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Donnerstag, 21. März 2019

Porträt

Platte secondhand

Von Matilda Jordanova-Duda | 14. März 2019 | Ausgabe 11

Angelika Mettke gilt als Pionierin des Betonrecyclings. Die Professorin hat ihre Arbeit der Wiederverwertung gebrauchter Bauplatten verschrieben.

Ausgezeichnte BU
Foto: Deutsche Stiftung für Umwelt/Rainer Weisflog

Angelika Mettke ist überzeugt, dass Secondhand-Bauteile nicht nur ökologisch Sinn machen, sondern gestalterisch viel hergeben.

Auf dem Hof der Eltern von Angelika Mettke nahe Cottbus wurde alles Brauchbare wiederverwertet. Der Vater, ein Handwerker für Schmiede- und Schlossereiarbeiten, brachte von der Gemeindedeponie verschiedene Wertstoffe mit und bastelte daraus Spielsachen und Haushaltsgegenstände. „Erst haben meine Mutter und ich uns über ihn lustig gemacht“, erinnert sich Mettke. Die väterliche Art, Werte zu erhalten, hat sie jedoch geerbt.

Schließlich wurde die Bauingenieurin Pionierin des Betonrecyclings. Das Thema entdeckte sie bereits während ihres Studiums und verfolgte es während der Promotion. Damals beschäftigte sie sich mit den Gebäudeanlagen im Tagebau: Büros, Fahrzeughallen, Werkstätten und Waschkauen, die schon nach acht oder zehn Jahren Nutzung abgerissen und ein paar Kilometer weiter neu aufgebaut wurden, weil sie den Braunkohlebaggern im Wege standen. Dabei war Beton in der DDR ein knappes Gut, die massiven Konstruktionen waren wie für die Ewigkeit gemacht. Die junge Doktorandin überlegte, ob man die Gebäude demontieren kann und fing an, die Verbindungen und die Qualität der Wand- und Deckenelemente zu untersuchen. Sie fuhr zu den Baustellen und bat die Arbeiter, das ein oder andere für sie auszuprobieren.

Auch heute hält es die Professorin für Bauliches Recycling an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg nicht lange am Schreibtisch aus. Sie ist oft unterwegs, um Bauherren zu überzeugen, gebrauchte Platten neu zu verbauen. 1 Mio.  leer stehende Wohnungen gab es nach der Wende, vorwiegend in der ungeliebten Platte, deren Stoffe Mettke aber zu schade zum Schreddern sind. Für fast 90 % könnte es ein zweites Leben geben, meint sie. Praktisch alle Bauteile seien bei entsprechender Zwischenlagerung wiederverwendbar – bis auf die nichttragenden, nur 7 cm dicken Innenwände.

Die Nachnutzung von ganzen Betonbauteilen ist nur bei Objekten möglich, die in Fertigteilbauweise errichtet wurden. „Heutzutage wird wieder mehr monolithisch gebaut, der Beton wird auf der Baustelle in Schalungen gegossen.“ Diese Bauwerke ließen sich später nur noch zu Splitt zerkleinern, bedauert Mettke. Deswegen plädiert sie dafür, mehr Fertigbauteile mit einfach lösbaren Verbindungen zu benutzen. Solche Bauten, etwa nach dem Legoprinzip, könnte man mehrmals zerlegen und etwas Neues daraus machen. „Beton hat eine Lebensdauer von 120 bis 150 Jahren. Die Nutzungsdauer der Gebäude ist meist geringer.“

Zusammen mit ihren Studierenden und Doktoranden hat Mettke rund 1000 Elemente auf ihren Bewehrungszustand und Feuerwiderstand, ihre Tragfähigkeit, Schadstoffbelastung und weitere Parameter geprüft. Recyclingrohstoffe seien noch besser geprüft als Primärrohstoffe, also unbearbeitete Stoffe. Gestalterisch ließen sich mit Secondhand-Bauteilen interessante Effekte erzielen. So kann die Zusammensetzung von unterschiedlich großen Teilen aus verschiedenen Spendergebäuden zum Hingucker werden. Zudem liegen die Einsparungen bei 10 % bis 40 %. Rund 30 Objekte wurden bundesweit mit Mettkes Hilfe aus alten Platten errichtet. Darunter Vereinsheime und Einfamilienhäuser, aber auch das Institut für Neuwertwirtschaft (IFN) im brandenburgischen Lauchhammer.

