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Mittwoch, 20. Februar 2019

Druck

Renaissance für den Lichtdruck

Von Manfred Schulze | 1. November 2018 | Ausgabe 44

Eine fast schon vergessene Reproduktionstechnik von unerreichter Qualität wird wieder belebt.

w - Lichtdruck BU
Foto: Manfred Schulze

Aktives Museumsstück: Michael Barthel und Druckerin Janine Kittler an einer der Lichtdruckschnellpressen im Druckereimuseum Leipzig.

Einstmals, als die Fotografie gerade erst das Laufen lernte, war jedes Bild noch ein Unikat. Fotos ließen sich lange weder massenhaft reproduzieren noch drucken. Das änderte sich erst mit der Erfindung des Lichtdrucks, der bis in jede Feinheit unerreichte Qualität in die Reproduktionen brachte. Doch seit dem Siegeszug des Offset- und später des Digitaldrucks verschwand die Technologie in der Versenkung der Geschichte. Nun wird sie von Enthusiasten wiederbelebt.

Lichtdruck

Die Feinheiten der Strukturen, aber auch die Farbgenauigkeit gelten bis heute als unerreicht. Bei diesem Verfahren nimmt eine durch die Belichtung unterschiedlich ausgehärtete Gelatineschicht auf einer Glasplatte die Druckfarbe auf und überträgt diese auf das Papier. Als die Nazis in den Kriegsjahren auf die Idee kamen, Pfund- und Dollar-Noten zu fälschen, setzten sie auch deshalb auf den Lichtdruck.

Die deutsche Buchkunst hat insofern die Welt verändert: Nicht nur Gutenberg, der Erfinder der beweglichen Lettern, der den klassischen Buchdruck überhaupt erst massentauglich machte, wäre da zu nennen, sondern wohl auch ein gewisser Joseph Albert, Hoffotograf des bayerischen Königshauses. Ohne ihn hätte es nicht schon im ausgehenden 19. Jahrhundert opulente Bücher mit absolut rasterfreien Drucken von Kunstwerken, Gebäuden oder Personen gegeben.

Albert entwickelte den sogenannten Lichtdruck weiter, hin zum Farblichtdruck. Jakob Husnik aus Prag hatte 1868 für den auflagemäßigen Lichtdruck ein brauchbares Verfahren entwickelt und an Albert in München verkauft. Ohne die Erfindung des Lichtdrucks, behaupten zumindest einige auf dem Gebiet spezialisierte Historiker, hätte möglicherweise die bis dahin eher ein Nischendasein fristende Fotografie sich gar nicht oder zumindest nicht so schnell verbreiten können.

Janine Kittler ist heute die wohl einzige Lichtdruckerin, die diesen Begriff in ihrem Abschlusszeugnis der Handwerkskammer vorweisen kann – und das weltweit. Sie zeigt stolz ihr kleines Reich, das sich in der zweiten Etage über einen ganzen Gebäudeflügel des Druckkunstmuseums in der alten Buch- und Messestadt Leipzig erstreckt: Labore, ein Raum mit einer mehrere Hundert Kilogramm schweren Kamera mit einem Filmformat von 70 cm x 100 cm, große Schubregale und, das ist ebenfalls einzigartig, drei funktionstüchtige Schnelldruckpressen. Die jüngste davon stammt von 1910, das älteste Stück wurde 1890 aufgebaut – nur fünf Jahre, nachdem in München die erste Lichtdruckpresse überhaupt in Betrieb ging. Deren Leistung damals: bis zu 300 Blatt pro Stunde.

Von solchen Auflagehöhen ist Kittler heute meist weit entfernt. Eigentlich ist das auch weniger wichtig, weil alle anderen Prozesse für eine hochwertige Reproduktion eher nach Wochen als nach Stunden berechnet werden.

Bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts habe es Druckereien gegeben, die mit Lichtdruckarbeiten im besonders hochwertigen Kunstdrucksegment ihr Geld verdienten – in Wien, Florenz, Leipzig oder Dresden, erzählt die junge Druckerin. Sie lernte ihr Handwerk von den letzten Fachleuten, die nach 1990 bald ihren Job in Leipzig, nicht aber ihre Begeisterung für den Lichtdruck verloren. Sie retteten die Maschinen aus den Räumen des damaligen VEB Interdruck. Dort hatte man bis zuletzt, vor allem für Kunden aus dem Westen, hochwertige Edeldrucke in aufwendiger Handarbeit gefertigt. Dass die Maschinen uralt waren, störte dabei niemanden.

Bis heute gibt es das kleine Häuflein der alten Hasen, die vor gut 20 Jahren die Maschinen mit vielen Helfern zum Druckkunstmuseum bugsierten. Per Kran wurden sie über eine eigens geöffnete Stelle an der Fassade ins Innere gehievt, Stück für Stück restauriert und gelegentlich für Besucher in Gang gesetzt. Auch kleinere Aufträge wurden realisiert.

Kittler, die schon immer kunst- und technikbegeistert war und damals hier ein Praktikum absolvierte, führt nun die alte Druckkunst weiter, vielleicht sogar in eine kleine wirtschaftliche Renaissance. Heute kann jeder bei ihr Reproduktionen bestellen, vom Einzelstück bis zur Serie. Meist sind es Künstler, die sich Grafiken in limitierter Stückzahl wünschen, vereinzelt auch Museen oder Bibliotheken.

„Viele wissen gar nicht, dass es diese Technik gibt und welche Ergebnisse sie liefert“, sagt Kittler und zeigt auf einen riesigen Kunstdruck mit einem Baum oder einen mit seinem Farbrausch typischen Van Gogh an ihrer Wand. Und, ja, auch wenn sie selbst davon eigentlich ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten kann, es ist für Kunden eine teure Angelegenheit. „Die Gesellschaft hat sich an die Preise von Ikea gewöhnt, wo man eine Grafik für 10 € bekommt“, sagt sie. Aber das sei eigentlich gar nicht vergleichbar.

Nicht nur in Leipzig, sondern auch in Darmstadt sendet der Lichtdruck neue Lebenszeichen. Dort haben Holger Lübbe und Wolfgang Blauert die Offizin Darmstadt gegründet und in der Werkstatt eine alte Lichtdruckschnellpresse aufgestellt. Die Faber & Schleicher 2169 wurde bei Manroland in Offenbach restauriert.

Lübbes Traum ist es, dass die inzwischen weitgehend digitalisierten Altbestände der Menschheitskultur originalgetreu reproduziert und auch aktuelle Werke als Edition herausgebracht werden – vom Codex Sinaiticus, der wohl ältesten erhaltenen Bibel, bis hin zu den ersten Buchdruckerzeugnissen. „Wir können heute mit den Daten arbeiten und ein Negativ für den Lichtdruck erzeugen“, berichtet Lübbe. Mit dem Projekt „Lichtdruck 2000“ will er weitere Prozessschritte des Lichtdrucks modernisieren. Denn dass die Bibliotheken oder auch Museen weltberühmte Kunstwerke von Leonardo da Vinci oder Albrecht Dürer in die Offizin schicken würden, ist undenkbar.

Den Codex kann man übrigens im Internet betrachten, seit 2008 ist das Digitalisierungsprojekt, in das mehrere Länder eingebunden sind, etappenweise online gegangen. Den Text gibt es in einfacher Form für 30 €, als Faksimiledruck im Schuber für 940 € bequem bei Bücher.de. Den qualitativen Unterschied findet man eher mit der Lupe. Der Markt für die hochpreisige Alternative muss erst noch geschaffen werden.