Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Dienstag, 23. Januar 2018

Personalmanagement

„Politik will Jugend wegdefinieren“

Von Sarah Fluchs | 24. November 2016 | Ausgabe 47

Der Generationenforscher Christian Scholz über den Sinn, Menschen in Altersgruppen zu unterteilen.

Generationen BU
Foto: panthermedia.net/kikovic

Medientausch: Eigentlich ist die Rollenverteilung klar – dem Opa die Zeitung, dem Enkel den Laptop. Aber für das Verständnis zwischen den Generationen kann ein Tausch nicht schaden.

VDI nachrichten: Vertreter der Generation Z wurden Anfang der 1990er geboren. Kann man jetzt schon eine Diagnose aufstellen über die Generation der Teens und Twens?

Scholz: Warum sollten wir noch warten, um uns mit aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen zu beschäftigen und darauf zu reagieren? Vor 15 Jahren wurde über die Generation Y nachgedacht – und sie ist ziemlich so geworden wie prognostiziert. Jetzt geht es um die Generation Z, auf die wir uns einstellen sollten. Natürlich können sich Wertvorstellungen ändern, sie bleiben aber immer nachhaltig geprägt durch die Jugend.

Woher die Generationsbezeichnungen kommen

Was macht denn die Generation Z aus?

Die Generation ist eine Gegenbewegung zur heutigen Arbeitswelt, die stark auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtet ist. Die Generation Z nimmt wahr, dass die älteren Arbeitnehmer, vor allem ihre direkten Vorgänger aus der Generation Y, in diesem Hamsterrad nicht unbedingt erfolgreich sind, sondern teilweise sogar ausgebrannt. Unsere Arbeitswelt dringt immer mehr ins Privatleben ein. Die neue Generation aber will Beruf und Privates trennen und hat daher andere Vorstellungen von Arbeitsplätzen und Arbeitszeitregelungen. Diese Reaktion ist ein normaler, allerdings eher unbewusster Adaptionsprozess.

Im Privatleben ist die Generation Z weniger anspruchsvoll als ihre Vorgänger: Es muss nicht das größte Auto oder die riesige Wohnung sein, man will auch weniger reisen. Obwohl die Generation Z in einer krisengeschüttelten Zeit aufwächst, ist sie weitgehend zufrieden mit ihrer Welt.

Es gibt Stimmen, die die Existenz der Generationen X, Y und Z generell bezweifeln …

Foto: Universität des Saarlandes

„Ingenieurjobs sind beliebt. Das kann Unternehmen das Gefühl vermitteln, sie müssten sich nicht um junge Mitarbeiter bemühen.“ Christian Scholz, BWL-Professor mit den Schwerpunkten Organisation, Personalund Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes.

Die Generation Z wird von der Politik im Moment gerne wegdefiniert. Denn sie passt Politikern und selbst ernannten Vordenkern nicht ins Konzept. Lieber kreieren sie eine überstilisierte Generation Y, die gerne rund um die Uhr flexibel arbeitet und sich leistungsorientiert steuern lässt: Generation Y als Arbeitgebertraum, Generation Z als Arbeitgeberalbtraum. Deswegen gibt es im Moment so scharfe Reaktionen bis hin zur Leugnung der Generation Z. Die Begründungen sind methodisch unsinnig: Weil es innerhalb der Generation Z noch Unterschiede gäbe, sei die ganze Kategorie ein Mythos. Das ist, als würde ich der Kategorie „Tomate“ die Existenz absprechen, weil es verschiedene Tomatensorten gibt.

Ein häufiger Kritikpunkt an der Generationeneinteilung ist, dass sie meist nur eine Minderheit einer Kohorte beschreibt. Beispiel sind die 68er, von denen nur wenige tatsächlich an Studentenprotesten teilnahmen.