Die Bauingenieurin erhält regelmäßig Anfragen. Eine Frau, die sie im Fernsehen gesehen hat, möchte ihren Bungalow aus ausrangierten Komponenten bauen lassen. Mettke kann und will helfen. „Dann erfrage ich erst einmal, wo das Grundstück steht und suche über meine Kontakte, ob im Umkreis etwas rückgebaut wird.“ Geeignete Teile kennzeichnet die Professorin gleich vor Ort, wenn die Tapeten entfernt sind. Im Idealfall ist schon beim Rückbau des „Spendergebäudes“ klar, wo die Teile später einmal stehen werden.

Rück- und Neubau erfolgen selten zeitnah. Das ist eines der grundlegenden Wiederverwendungsprobleme. Mettke sieht eine mögliche Lösung in Bauteilbörsen. „Sie könnten mit ausgebauten Fenstern, Türen und Heizkörpern handeln. Das könnte man in Richtung Wände und Decken erweitern und alles digital erfassen.“ Auch Betreiber von stationären Recyclinganlagen könnten solche großformatigen Bauteile annehmen und Kunden anbieten, denn sie hätten meist große Lagerflächen. „Was nach einer bestimmten Frist, etwa nach fünf Jahren, keinen Abnehmer findet, könnte immer noch geschreddert und als Betonsplitt zur Betonherstellung oder im Straßenbau verarbeitet werden.“

Aus Mettkes Sicht ist die stoffliche Verwertung als geschredderter Betonsplitt die zweitbeste Lösung. Denn der Abbruch und das Schreddern der alten Wohnblocks, vor allem aber die Betonproduktion verschlingen enorm viel Energie. Den Energieverbrauch und den damit verbundenen CO2-Ausstoß könnte man durch konsequente Wiederverwendung der Platte um mehr als 90 % reduzieren, hat die Professorin ausgerechnet. Aber auch die Ressourceneffizienz hat sie im Blick. „Sande, Kiese, Splitte und die Rohstoffe für Zement sind endlich. Bei dem hohen Lebensstandard bauen wir in Deutschland jährlich über 500 Mio. t Gesteinskörnungen ab und erzeugen gleichzeitig bis zu 60 Mio. t Bauschutt.“ Wegen des Baubooms gibt es schon lokale Engpässe bei Sand und Kies.

Mettkes Engagement gegen die Verschwendung würdigte die Deutsche Stiftung für Umwelt 2016 mit dem Umweltpreis. Der Abbau der Rohstoffe verursache einen immensen Flächenverbrauch und hinterlasse karge Landschaften, die aufwendig für die Natur wiederhergestellt werden müssen, hieß es in der Begründung. Mit dem Altbeton ließe sich der Flächenfraß eindämmen und die Deponien entlasten.

Obwohl die Wiederverwendung schon im Kreislaufwirtschaftsgesetz von 2012 verankert ist, fehle dafür das Bewusstsein, so Mettke. Teil der Architektenausbildung sei das Recycling bestenfalls punktuell, sagt Mettke. „Es gibt auch Architekten, die per se sagen: Ach, hören Sie mir auf mit dem alten Zeug!“ Der Planungsaufwand sei zwar größer, aber „wir müssen auch an unsere Kinder denken. Der Bausektor kann viel dazu beitragen, die Klimaziele zu erreichen“.

Dazu gehöre auch die öffentliche Hand als Vorreiter. „Ich kenne keine Ausschreibungen, in denen die Verwendung gebrauchter Bauteile gefordert wird“, sagt die Professorin. Immerhin habe Berlin einen Anfang gemacht, indem der Senat die Verwendung von Beton aus recycelter Gesteinskörnung für die städtischen Gebäude vorschreibt. Auch daran hat Mettke mitgewirkt. Manche Vorschriften stünden sogar der Nachhaltigkeit regelrecht im Weg. So kennt die Professorin einen Bauträger in Brandenburg, der keinen zinsgünstigen Kredit für eine Ferienanlage von der Landesbank erhalten hatte, weil er sich für sein Vorhaben gebrauchte Bauplatten sicherte und auf dem Gelände zwischenlagerte. Würde er die Häuser aus frischem Beton errichten, hätte er das Geld längst bekommen.

Die 66-Jährige finanziert ihre Projekte seit November 2018 über Drittmittel, weil sie weiter forschen, lehren und beraten will. Ihre Expertise ist auch international gefragt. „Wir hatten schon Gäste aus den ehemaligen sozialistischen Ländern, wo noch viel mehr Platte gebaut wurde als in der DDR, aber auch aus Frankreich und Belgien.“ Demnächst steht ein großes Projekt in Finnland an.