Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Mittwoch, 20. Februar 2019

Digitalisierung

Positiv-Entwürfe gesucht

Von Simone Fasse | 24. Januar 2019 | Ausgabe 04

Siemens-Personalvorstand Janina Kugel forderte auf einer Veranstaltung Engagement der Arbeitnehmer und bemängelte den Machtanspruch mancher männlicher Führungskräfte.

31_Aufmacher (2)
Foto: : panthermedia.net/IgorTishenko

Agile Welt: Neue Arbeitsmodelle könnten Frauen zugutekommen. Doch bislang sind entsprechende Entwicklungen selten zu beobachten.

Die digitale Transformation ist in Deutschland angekommen. Aber wird sie auch für mehr Gender- und Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt genutzt? Dieser Frage geht das Projekt #WomenDigit nach, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter dem Dach der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) gefördert wird.

Mit #WomenDigit sucht Kira Marrs, Wissenschaftlerin am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München (IFS) in Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Siemens oder VW gezielt nach Praxisansätzen, um die Möglichkeiten für Frauen in der Digitalisierung auszuloten.

Als Teil der Veranstaltungsreihe „Internet und Gesellschaft“ des Bayerischen Instituts für Digitale Transformation (BIDT) diskutierte Marrs in der vergangenen Woche mit Christiane Benner (zweite Vorsitzende der IG Metall), Janina Kugel (Mitglied des Vorstands und Arbeitsdirektorin der Siemens AG) und Miriam Wohlfarth (Gründerin und Geschäftsführerin des Fintech-Unternehmens RatePay) über neue Perspektiven im digitalen Wandel, nicht nur für Frauen.

Deutschland stehe vor einem gravierenden Umbau des Erwerbssystems, erwartet Kira Marrs. Die Digitalisierung biete dabei neue Chancen besonders für weibliche Talente, etwa durch agile Formen der Führung, die teamorientiert und geteilt funktionieren. Auch in die technischen Bereiche hinein könne die Digitalisierung ein Türöffner sein, zum Beispiel durch die Schaffung interdisziplinärer Teams. Neue Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten müssten von den Unternehmen vorangetrieben und belohnt werden, mahnte Marrs.

Siemens-Managerin Janina Kugel hingegen beobachtet oft ein letztes „Aufbäumen“ von meist männlichen Führungskräften, die ihre Machtansprüche nur ungern zugunsten neuer Strukturen aufgeben. Denn in einer zunehmend kollaborativen und vernetzten Arbeitswelt entstehen eben auch neue Leitbilder für Führung und mobiles Arbeiten. „Neueste Technologien mit alten Führungsstrukturen in den Markt zu bringen, wird nicht funktionieren“, davon ist Start-up-Gründerin Miriam Wohlfarth von RatePay überzeugt.

Eine Digitalisierungsstrategie sei in vielen Unternehmen nicht vorhanden, bemängelte Christiane Benner von der IG Metall. Die Zukunft, so Kira Marrs, werde vielmehr noch mit den Denkmustern des industriellen Maschinenzeitalters fortgeschrieben. Es gehe in der Digitalisierung aber nicht mehr vorrangig um die Entwicklung neuer Technologien, sondern um die Bereitschaft zum Ausprobieren. Dabei müsse das Internet als Informationsraum verstanden werden. Für die Beschäftigten bedeute das vor allem, sich auf lebenslanges Lernen einzustellen, denn Digitalisierung heißt auch permanente Veränderung.

„Egal ob Frau oder Mann: Wenn Sie nicht in einem Jahr in Rente gehen, werden die heutigen Fähigkeiten im Job nicht mehr ausreichen“, warnte Janina Kugel. Leute mit neuen digitalen Qualifikationen werde es auf dem Arbeitsmarkt nicht in ausreichender Menge geben, sodass sich auch die Arbeitgeber dem Thema Weiterbildung und vorausschauender Qualifizierung immer stärker zuwenden müssten. Und das gelte über alle Alters- und Ausbildungsgruppen hinweg, auch darin waren sich die Diskutantinnen in München einig.

Allerdings, so Christiane Benner von der IG Metall, seien die meisten Angestellten schon durch die laufenden Projekte mehr als ausgelastet – da bliebe keine Zeit, um auch noch Neues zu lernen. Das fand Janina Kugel, Siemens-Personalvorstand, nachvollziehbar, denn das sei ja auch häufig „nervtötend“ und „schwierig für den Kopf“, bemerkte sie. Verweigerung sei trotzdem eine fatale Haltung, meinte die Siemens-Vertreterin und verwies auf das Bild der Steinzeitmenschen, die sich mit ihrem Karren abmühen, der quadratische „Räder“ hat – sich aber vor lauter Anstrengung keine Zeit nehmen, um über die nächste sinnvolle Innovation nachzudenken.

Für Kugel bedeuten neue Chancen in der Digitalisierung deshalb auch eigenes Engagement. Wer sich für den Arbeitsmarkt interessant halten wolle, der müsse vielleicht auch mal außerhalb der regulären Zeiten an seiner Karriere arbeiten. Wie aber nimmt man die Beschäftigten mit, die durch die steigenden Anforderungen verunsichert sind und immer mehr Druck empfinden? Wichtig seien „Positiv-Entwürfe“ und „Beispiele zum Anfassen“ für eine neue Arbeitskultur, so Kira Marrs.

Dafür müsse dringend heute auch in den Schulen angesetzt werden, forderten die Expertinnen übereinstimmend. „Informatiker sind die Handwerker der Zukunft – diesen Fakt müssen wir ganz anders in die öffentliche Wahrnehmung bringen“, brachte es Miriam Wohlfarth auf den Punkt.