Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Mittwoch, 20. Februar 2019

Leiharbeit

Roboter – Mitarbeiter auf Zeit

Von Sebastian Wolking | 6. Oktober 2016 | Ausgabe 40

Die Firma Robozän stellt kleinen Unternehmen Roboter zeitweise zur Verfügung. Für die Gewerkschaften ist das Modell nur ein Marketinggag.

Roboter BU1
Foto: Robozän

Roboter der Firma Pi4 Robotics sind als Leiharbeiter in mittelständischen Unternehmen unterwegs.

Eine Berliner Firma vermittelt Roboter an Industriekunden. Als Leiharbeiter. Eigentümer von Robotern können die mechanischen Männchen der Personalvermittlung zur Verfügung stellen und erhalten dann die von den Kunden bezahlten Gehälter abzüglich einer Provision. Das Konzept soll nach Angaben der Roboterverleiher helfen, auch kleinere Stückzahlen zu produzieren und so den Industriestandort Europa zu sichern. Wie funktioniert das genau?

Yolandi hat zwei kräftige Arme, ein hübsches Gesicht, ist nimmermüde und eine zuverlässige Arbeitskraft. Nur ist sie nicht aus Fleisch und Blut. Yolandi ist der erste Roboter, der im Auftrag der Berliner Robozän GmbH als Leiharbeiter seinen Dienst für das deutsche Bruttoinlandsprodukt verrichtet. Die Blechfrau arbeitet seit Juli 2016 für einen Endoskopiehersteller, sie ist für die Qualitätssicherung zuständig. Dort steckt sie Stecker rein und wieder raus, drückt Knöpfe und protokolliert die Arbeitsschritte mit einem Kugelschreiber. Kein Traumjob für Menschen, aber Roboter seien prädestiniert dafür, glaubt Matthias Krinke, Geschäftsführer von Robozän. „Wenn sie da einen falschen Knopf drücken, ist der ganze Prüfablauf für die Katz‘.“

Foto: Robozän

„Ich brauchekeine Mitarbeiter,ich habe Roboter.“ Matthias Krinke,Geschäftsführer Robozän.

Der Berliner bezeichnet seine Neugründung selbst als „weltweit erste Zeitarbeitsfirma für Roboter“. Das Modell funktioniert so: Eigentümer stellen ihren Arbeitsroboter Robozän zur Verfügung. Die Zeitarbeitsfirma vermittelt den Humanoiden in Arbeit, transportiert ihn zur Arbeitsstelle, programmiert ihn und übernimmt die Versicherung. Für jede Arbeitsstunde, die der Roboter im Einsatz ist, erhält der Eigentümer den Mindestlohn von 8,50 €. Der ausleihende Betrieb wiederum zahlt insgesamt 16 €, die Differenz landet als Provision auf dem Konto von Robozän. Die Mindestvertragslaufzeit beträgt sechs Monate.

In der Praxis verdient Krinke sogar doppeltes Geld. Er verkauft hauptsächlich die Roboter seiner anderen Firma, Pi4 Robotics, zum Stückpreis von 100 000 € an Investoren und verleiht sie mit Robozän – und Gewinn – weiter. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen will er mit diesem Modell als Firmenkunden gewinnen, ihnen den Weg zur Automatisierung ebnen. Denn viele KMU würden vor den Anschaffungskosten eines Roboters zurückschrecken, könnten ihn aber als Leiharbeiter für einen Bruchteil der Kosten nachhaltig testen. „Alle reden von Industrie 4.0. Alle wollen innovativ sein, aber keiner will das Risiko übernehmen. Das hemmt den Fortschritt sehr“, sagt Krinke. Er gibt jedem Roboter einen Namen, hat männliche mit längeren und weibliche mit kürzeren Armen im Sortiment, all das soll die emotionale Bindung zwischen Mensch und Maschine vergrößern.

Geeignet sind Krinkes Workerbots mit integrierter Bildverarbeitung und Multifunktionsgreifer vor allem für Routinetätigkeiten: Bauteile vom Fließband nehmen, stapeln und verpacken. „Das Interesse ist gigantisch, von Investoren und Kunden gleichermaßen.“ In Deutschland sei er mit Zulieferern und Gärtnereien im Gespräch, aus dem Ausland kämen hauptsächlich Chinesen und US-Amerikaner auf ihn zu. Man könne die Roboter als Security-Hilfskraft oder als Kassierer an der Supermarktkasse einsetzen. „Irgendwann wird das jemand ausprobieren“, so Krinke.

