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Samstag, 23. Februar 2019

Technikgeschichte

Nostalgie im Maschinenraum

Von Ines Gollnick | 22. November 2018 | Ausgabe 47

Die Schreibmaschine wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. Zeit für einen Besuch im Schreibmaschinen-Museum von Rudolf Doose in Kerpen-Sindorf.

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Foto: Ines Gollnick

Blick ins Reich der Schreibmaschinen: Museumsbesitzer Rudolf Doose sind alle seine historischen Schätze ans Herz gewachsen.

Es begann Anfang der 70er- Jahre mit dem Kauf einer Mignon 3 Schreibmaschine der AEG auf einem Trödelmarkt. Bei dieser sogenannten Zeigerschreibmaschine wurde mit der linken Hand über einem Tableau ein Zeiger zum gewünschten Buchstaben geführt. Die Mechanik brachte einen Typenzylinder in die richtige Position. Mit der rechten Hand wurde dann die Drucktaste angeschlagen, um auf dem Papier den gewünschten Abdruck zu hinterlassen.

„Qwertzuiopü“

Rudolf Doose verbannte die Mignon 3 vorerst in den Keller. Nach Jahren war sie verdreckt und unansehnlich. Irgendwann ertrug er ihren Zustand nicht mehr. Der gelernte Büromaschinenmechaniker und spätere Büromaschinen-Vertriebsspezialist zerlegte sie, setzte sie wieder zusammen, schmirgelte sie und wusch sie mit Seifenlauge. Die Mignon 3 war der Einstieg in eine vielfältige Sammlung.

Es folgten weitere Mignon-Modelle in unterschiedlichen Ausführungen, darunter auch die weinrote „Mignon Modell 2“. Von dem Modell waren die ersten 5000 Maschinen in diesem außergewöhnlichen edlen Rot produziert worden. Ende der 70er-Jahre bereiste Doose mit seiner Frau Wien. Auf dem Heimweg stapelten sich bis unter die Autodecke Schreibmaschinen, weil Doose über familiäre Kontakte bei österreichischen Unternehmern verschiedene Modelle erworben hatte. Mittlerweile ist die Mignon-Palette in Kerpen nahezu vollzählig. Die Sammlung umfasst über 1000 Exponate, darunter als Höhepunkte Schreibmaschinen aus unterschiedlichen Jahrhunderten und mehreren Kontinenten, aber auch Farbbanddosen, Rechenmaschinen und Werbeobjekte.

Man muss schon mit viel Humor gesegnet sein, um einem Schreibmaschinenmuseum den Namen „Qwertzuiopü“ zu geben. Doose hat es gewagt, aus einer unsinnigen Buchstabenkombination ein Wort zu erschaffen, das jeder, der heute einen Computer bedient, täglich vor Augen hat. Denn der verrückte Name ergibt sich aus der ersten Buchstabenreihe der Tastatur, früher auf den Schreibmaschinen, heute auf der Computertastatur unterhalb der Zahlenreihe.

Der Museumsdirektor führt angemeldete Besucher über eine schmiedeeiserne Treppe in den Hauptraum seiner Präsentation. In der Mitte des Raumes stehen Schreibmaschinen der ersten Generation wie die Entwicklung von Christopher Latham Sholes und Carlos Glidden. Sie ließen ihren „Type-Writer“ am 23. Juni 1868 patentieren. Das war die erste Schreibmaschine, die in Serie ging, industriell produziert vom Rüstungshersteller Remington. Die Buchstaben waren so angeordnet, dass die am häufigsten benutzten Tasten möglichst weit auseinanderlagen, damit sich die Mechanik nicht verhedderte. Es ist dieselbe Anordnung, die sich heute auf Computertastaturen befindet.

Alle Exponate sind dem Hobbysammler Doose ans Herz gewachsen. Den großen Ausstellungsraum dominieren schicke, staubfreie beleuchtete Vitrinen, eine Eigenentwicklung des Museumsbesitzers, für die er vier Jahre gebraucht hat. Dort sind weitere Raritäten untergebracht. Doose zeigt auf eine „Thürey“ von 1909 als Beispiel für Kölner Feinmechanik und auf eine „Klein-Adler 2“ von 1927. „Würde der Typenhebel mit seinem Schriftzeichen ungebremst aufschlagen, würde das Papier zerfetzt. Es wird daher von einem Aufprallschutz (Prell) abgebremst. Das Schriftzeichen (Type) erreicht das Papier überhaupt nicht. Stahl hat eine gewisse Flexibilität. Durch die enorme Geschwindigkeit und die Abbremsung des Typenhebels durch den Prell entsteht eine Schleuderwirkung, die Type verneigt sich in Richtung des Papiers und haucht das Schriftzeichen wie einen Kuss auf das Papier.“

Wer das Kerpener Schreibmaschinen-Museum besucht, bekommt eine Vorstellung davon, dass enormer Erfindergeist nötig war, um variantenreiche Technologien zu entwickeln, die die Geschichte der Schreibmaschine ausmachen. Es gab sogar schon lange vor dem handlichen Smartphone mit Notizfunktion eine Maschine namens „Bennett Typewriter“, Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA hergestellt. Sie war die beliebteste Schreibmaschine der Journalisten, denn sie passte in die Jackentasche. Im Museum kann außerdem ein Kindermodell der Schokoladenfabrik Stollwerck bewundert werden.

Dann gibt es noch das Schätzchen eines Büromaschinenmechanikers, der mit einer Schreibmaschine von Frister & Rossmann von Ost nach West „rübergemacht“ hatte, wie man umgangssprachlich sagen würde. Die Maschine war stark verrostet. Im Westen richtete er die Maschine in jahrelanger Arbeit in vortrefflicher Schönheit wieder her, bis zu einem Punkt, an dem er nicht mehr weiterwusste und passte. Schreibwagen und andere Teile fehlen. Der Museumschef hat entschieden, diese unfertige Maschine als Zeitdokument im jetzigen Zustand zu präsentieren.

Nicht nur Doose ist Fan des klappernden Schreibutensils. Auch der US-Schauspieler Tom Hanks ist ein großer Liebhaber der klassischen Schreibmaschine und an der Entwicklung der App „Hanx Writer“ beteiligt: Computernutzer schreiben auf Retro-Schreibmaschinentastaturen und können auch die klassischen Schreibmaschinengeräusche hören, die Hanks nach seinen eigenen Worten so vermisst.