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Sonntag, 21. Januar 2018

Fortbildung

Nachschulung für Ingenieure

Von Chris Löwer | 31. August 2017 | Ausgabe 35

Die Hochschulen bieten rund um die digitale Transformation wenig an. Private Anbieter und die Firmen selbst übernehmen den Wissenstransfer.

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Foto: panthermedia.net/ekkasit919

Schlaue, neue Welt: In den klassischen Studiengängen spielt das Wissen über IoT nicht selten eine untergeordnete Rolle. Doch im Arbeitsalltag werden Kenntnisse zunehmend wichtiger.

Das Internet der Dinge (IoT) ist eine Vision? Nicht wirklich. In immer mehr Branchen und Lebensbereichen schreitet die Vernetzung von Gegenständen, die zu einem Teil des Internets werden, voran. Maschinen, Transportboxen oder Haushaltsgeräte erfassen und tickern Informationen, was neue Möglichkeiten eröffnet. Die vorausschauende Wartung, bei der es erst gar nicht zu Schäden kommt, ist nur eine davon. Schlaue neue Welt. Nur: Werden die sich bietenden Chancen auch ergriffen? „Viele Unternehmen haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Oft hapert es an der Umsetzung“, sagt McKinsey-Seniorpartner Christoph Schmitz.

Ein Grund hierfür ist der Mangel an Ingenieuren, die sich mit IoT, einem Wegbereiter für die Industrie 4.0, auskennen. Erst langsam reagiert die Hochschullandschaft darauf. Technologieunternehmen wie PTC füllen diese Lücke und werden selbst aktiv – unlängst mit der im Mai gegründeten IoT University (www.iotu.com). Hier wird in Tutorials online gelernt, wie sich smarte und vernetzte Manufacturing-Systeme aufbauen lassen. Im ersten Monat hatten bereits 2500 Teilnehmer die Onlinekurse besucht.

„Experten erläutern, wie sich industrielle IoT-Technologien und Strategien aufsetzen lassen, wobei neben Erklärvideos auch eigene Projekte durchgeführt werden können“, sagt Bernhard Eberl, Global Academic Lead von PTC. Für jeden absolvierten Kurs gibt es Punkte, am Ende ein Zertifikat. Bisher ist das Ganze kostenlos. Wer allerdings individuelle Unterstützung durch einen persönlichen Online-Mentor mit IoT-Industrieerfahrung wünscht, kann diese gegen eine Gebühr erhalten. Das Angebot richtet sich vor allem an Berufserfahrene, Gründer und Softwareentwickler, die sich die Kurse nach ihren Bedürfnissen zusammenstellen können. Eberl ist aber auch mit Hochschulen im Gespräch, um dort Interesse für IoT-Inhalte zu wecken und Lehrangebote entsprechend auf Vordermann zu bringen. „Viele Professoren sind dem Thema bisher leider nicht sehr aufgeschlossen“, behauptet er.

Die Hochschule Aalen hingegen bietet sogar einen Bachelor of Engineering im Internet der Dinge an. „Die fortschreitende Digitalisierung und der demografische Wandel werden in Zukunft in allen Branchen den Bedarf nach IoT-Ingenieuren deutlich erhöhen“, heißt es in Aalen. „Neben großen Konzernen bieten auch Start-Up-Unternehmen, die IoT-Technologien und -Produkte auf den Markt bringen, interessante und spannende berufliche Perspektiven.“ Mit dem Abschluss „Internet der Dinge – Digitale Technologien in der Anwendung“ dürfen sich Absolventen „Ingenieur“ nennen. Sie sollen das Know-how für den nächsten Schritt in der Industrie mitbringen. Vermittelt werden in dem praxisnahen Studium breite technische Kenntnisse von Sensorik und Elektronik über Programmierung von Mikroprozessoren bis zu Servern und Big Data. Außerdem werden Grundkenntnisse in Wirtschaft und Geschäftsmodellentwicklung vermittelt sowie Methoden der nutzerzentrierten Entwicklung.

Aalen kooperiert hierbei mit der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd (HfG): Die gestalterischen Themen, vor allem bei interdisziplinären Projektarbeiten, werden von Designern der HfG gelehrt, während Aalen die technischen Inhalte beisteuert. Branchen und Bereiche, in denen Absolventen unterkommen, seien unter anderem das Transport- und Verkehrsgewerbe (Track & Trace), die Hausautomatisierung (Smart Home), Automotive (Connected Car), Gesundheitswesen (eHealth), Energieversorgung (Smart Metering) und vor allem das Verarbeitende Gewerbe (Industrie 4.0).

„Durch den Einsatz von Industrie-4.0-Technologien können Unternehmen ihre Instandhaltungskosten und Ausfallzeiten von Maschinen um bis zu 50 % reduzieren und ihre Produktivität um bis zu 55 % erhöhen“, verdeutlicht Christoph Schmitz von McKinsey das Potenzial. Zwar seien die notwendigen Technologien dazu bereits heute überwiegend vorhanden, „doch meist scheitert es in der Praxis an den benötigten vielseitigen, interdisziplinären Fähigkeiten, um die relevanten Technologien auszuwählen und diese zielgerichtet einzuführen“. Auch deshalb hat McKinsey gemeinsam mit der ITA Academy GmbH und Technologieunternehmen wie PTC im Frühjahr das Digital Capability Center (DCC) in Aachen aus der Taufe gehoben.

In der Lernfabrik werden mit Workshops praxisnah in einer realitätsgetreuen Fabrikumgebung Fach- und Führungskräfte produzierender Unternehmen sowie angehende Ingenieure in Sachen Industrie 4.0 auf den Stand der Dinge gebracht – auf dass sie die digitale Transformation im eigenen Unternehmen vorantreiben. Und zwar von der ersten Kundenanfrage über die Entwicklung, Produktion und Auslieferung bis zum Servicegeschäft.

„Aber auch die Anforderungen an das Management sowie die Befähigung der Mitarbeiter und die allgemeine Akzeptanz der mit der Transformation einhergehenden Veränderungen werden thematisiert“, heißt es beim DCC. Workshop-Teilnehmer erarbeiten Lösungen für individuelle Problemstellungen aus ihren Unternehmen und lernen dabei Technologien wie Echtzeit-Diagnosewerkzeuge, Big Data Analytics, prädiktive Instandhaltung, digitales Performancemanagement, 3-D-Druck oder kollaborative Roboter kennen.

Beim Technologieunternehmen Freudenberg setzt man derweil auf interne Qualifikation, aber auch Kunden werden „IoT-ready“ gemacht, wie Horst Reichardt, Global CEO der Geschäftsgruppe Freudenberg IT, sagt. „Grundlegend ist die Frage, wie Fachabteilungen, die eigentlich fern der IT und ohne statistisches Grundwissen arbeiten, in Zukunft von Themen wie Big Data profitieren können. Da bedarf es neuer Weiterbildungskonzepte“, betont Reichardt. „Fachliche Expertise und Datennutzung müssen alltagstauglich miteinander verwoben werden.“ cer

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