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Montag, 21. Januar 2019

Demografie

Nippons Kampf gegen Überalterung

Von Barbara Odrich | 10. Januar 2019 | Ausgabe 01

Japan ist die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Kein anderes Land überaltert so schnell. Die Regierung setzt auf Anpassung und Arbeitsmigration.

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Foto: imago/AFLO

Ob in der Pflege oder in anderen Branchen – Japan bekommt die Folgen der demografischen Entwicklung zu spüren und setzt zunehmend auch auf Fachkräfte aus dem Ausland.

Die Menschen in Japan leben immer länger. Die Zahl der 100-Jährigen wächst auf immer neue Rekordmarken. Insgesamt 69 785 Menschen im Alter von 100 und mehr Jahren lebten Ende des Jahres in Nippon, 4093 mehr als ein Jahr zuvor. Das geht aus den Statistiken des Gesundheitsministeriums in Tokio hervor. Insgesamt 35,57 Mio. Japaner sind 65 Jahre oder älter, 440 000 mehr als im Jahr 2017. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt damit auf einem Rekordniveau von 28,1 %. Bis Mitte des Jahrhunderts wird der Seniorenanteil sogar um 40 % steigen. Die Zahl der Kinder nimmt gleichzeitig kontinuierlich ab. Statistiken des Internal Affairs and Communications Ministry zeigen, dass 2018 nur 15,53 Mio. oder 12,3 % der Gesamtbevölkerung jünger als 14 Jahre alt waren. Das ist ein historischer Tiefststand.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass das Buch „The 100-Year Life“ (der deutsche Titel lautet „Morgen werden wir 100“) von den Autoren Lynda Gratton und Andrew Scott, Professoren an der London Business School, in Japan in der übersetzten Form mit dem Titel „LifShift“ wie ein Blitz eingeschlagen hat. Das Buch, das sich mit der kommenden markanten Verlängerung der Gesamtlebensdauer und ihren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen befasst und in anderen Ländern einen eher moderaten Erfolg erzielte, wurde in der japanischen Übersetzung über Nacht zu einem Bestseller. So groß war das Interesse, dass sogar ein Manga, die japanische Version des Comics, auf den Markt kam.

Wer 1998 geboren ist, wird statistisch gesehen 100 Jahre leben. Das Buch stellt die Frage, wie wir als Individuen und als Gesellschaft mehr aus unserem langen Leben machen können und regt an, die traditionelle Aufteilung von Ausbildung, Arbeit und Rente zu überwinden und neue Lebensphasen zu definieren. Dabei sei es notwendig, flexiblere Pläne zu entwerfen und Experimentierfreude sowie die Bereitschaft, immer neue Entscheidungen zu treffen, zu bewahren. „The 100-Year Life“ hat mit seinen klaren Thesen eine rege Debatte in der drittgrößten Wirtschaftsmacht entfacht und inzwischen auf nahezu allen gesellschaftlichen Ebenen zu einer Flut von Aktivitäten geführt.

Wurde zuvor eine eher schwammige Diskussion über die demografischen Entwicklungen geführt, in der die negativen Aspekte und erschreckende Statistiken über die rapide wachsende Zahl der Demenzkranken überwogen, werden mittlerweile auch die Chancen erkannt, die die Langlebigkeit der Menschen mit sich bringt. Älter zu werden heißt nicht automatisch , auf Optionen zu verzichten, sondern Wahlmöglichkeiten zu entdecken. Das geht soweit, dass die Regierung in Tokio sich mit dem Gedanken, dass mehr und mehr Japaner 100 Jahre und länger leben werden, intensiv befasst und dieses nun auch zu einer übergeordneten Strategie gemacht hat.

Wirtschaftlich sind in Japan bereits klare Tendenzen zu erkennen. Die Verbraucherausgaben sind in der Gruppe der über 59-Jährigen am stärksten gestiegen. Die ältere Generation ist deutlich ausgabefreudiger und wendet mehr für Autos, Smartphones, Restaurant-Besuche und Pauschalreisen auf. Die „Japan Gerontological Society“ befasst sich mit dem Gedanken, die Definition von „bejahrt“ von Menschen im Alter über 65 Jahre auf jene über 75 Jahre zu revidieren.