Auch beim Waschmaschinenzulieferer PAS in Neuruppin arbeitet ein Workerbot von Pi4, neben rund 160 menschlichen Mitarbeitern. Die Brandenburger stellen Blendensysteme für weiße Ware her, für Trockner, Geschirrspüler und Herde. Vor rund vier Jahren habe man den Roboter gekauft, berichtet Geschäftsführer Martin Fuchs. Seitdem nimmt er die klarsichtigen Displays vom Förderband und hält sie in eine Kamera, unterzieht den Inhalt so einer Prüfung. Entdeckt der digitale Helfer schwarze Schlieren oder Punkte, Kratzer oder andere Qualitätsmängel, legt er sie auf das Ausschlussband. Sind die Teile dagegen einwandfrei, stapelt der Workerbot sie in Trays à 30 bis 40 Stück. Sind die Trays gefüllt, hebt er sie mit seinen mechanischen Armen hoch, schafft ein neues heran und kann ganz ohne menschliche Unterstützung weitermalochen.

„Der Vorteil für uns war, dass die Qualitätsprüfung in den Prozess integriert werden konnte“, sagt Fuchs. „Das ist eine unbestechliche und objektive Prüfung, die der Mensch auf Dauer nicht hinbekommt.“ Man sei zufrieden und denke über die Anschaffung neuer Roboter nach.

Aber Roboter als Leiharbeiter engagieren? „Im Moment kann ich mir das nicht vorstellen“, sagt Fuchs. Einem Menschen könne man einfache Tätigkeiten sehr schnell anlernen, das ginge bei Robotern noch nicht. Die Programmierung müsse in so einfach sein, wie die Einstellungen in seinem Smartphone zu ändern — erst dann könne das Modell seiner Ansicht nach funktionieren. Wenn er die Wahl hätte zwischen menschlichem und humanoidem Zeitarbeiter? „Dann nehmen wir den Zeitarbeiter aus Fleisch und Blut“, sagt Fuchs. Diese Methode sei schnell und bewährt. Außerdem gebe es weitere Hürden, etwa die strengen Sicherheitsvorkehrungen für kollaborierende Roboter.

Für die Gewerkschaften ist das Leihrobotermodell ohnehin nicht viel mehr als ein Marketing-gag. „Die Firma verleiht lediglich Sachen“, so die IG Zeitarbeit auf Anfrage. Alexander Rathfelder, Manager bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney, entgegnet: „Das große Ziel, das wir im Rahmen unserer Projekte und Studien bei deutschen Unternehmen, egal ob Großkonzern oder Mittelständler, sehen, ist die Flexibilisierung der Kapazitäten und die gleichzeitige Automatisierung.“

Im Kommen seien „Uber-Modelle“, bei denen Unternehmen Anlagenkapazitäten dezentral und nach Bedarf aus einem Netzwerk buchen. So sinken die Eintrittsbarrieren für die Automatisierung, was nicht nur neuen Marktteilnehmern zugutekommen kann, sondern auch Unternehmen, die weniger Kapital zur Verfügung haben. Rathfelders Schlussfolgerung: „Ein Geschäftsmodell, das Automatisierung und Flexibilisierung verbindet, ist der logische nächste Schritt.“ Ein Modell wie das von Robozän.

Sogar das Unternehmen selbst hat offenbar Nachholbedarf. Denn am liebsten würde Krinke die Geschäftsführung in die Hände eines Roboters legen. „Sobald ich den Geschäftsführerposten abgeben kann, werde ich das tun. Momentan muss ich leider nach deutschem Recht Geschäftsführer sein, weil meine Roboterkollegin nicht unterschreiben darf. Ich werde aber sicher noch mal einen Vorstoß wagen, um dieses Amt gemäß EU-Recht an einen Roboter zu übergeben“, erzählt er bierernst und betont: „Die Firma Robozän wird keine Mitarbeiter einstellen. Ich brauche keine Mitarbeiter, ich habe Roboter.“  ws