsitzende

Daimler-Boss Dieter Zetsche ist studierter Elektrotechniker, BMW-Chef Harald Krüger Maschinenbauer. Commerzbank-Chef Martin Zielke hat Betriebswirtschaft studiert. Stefan Oschmann, CEO von Arzneimittelhersteller Merck, ist Mediziner. Ingenieure gehen in den Automobil-, Anlagen- oder Maschinenbau, Mediziner und Biologen in die Pharmabranche, Wirtschaftswissenschaftler sind in einer Bank gut aufgehoben, so die gängige Vorstellung. Deckel und Topf passen hier wunderbar zusammen.

„Die ungeschriebenen Gesetze in der Industrie verlieren peu à peu an Gültigkeit“, sagt dagegen Thorsten Gerhard, Leiter der Industrial Praxisgruppe der Personalberatung Egon Zehnder. „Fachkarrieren spielen immer weniger eine Rolle.“ Die Grenzen verschwimmen, werden durchlässiger – quer durch die Branchen. Auch dafür gibt es Beispiele: So steht mit John Cryan ein Physiker der Deutschen Bank vor, Post-Chef Frank Appel ist Chemiker. Für Ingenieure beinhaltet die Entwicklung Chancen wie Risiken.

Aktuell haben 20 % der CEOs der 400 größten deutschen Unternehmen einen Ingenieurhintergrund. Das ergab eine Analyse der Personalberatung Heidrick & Struggles im April 2017. Nur in Frankreich ist die Quote mit 24 % höher. In den USA haben 18 % der CEOs einen Engineering-Background, in Großbritannien sogar nur 13 %. Zu ähnlichen Ergebnissen kam zeitgleich die Allbright-Stiftung, die sich die Förderung von Frauen in Führungspositionen auf die Fahnen geschrieben hat. Laut Allbright sind 23 % der deutschen Vorstände Ingenieure.

Business-Absolventen sind die einzigen, die noch bessere Perspektiven auf eine Karriere im Top-Management haben. 26 % der deutschen Bosse verfügen laut Heidrick & Struggles über einen Finance-Background, während es in Großbritannien sogar 36 % sind. Ein Blick in den DAX bestätigt das: Von den 30 Vorstandsvorsitzenden haben neun Ingenieurwissenschaften studiert, 15 Wirtschaftswissenschaften. Dazu kommen zwei Juristen, zwei Chemiker, jeweils ein Psychologe, Biologe, Physiker, Veterinärmediziner und Informatiker (da manche mehrere Studiengänge belegt haben, sind das addiert mehr als 30).

„Technisches Wissen ist wichtig, man darf sich nur nicht darin verlieren“, sagt Personalberater Thorsten Gerhard. „Weil Sie dann Gefahr laufen, neue technologische Entwicklungen nicht zu erkennen.“ Interdisziplinäre Denke werde für Führungskräfte immer wichtiger. Das prophezeit auch Nicole Mai, Director im Executive Search bei der Personalagentur Cribb in Hamburg. „Ein Maschinenbauer, der sich nur um die Hardware kümmert, wird es künftig schwer haben, in den Vorstand zu kommen. Wenn er aber gleichzeitig digitales und kaufmännisches Verständnis hat, wird er es leichter haben als ein Betriebswirt.“

Daran hat insbesondere die Digitalisierung ihren Anteil. Die Aufgaben an einen Top-Manager in der Industrie ähneln nun einem Dreisatz: Er – oder sie – muss die Technik verstehen. Und IT-Kompetenz besitzen. Und die Person muss ihr Wissen in digitale, datengetriebene Geschäftsmodelle überführen können. Technisches Ingenieurverständnis, gepaart mit Digitalisierungskompetenz und garniert mit Business-Knowhow – das wäre vermutlich die optimale Basis für die Führungskraft von morgen. Ein Lebenslauf wie der von Mark Langer etwa, CEO der Hugo Boss AG. Ein studierter Betriebswirt und Maschinenbauer an der Spitze eines Modekonzerns, im Vorstand auch für die IT verantwortlich.

So wie Langer ist schon in mehr als der Hälfte der 80 Dax- und MDax-Unternehmen ein Vorstandsmitglied für IT oder Digitalisierung zuständig. Bei den Dax-Konzernen haben sogar 20 von 30 einen IT-Vorstand. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Personalberatung Korn Ferry im Juli. Zuletzt zauberte BMW den Niederländer Pieter Nota aus dem Hut. Ein Branchenfremder, der vom Elektronikkonzern Philips kommt und den Konzern als Vertriebsvorstand auf die Digitalisierung ausrichten soll. Bei der Allianz und Munich Re verantworten zwei Vorstandsmitglieder eigene Digitalisierungsgesellschaften.

Für die Zukunft sagt Nicole Mai zudem Design-Vorstände voraus. Mit Design seien weniger Formen und Farben gemeint, sondern ein umfassendes Kundenverständnis. Wie kommen meine Kunden schnell, intuitiv und leicht ans Ziel? „Das Thema Kundenzentrierung ist ein Megatrend“, sagt Mai. Das Klischee des Ingenieurs aber sieht so aus: Er ist in einer nüchternen Zahlenwelt verhaftet, denkt vor allem rational, kann sich eben nicht in Kunden hineinversetzen. Ein Klischee, das den Personalberatern in der Realität immer noch begegnet. „Manche Ingenieure begeistern sich vor allem dafür, was Technik kann. Aber nicht dafür, was die Kunden mit der Technik anfangen wollen“, so Mai. Das hat auch Thorsten Gerhard festgestellt: „Da gibt es eher das Schwarz und Weiß, aber weniger das Grau dazwischen.“

Das Anforderungsprofil an einen Top-Manager umfasst aber noch eine weitere wesentliche Komponente: Persönlichkeit. „Je höher sie auf der Karriereleiter nach oben klettern, desto weniger relevant ist Ihre Fachexpertise“, sagt Gerhard. Ein Kandidat punktet bei ihm, wenn er neugierig sei und früh im Leben seine Komfortzone verlassen habe: Indem er etwa eine neue Sprache für einen Auslandsaufenthalt gelernt oder sich Managementwissen angeeignet habe, typischerweise durch einen MBA. „Der Ingenieur der Zukunft denkt vernetzter und wird empathischer“, ergänzt Nicole Mai.

Eine lange Liste also, die angehenden Führungskräften zeigt: Der Weg in den Vorstand ist steinig. Wer die Leiter bis nach ganz oben klettern will, stellt sie aber auf einem Fundament namens Ingenieurstudium sehr solide auf. Das denkt auch Nicole Mai. Welches Studium die Personalberaterin denn einem ambitionierten Abiturienten heute empfehlen würde? „Eine Kombination aus Maschinenbau und Informatik.“ ws

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