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Samstag, 20. Januar 2018

Porträt

Ohne Reue zubeißen

Von Matilda Jordanova-Duda | 21. September 2017 | Ausgabe 38

Kai Gildhorn wollte nicht länger mit ansehen, wie Menschen Obst im Supermarkt kaufen und die Natur ignorieren. Er gründete mundraub.org.

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Foto: mundraub

Umweltingenieur Kai Gildhorn: „Es klingt ein bisschen romantisch, aber es macht die Gesellschaft besser, wenn man zusammen ernten kann.“

Die Idee entstand beim Paddeln. Kai Gildhorn und Katharina Frosch hatten Obst aus dem Supermarkt als Reiseproviant mitgenommen – und stellten beim Blick in die Landschaft fest: Überall hingen Äpfel, Birnen und Brombeeren an Bäumen und Büschen und warteten darauf, gepflückt zu werden. Gildhorn: „Diese absurde Erfahrung bewog uns, der Welt mitzuteilen, dass es da draußen viele ungenutzte Früchte gibt.“

Keine Woche später hatten sie die Domain gesichert, einen Blog gebastelt und einige Fundorte auf der Karte markiert. So entstand im Jahr 2010 mundraub.org, die interaktive Onlinekarte für frei zugängliche Früchte und Kräuter. Private Nutzer und kommunale Katasterämter tragen die Fundorte ein.

Im Juli zählt die größte „Plattform für essbare Landschaften“ 55 366 registrierte „Mundräuber“ und knapp 50 000 Fundorte. Man entdeckt Esskastanien in der Nähe von Bonn, Äpfel am Rand eines Campingplatzes in der Picardie, und Zitronen an einer Haltestelle in Tel Aviv. Außerdem Rezepte zum Einkochen, Gruppen zum gemeinsamen Ernten und Bäumepflegen und zahlreiche andere Aktionen.

Der 45-jährige Gildhorn ist heute ein gefeierter Sozialunternehmer. Der Chef von Terra Concordia gUG, dessen bekannteste Marke „Mundraub“ ist, entwickelt mit dreieinhalb Vollzeitstellen und mehreren Freiberuflern die Mundraubplattform und die Aktionen drum herum, die sich über Fördermittel und Spenden finanzieren.

Jedes vierte Kind in Deutschland könne essbare Früchte in Wald und Flur nicht richtig bestimmen, heißt es im Jugendreport Natur 2016. Alte Sorten und traditionelles Wissen verschwinden. Dabei reichten die öffentlichen Bestände aus, um jedem ein „fruchtiges Grundauskommen zu ermöglichen“, so Mundraub.

Mit der Abbildung der essbaren Landschaften gibt sich Gildhorn nicht zufrieden. Landschaftsarchitekten überzeugt er davon, mehr Essbares auf die städtischen Grünflächen zu setzen. Das spende nicht nur Sauerstoff und ein tolles Mikroklima, sondern auch mehr Nutzen und verbinde Menschen mit Orten. Kommunen und Landkreisen bietet er touristische Konzepte an wie die „Essbare Stadt“ für Berlin. Eltern können die Geburt ihres Kindes mit dem Pflanzen eines öffentlich zugänglichen Baums feiern.

2016 gewann die Plattform die Google Impact Challenge. Ausgezeichnet werden Projekte, die mit digitalen Hilfsmitteln ein bisher ungelöstes Problem beheben und dabei möglichst vielen Menschen helfen. Mit den rund 200 000 € von Google konnte Mundraub technisch aufrüsten, um öffentliche Daten importieren oder die eigene Datenbank App-Entwicklern zur Verfügung stellen zu können. Seit diesem Jahr ist es möglich, dass Kommunen ihre Baumkataster nutzen, um Obstbäume für die Öffentlichkeit zu markieren. Sie erscheinen auf der Mundraubkarte als „Stadtbaum“. Berlin, Bonn, Frankfurt, Göttingen, Leipzig, Potsdam und Wien machen mit. Ungefähr die Hälfte der Einträge stammt aus dem kommunalen Fundus.

Die Kooperationspartner schicken die rohen Daten an Mundraub. „Wir filtern die Baumkataster nach Obstbäumen, bringen sie in eine Struktur, die von unserer Datenbank gelesen werden kann und laden sie hoch“, erklärt Gildhorn. In Berlin wachsen rund 100 000 Bäume. Es gelte herauszufinden, welche essbare Früchte tragen und von welcher Sorte, wie alt sie sind und wo sie stehen. Die Dienstleistung kostet den Kämmerer nichts und poliert das Image der Stadt auf. Die Einträge bedeuten zudem Rechtssicherheit für die Mundräuber, die sich am Straßenrand bedienen.

„Früher haben wir versucht, die privaten Einträge selbst zu verifizieren und haben auf Satellitenbildern geguckt, wie das Grundstück aussieht“, erzählt der Ingenieur. Ein gemähter Rasen und ein Zaun drum herum sprechen für private Nutzung. „Das ist ein Wahnsinnsaufwand. Wir können das nicht mehr leisten. Nun ist derjenige verantwortlich, der die Stelle markiert. Wenn es einen kritischen Hinweis gibt, wird der Autor aufgefordert, den Baum von der Karte zu entfernen.“ Die Nutzer informieren auch über Bäume, die gefällt wurden.

Als bezahlte Dienstleistung will Gildhorn einen Service ausbauen. Firmen, die eine Fabrikhalle oder einen Windpark bauen, müssen als Ausgleich Grün pflanzen. Ohne anschließende Nutzung und Pflege macht das wenig Sinn. Mundraub bietet Unternehmen an, für sie Streuobstwiesen und Obstbaumalleen anzulegen. Die Plattform übernimmt Planung und Umsetzung, die Dokumentation und die Verwertung. Mitarbeiter, Schulkinder und Anwohner sollen gemeinsam pflücken, Saft pressen und sich um das Gehölz kümmern. „Es klingt ein bisschen romantisch, aber es macht die Gesellschaft besser, wenn man gemeinsam ernten kann.“

Gildhorn lebt in Berlin, doch es zieht ihn aufs Land. Dem umweltbewussten Ingenieur hat Mundraub die Augen für die Natur und ihren Erhalt noch weiter geöffnet. 

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