Der Club der 100-Jährigen, auf japanisch „Hyakunen Jinsei“, ist zu einem Schlagwort in der Unternehmenswelt geworden und große Unternehmen in der Finanz- und Gesundheitsbranche, Roboterproduzenten und auch die Bauindustrie entwickeln zunehmend entsprechende Geschäftsmodelle.

Die Regierung will die Akzeptanz von Robotern in der Altenpflege in den nächsten Jahren deutlich erhöhen. Zwar setzen japanische Pflege- und Altenheime schon länger Roboter als Hilfen ein. Doch kommen sogenannte Bewegungsassistenzroboter derzeit nur in 8 % der japanischen Pflegeheime zum Zuge.

Bis zum Jahr 2020 will die Regierung erreichen, dass vier von fünf Pflegeempfängern in Japan Roboter als Hilfen akzeptieren. „Roboter können nicht alle Probleme in der Altenpflege lösen, aber einen erheblichen Beitrag leisten“, erläutert Hirohisa Hirukawa, Direktor der Roboterforschung des National Institute of Advanced Industrial Science and Technology, der 97 Unternehmen bei der Entwicklung derartiger Roboter berät.

Sah es lange so aus, als ob der japanische Staat der demografischen Entwicklung eher hilf- und konzeptlos gegenübersteht, hat das Buch „The 100-Year Life“ auch hier einen Nerv getroffen. Premierminister Shinzo Abe erkannte die in dem Buch vertretenen positiven Ansätze. Der Tenor des Buches ist die Darstellung einer Gesellschaft, in der die Menschen sehr viel länger arbeiten, länger fit bleiben und auch später im Leben neue Fähigkeiten erlangen. Der Regierungschef rief das „Council for Designing the 100-Year Life Society“ ins Leben. Für Abe ist es auch eine Chance, seine auf Deregulierung fußenden Abenomic-Reformen erneut aufzugreifen.

Um zu zeigen, dass man für alle neuen Ideen offen ist, lud man Unternehmer und Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftsschichten ein, angefangen von Fußballspielern bis hin zu einer 83-jährigen Japanerin, die iPhone-Spiele für Senioren entwirft, um diese geistig fit zu halten. Wie ernsthaft das Land sich mit den Implikationen einer alternden Gesellschaft befasst, zeigt auch, dass die Empfehlungen des „Council for Designing the 100-Year Life Society“ im vergangenen Jahr innerhalb von zwei Tagen vom Kabinett übernommen wurden. Dabei wird inzwischen über die bessere Bezahlung von Pflegepersonal der Älteren, bessere Weiterbildungsmöglichkeiten und Hilfestellungen beim Erwerb neuer Qualifikationen und die Schaffung neuer Grundlagen für die Weiterbeschäftigung älterer Menschen weit über ihr Pensionsalter hinaus nachgedacht.

Zudem will die japanische Regierung mit einem neuen Visa-Gesetz ab April den Arbeitsmarkt stärken. Im ersten Jahr sollen 47 500 Arbeitskräfte mit beschränkter Aufenthaltsdauer nach Japan kommen. Über fünf Jahre hinweg sollen es dann bis zu 345 000 werden. Von dem Gesetz sollen mehr als zehn von Fachkräftemangel besonders betroffene Branchen profitieren, darunter die Gastronomie, der Bausektor, die Landwirtschaft und eben auch die Altenpflege.

Zudem soll auf Drängen der Opposition die Lage der Gastarbeiter verbessert werden, die oft aus Schwellenländern kommen. Diese würden oft als billige Arbeitskräfte in Fabriken ausgebeutet und lebten isoliert von der Gesellschaft. Ein großes Problem seien auch Vermittler aus den Herkunftsländern, die hohe Gebühren für ihre Dienste verlangten. Tokio will diesen Missstand jetzt unterbinden und mit den betroffenen Staaten kooperieren. Gastarbeiter sollen demnach angemessene Arbeitszeiten haben, fair entlohnt werden und auf eine gesicherte Stelle bauen können.