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Freitag, 22. März 2019

Ausstellung

Knisternde Verbindung in Mannheim

Von Claudia Burger | 10. Januar 2019 | Ausgabe 01

Im Mannheimer Technoseum kommt in der neuen Abteilung Mediengeschichte Augmented Reality zum Einsatz.

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Foto: Technoseum/Klaus Luginsland

AEG Magnetophon K2: Das Tonbandgerät ist wohl weltweit ein Unikat und stammt aus dem Jahr 1936.

Es blinkt, boah, wo muss ich jetzt drücken? Da leuchtet was auf. Ach, ups, die Zeit ist schon vorbei. Jetzt schnell, noch einmal, nee, wieder nicht. Und jetzt blinkt es da vorn, und schwups, ich hab es schon wieder verpasst. Ich habe es nicht geschafft. Ich habe den Test nicht bestanden. Ich bin sang- und klanglos durchgerasselt. Die Kuratorin Anke Keller muntert mich auf. Mit etwas Übung könne es noch werden. Mich beschleichen allerdings erhebliche Zweifel.

Spannende Technik

Das ist vor einiger Zeit im Technoseum in Mannheim gewesen. Ich habe es später noch einmal probiert, verrate aber nicht, wie es ausgegangen ist. Jeder kann dort feststellen, ob er den Job des „Fräuleins vom Amt“ geschafft und blitzschnell die richtigen Leute am Telefon miteinander verbunden hätte. Dieses Berufsbild entstand mit dem Aufkommen der Telekommunikation und ist nur eines von vielen ausgestorbenen und auch aktuellen, die in der Abteilung „Mediengeschichte des Technoseums – vom Morsezeichen zum Emoji“ vorgestellt werden.

Das Mitmachkonzept, außergewöhnliche Exponate und der Einsatz von Augmented Reality (AR) machen einen Rundgang durch die vier Ausstellungsbereiche zu einem spannenden Parcours durch die Innovationsgeschichte der heutigen Informationsgesellschaft. Das Fräulein vom Amt stand übrigens wirklich mächtig unter Strom, und das sogar ganz im Wortsinne. Die Gefahr von Stromschlägen bei der Vermittlung zweier Gesprächspartner war mangels Isolierung groß. Ganz zu Beginn war das Fräulein übrigens ein Mann, erst später wurden Frauen für den durchaus stressigen Beruf eingesetzt. „Angeblich wegen der verständlicheren Stimmen. Aber es war so, dass Frauen einfach weniger bezahlt wurde“, sagt Keller. Das kommt einem bekannt vor.

Foto: Technoseum/Klaus Luginsland

Bei der Arbeit: Mittels Augmented Reality können Besucher sich ansehen, wie der Telegrafenarbeiter ans Werk geht.

„Es ist keine reine Technikausstellung, wir wollen zeigen, was die Technik im Leben der Menschen verändert und bewirkt hat“, sagt Keller. Dafür haben die Ausstellungsmacher richtig Hand angelegt. Beispielsweise beim Fällen eines Telegrafenmastes an einer Bahnstrecke – mit Erlaubnis der Bahn. Doch wie bringt man jetzt die dahinterstehende Technik und die Aufgaben des Telegrafenarbeiters dem Betrachter näher? Mithilfe von Augmented Reality gelingt das. Hält man sein Handy mit der entsprechenden App, die vorher installiert werden muss, davor, kann man einem solchen Mann beim werktäglichen Treiben zusehen und mehr über die Werkzeuge erfahren. Wer kein Handy mit hat oder die App nicht nutzen will, findet an den gekennzeichneten AR-Stationen in der Ausstellung sicher einen Medienscout, an den er sich wenden kann. Diese Personen sind mit Tablets ausgestattet und helfen gern. Es lohnt sich unbedingt, denn in AR wird auf verständliche Weise dargestellt, wie so manches Gerät funktioniert.

Spielerisch muten auch viele der mehr als 700 Exponate an. Da ist beispielsweise dieser Plattenspieler mit einer Original-Schokoladenschallplatte aus dem Hause Stollwerck. Die Schokoladenproduzent Ludwig Stollwerck und der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison hatten sich 1893 während der Weltausstellung in Chicago kennengelernt. Sie gründeten 1895 zusammen mit anderen Gesellschaftern die „Deutsche Edison Phonograph Compagnie“ und entwickelten die „Sprechende Schokolade“ für Kinder. Das Ensemble besteht aus einem aus Blech hergestellten Spielphonographen, der Musik von einer Schokoladenschallplatte abspielt. Die „Sprechende Schokolade“ war kurz nach 1900 eine Sensation im Weihnachtsgeschäft und wurde auch in den nachfolgenden Jahren in anderer Version an den Markt gebracht. Schön anzusehen und selten ist auch die Marconi-B-Station, ein Experimentierkasten aus dem Jahr 1904. So konnten Interessierte ausprobieren, wie die Funktechnik, die Guglielmo Marconi ein paar Jahre zuvor entwickelt hatte, funktioniert. „Das zeigt auch, inwieweit die Technik in den Alltag der Menschen fand“, sagt Keller. Das wertvollste Exponat ist der „AEG Magnetophon K2“ von 1936, wohl weltweit ein Unikat. AEG hatte das erste marktfähige Tonbandgerät in den 30er-Jahren entwickelt und die BASF ein Tonband dazu. Doch alle vorher entstandenen Prototypen seien verbrannt, erklärt Kuratorin Keller. Mit dem Gerät wurde auch die älteste Tonbandkonzertaufnahme hergestellt, sie ist in der Ausstellung zu hören.

Der Rundfunk trat 1923 in Deutschland seinen Siegeszug an. Doch das Publikum bestand überwiegend aus Schwarzhörern: Sie hatten sich die Radios selbst gebastelt. Es gab damals haufenweise Bücher mit Anleitungen. Ein Kultobjekt aus der Zeit ist der sogenannte Siemens-D-Zug, der so hieß, weil man noch Verstärker anbringen konnte. Während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs wurde das Radio zur Propagandamaschine. Aber auch der Widerstand nutzte das Medium: Thomas Mann hielt seine Reden via BBC. Das Radio bekam in Deutschland 1952 Konkurrenz vom Fernsehen. Rudelgucken war an der Tagesordnung, weil wenige Geld dafür hatten. Eines der berühmtesten Objekte der Ausstellung ist der „Rote Knopf“, den Bundeskanzler Willy Brandt am 25. August 1967 bei der Deutschen Funkausstellung in Berlin drückte und damit den Startschuss für das Farbfernsehen gab.

Die rasante Entwicklung der letzten Jahrzehnte wird auch thematisiert. Größenvergleiche von Computern und Speichermedien im Laufe der Dekaden veranschaulichen die steigende Leistungsfähigkeit der Produkte. Hier wird auch kritisch die Frage der Produktionsbedingungen und Rohstoffnutzung angesprochen. „Wir werden regelmäßig aktualisieren. Wer weiß, vielleicht haben wir in zwei Jahren gar keine Handys mehr?“, sagt Keller mit einem Lächeln. Ja, das weiß man wirklich nicht.