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Donnerstag, 21. März 2019

Ausstellung

Offshore für Landratten

Von Ariane Rüdiger | 14. März 2019 | Ausgabe 11

Wer wissen möchte, wie eine Windkraftanlage auf hoher See installiert wird und wie sie funktioniert, ist im Klimahaus Bremerhaven gut aufgehoben.

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Foto: Voigts / Klimahaus Bremerhaven 8° Ost

Modelle von Offshore-Windenergieanlagen mit unterschiedlichen Verankerungstypen sind im Vordergrund zu sehen.

Während der Aufbau und der Betrieb von Offshore-Windenergieanlagen in Norddeutschland gerade einen vollkommen neuen Wirtschaftszweig zum Blühen bringen, sind die Technologie und die Abläufe dieses Bereichs für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Erst recht für Landratten aus Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen. Doch über das, worüber man nicht genug weiß, entwickelt man leicht Vorurteile.

Frische Brise im Norden

Das Offshore Center im Klimahaus im neu gestalteten Bremerhavener Hafenviertel ist ein Ort, um Wissen und realistische Eindrücke dieser Branche zu gewinnen. Dieser in sich abgeschlossene, 300 m2 große Ausstellungsbereich ist im Obergeschoss des Klimahauses untergebracht – dort, wo sich die Lösungsansätze fürs globale Klimadilemma finden.

Besucher gelangen in der Regel dorthin, wenn sie schon eine Reise entlang des achten Längengrades – der Position des Klimahauses – rund um den Globus absolviert haben. Sie durchqueren dabei so unterschiedliche Länder und Regionen wie die Schweiz, Sizilien, Kamerun, Samoa, Antarktika oder die Hallig Langeneß. Dabei erfahren sie einiges über die Klimazonen der Erde und wie das Klima das Leben der Menschen dort beeinflusst.

Vertieft werden diese Eindrücke durch den zweiten Teil der Gesamtausstellung, der sich grundlegenden Fakten des Klimas und seiner Geschichte, dem heutigen Klimawandel bis hin zu Prognosen darüber widmet, was in den nächsten Jahrzehnten geschehen könnte. Und auch darüber, was den jeweils betroffenen Gesellschaften infolge des Klimawandels blühen könnte. Meistens nichts Gutes.

Da kommt der Ausstellungsbereich zur Offshore-Windenergie gerade richtig, der Hoffnung schafft und so dem recht bedenklichen Bild etwas entgegensetzt. Für den Besuch des Offshore Centers im Klimahaus sollte man bei eher oberflächlichem Interesse eine halbe Stunde reservieren. Für Besucher, die möglichst viele Details erfahren möchten, dürfen es durchaus anderthalb bis zwei Stunden sein. Initiiert wurde die sehenswerte Offshore-Schau von der Bremer Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen (BEAN). Realisiert wurde sie mit Mitteln des Landes Bremen, der EU und der Windkraftindustrie.

Die Ausstellung im Offshore Center zeigt Schritt für Schritt, wie ein Windpark auf See entsteht, bis hin zur Betriebsreife. Sie gliedert sich in die Bereiche Vision, Konstruktion, Produktion, Auf See sowie Zahlen und Fakten. Wer von Anfang bis Ende durchhält, hat ein lebendiges Bild davon gewonnen, wie viele Berufsgruppen und einzelne Schritte an der Aufgabe beteiligt sind, einen Windpark auf See zu planen, zu genehmigen, zu bauen und dann zu betreiben.

Besucher erfahren, aus welchen Komponenten eine Offshore-Windanlage besteht, wie groß sie ist, was sie leistet, wie man ihren Standort festlegt, wie man sie derzeit am Meeresboden befestigt und wie zukünftige Konzepte dafür aussehen. Sie entdecken, wie man Turm und Rotor transportiert und montiert und wie der gesamte Produktionsprozess unter Gewährleistung größtmöglicher Sicherheit abläuft.

Das gesamte Ausstellungskonzept versucht, das Thema „Offshore-Wind“ sinnlich erfahrbar zu vermitteln. So kann man die verschiedenen Materialien einer Offshore-Windanlage kennenlernen, beispielsweise das Silizium der Steuerelektronik, man sieht ein maßstabsgerechtes (aber immer noch mehrere Meter großes) Modell eines Rotorflügels und darf es auch anfassen, kann über die Dicke der Kabel staunen, die die Windanlage mit dem Stromnetz am Land verbinden, oder an einem Flipper die eigene Geschicklichkeit beim Lösen von Logistikproblemen beweisen.

An drei Multimediasäulen mit Headset kann man jeweils zwischen mehreren Videos auf Deutsch und Englisch wählen. In jedem berichtet ein Verantwortlicher für eine bestimmte Aufgabe beim Aufbau des Windparks über seine Arbeit, deren spezielle Anforderungen, die Arbeitsbedingungen, aber auch sehr persönliche Eindrücke und Haltungen. Diese Porträts quer durch alle Berufsgruppen – vom Kranführer bis zur Leiterin des marinen Kontrollzentrums und vom Umweltgutachter bis hin zum Servicetechniker – machten deutlich, was es bedeutet, eine neue Form der nachhaltigen Energieernte buchstäblich aus dem Meeresboden zu stampfen. Und sie zeigen, dass hier lohnende und herausfordernde Aufgaben auf diejenigen warten, die auf der Suche nach einem zukunftsfähigen Beruf sind.

Zudem gibt es einige besondere Angebote. So können Interessierte ab zehn Jahre für 149 € einen Hubschrauberflug am Steuer eines professionellen Simulators absolvieren. Dabei begleitet ein erfahrener Pilot, wie sie bei der Arbeit an Windenergieanlagen auf See eingesetzt werden, die Flugschüler. Weniger Abenteuerlustige können an einem solchen simulierten Flug für 2 € zusätzlich zum Eintrittspreis teilnehmen, ohne selbst zu steuern. Für beide Events ist eine spezielle Anmeldung nötig.

Nur an einer Stelle der Schau klafft eine inhaltliche Lücke: Das Thema „Rückbau und/oder Austausch von Offshore-Windenergieanlagen nach Ablauf der Nutzungsdauer“ fehlt vollständig. Bis dahin dauert es wohl noch eine Weile, doch sollte man sich wohl auch heute schon darüber Gedanken machen, um nicht die Fehler anderer, früher entwickelter Technologien zu wiederholen, bei denen sich die Gesellschaft bekanntlich zu wenig Sorgen um deren Abfall machte. Bleibt zu hoffen, dass dieser Bereich irgendwann ergänzt wird.

Die 16 € Eintritt, die Erwachsene (Kinder bis fünf Jahre frei, ab fünf Jahre 11,50 €) für einen Tag im Klimahaus einschließlich Offshore Center zahlen, sind aber in jedem Fall gut investiert.