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Mittwoch, 20. Februar 2019

Demografie

Jenseits der Stadttore stockt das Wachstum

Von Wolfgang Schmitz | 7. Februar 2019 | Ausgabe 06

Galt der Wandel der Bevölkerungsstruktur vor Jahren noch als Schreckgespenst, sind die Perspektiven jetzt deutlich differenzierter.

Ein junger Elektroingenieur sitzt mit Masterzeugnis in der Hand bei einem erfolgreichen Mittelständler in der ostdeutschen Provinz zwei Personalverantwortlichen gegenüber. Das Gespräch neigt sich dem Ende entgegen. Der Kandidat lehnt sich entspannt zurück und sagt: „Das hörte sich gar nicht schlecht an. Ich lasse mir das Angebot durch den Kopf gehen und melde mich.“ Den Personalern fehlen die Worte. Bislang war es doch ihr Privileg, bei der Bewerbung den Daumen zu senken oder zu heben.

Die Szene ist konstruiert, könnte sich aber so zugetragen haben. Dem jungen Automatisierungstechniker spielt ein Fakt in die Hände: In seinem Fachbereich herrscht Fachkräftemangel, besonders groß ist der Engpass in entlegenen ostdeutschen Regionen. Die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass dieser Trend anhält.

Foto: Grafik : VDI nachrichten 7/2019, Gudrun Schmidt Quelle: Bertelsmann Stiftung     Foto [M]: panthermedia.net/scusi/VDIn

In vorausschauenden Unternehmen denkt man jetzt schon an das, was passiert, wenn die Babyboomer sich verabschieden. In den kommenden Jahren überrollt eine Verrentungswelle das Land. Wer sich rechtzeitig um Fachkräfte bemüht, erspart sich das große Klagen. Das weiß auch Henriette Meissner. „Wenn ich einen neuen Mitarbeiter haben will, hat dieser 24 Stunden nach dem Kennenlernen ein Angebot auf dem Tisch“, sagte die Geschäftsführerin der Stuttgarter Vorsorge-Management GmbH jüngst auf einer Demografietagung der Hochschule Koblenz. Die Zeiten, in denen sich Arbeitgeber bei der Fachkräfteauswahl Zeit gönnen und sich die Rosinen herauspicken konnten, seien vorbei.

Habe man vor rund 15 Jahren noch mit Fatalismus auf den demografischen Wandel geschaut, bahne sich nun gedämpfter Optimismus seinen Weg, sagte Steffen Kröhnert, der an der Hochschule Koblenz das Lehrgebiet „Demografischer Wandel und Soziale Arbeit“ verantwortet. Nicht alle Befürchtungen, allen voran der wirtschaftliche Einbruch, seien eingetroffen. „Jetzt fragt man sich: Gibt es den demografischen Wandel noch?“ Ja, denn die Zahl der Menschen im Erwerbsalter sei rückläufig, die der älteren Erwerbstätigen, Rentner und Pflegebedürftigen steige. Die Schere zwischen Menschen im Erwerbsalter und denen im Rentenalter werde in den nächsten 50 Jahren weiter auseinandergehen.

Andererseits, so Kröhnert, verzeichne die Bundesrepublik mit 83 Mio. Einwohnern so viele wie nie zuvor – der Migration sei Dank. Während die Ballungszentren und inzwischen auch größere Gemeinden aufblühten, geriete die Provinz ins Hintertreffen. „In Ostdeutschland wachsen nur die Städte, jenseits der Stadttore gerät das Wachstum ins Stocken.“ Die Bevölkerung schrumpfe in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands jährlich um 1 %. „Als Treiber dieser Entwicklung sehe ich die Bildungsexpansion“, so Kröhnert. „Wir verzeichnen heute 40 % mehr Studierende als 2005. Diese jungen Leute haben hohe Ansprüche an die Lebensqualität, ihnen ist ein gutes kulturelles Angebot wichtig. Sie gehen dann oft nicht mehr zurück in ihr Heimatdorf.“

Was sich gedreht hätte, sei die gesellschaftliche Einstellung gegenüber älteren Beschäftigten. Hätten 55-Jährige im Jahre 2005 noch als „alt“ gegolten, werben die Unternehmen inzwischen um diese Generation. Waren 2015 noch 60 % der Männer erwerbstätig, seien es heute 80 %. Kröhnert: „Was vor Jahren befürchtet wurde, ist nicht eingetreten: Durch die hohe Zahl älterer Beschäftigter ist die Innovationskraft der Wirtschaft nicht zurückgegangen.“

Verunsicherung ist dennoch zu spüren. Wahrnehmungen von Risiken und Chancen infolge des demografischen Wandels sind in der deutschen Bevölkerung sehr unterschiedlich verteilt. Kröhnert beruft sich auf eine Studie der Bertelsmann Stiftung, laut der 72 % der Bürger glauben, dass Unternehmen verstärkt versuchen werden, Arbeitskräfte durch Computer und Maschinen zu ersetzen; 71 % meinen aber auch, dass ältere Mitarbeiter für Arbeitgeber an Bedeutung gewinnen werden. Sollte das so kommen, haben sich die Mitarbeiter bereits jetzt darauf eingestellt. 2002 wollten 52 % der Erwerbstätigen in den Vorruhestand, 2017 waren es nur noch 25 %. Als Hauptgrund nennen diejenigen, die später als gesetzlich vorgesehen in die Rente gehen wollen: „Weil es Spaß macht!“ Die Finanzen, die Freude am menschlichen Miteinander sowie der Wunsch nach geistiger Fitness sind weitere ausschlaggebende Argumente für ein längeres Arbeitsleben.

Kröhnert stellt klar, dass demografische Veränderungen keine unbeeinflussbaren Naturereignisse sind, sondern Teil eines soziodemografischen Wandels. Der Mangel an Auszubildenden in manchen Bereichen der Industrie und des Handwerks etwa liege nicht allein an der sinkenden Zahl von Jugendlichen, sondern auch daran, dass heute mehr als ein Drittel von ihnen ein Studium aufnimmt.