Entscheidend ist nicht, ob die tatsächlich protestierenden 68er in der Minderheit waren. Das Generationenkonzept bedeutet ja nicht, dass jeder gegen den Vietnamkrieg demonstriert hat. Entscheidend ist, dass die Proteste prägende Ereignisse darstellen, die zwar nicht alle Vertreter einer Generation aktiv mitgemacht, wohl aber miterlebt haben. Sie sind im kollektiven Gedächtnis der Generation verankert.

Sie sind Professor für Betriebswirtschaftslehre. Ist die BWL die richtige Disziplin, um die Gesellschaft zu analysieren?

Warum nicht? Schließlich sind Unternehmen, Verwaltungen und Organisationen jeglicher Art bis hin zur Strukturierung von Schulsystemen zentrale Bausteine unserer Gesellschaft. Als Betriebswirtschaftler denke ich darüber nach, wie eine sinnvolle Arbeitswelt aussehen könnte, in der die Menschen sich wohlfühlen und die ihnen gibt, was sie wollen und brauchen. Wie soll ich das herausfinden, wenn ich mich nicht mit ihren Werten und Verhaltensmustern beschäftige?

Bildet die Frage, wie junge Menschen gerne arbeiten wollen, nicht vorrangig die gut gebildete Mittelschicht ab? Nur sie ist in der Luxussituation, Ansprüche stellen zu können.

Die Frage, wo und wie ich arbeiten möchte, hat nichts mit Bildungsbürgertum zu tun, sondern geht quer durch alle Schichten. Die Generation Z sieht, was die Arbeitswelt mit der ihrer Vorgängergeneration Y gemacht hat: Zuletzt hat der Barmer Gesundheitsreport 2016 belegt, dass sie mit Burn-out und psychosomatischen Erkrankungen kämpft. Darauf reagiert sie. Die Generation Z ist also kein theoretisches Konstrukt, sondern erlebbare Realität, mit der wir uns auch im eigenen Interesse auseinandersetzen sollten.

Generationenkonzepte lassen sich gut vermarkten. Veröffentlichungen über Generationen richten sich beratend an Unternehmen und Führungskräfte.

Es geht nicht um Vermarktung, sondern um reale Probleme: Wenn die Generation Z geringe Markenloyalität und fast keine Loyalität zum Arbeitgeber entwickelt, können Unternehmen das nicht ignorieren. In den vergangenen 30 Jahren habe ich kein Thema erlebt, an dem Unternehmen so viel Interesse hatten wie an der Generation Z. Auch Stadtverwaltungen, Gesundheitseinrichtungen, Radiosender und andere Organisationen realisieren, dass die jüngere Generation anders tickt und man sich mit ihr auseinandersetzen sollte. Es ist verständlich, dass sie sich Rat holen.

Gilt das auch für Arbeitgeber von Ingenieuren?

Ingenieurjobs sind beliebt. Unternehmen, die sie anbieten und zusätzlich prestigeträchtige Produkte herstellen, sind gerade bei den männlichen Vertretern der Generation Z heiß begehrt und bekommen extrem viele Bewerbungen. Das kann Unternehmen das Gefühl vermitteln, sie müssten sich nicht um junge Mitarbeiter bemühen. Einige Firmen richten sich weiter an ihrem Idealbild der Generation Y aus: Daimler oder Siemens wenden sich radikal von einem strukturierten Arbeitsumfeld ab. Desksharing, wo sich jeder täglich einen Schreibtisch suchen muss, kommt bei der Generation Z aber nicht gut an.

Sie schreiben, die Generation Z „stecke uns alle an“. Warum?

Weil das Wertesystem der Generation Z auch für andere Generationen attraktiv ist. Stellen Sie sich vor, neben Ihnen im Büro sitzt ein Generation-Z-Mitarbeiter, der jeden Tag pünktlich um 17 Uhr Feierabend macht und am Wochenende keinen Finger rührt. Wer wird sich da wem anpassen? Der ältere Mitarbeiter fragt sich irgendwann, warum er so viel arbeitet und adaptiert im Zweifel die Mentalität der Generation Z. Man muss nicht jeden Tag die Welt retten. 

stellenangebote

mehr