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Dienstag, 23. Januar 2018

Ausstellung

Sequenzen aus dem Leben des Webers

Von Claudia Burger | 26. Oktober 2017 | Ausgabe 43

Der Filmemacher, Drehbuchautor, Fernsehproduzent und Schriftsteller Alexander Kluge gibt im Essener Folkwang Museum Einblicke in sein „Pluriversum“.

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Foto: Jens Nober

Alexander Kluge ist in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden.

Der Filmschaffende und Autor Alexander Kluge ist in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden. Im Museum Folkwang zeigt er nun ganz neue Arbeiten. Es war für ihn nach eigenem Bekunden etwas Neues, für das Museum zu arbeiten. Kluges Kosmos, entstehend aus dem Verweben von Geschichte und Gegenwart, zeugt von einem Feingeist und Ästheten, aber auch von einem politischen Menschen, der die gesellschaftlichen Entwicklungen seziert. „Ich meine auch, dass wir aufrüsten sollten. Wir müssten alles, was die Künste können, einschließlich Musik, zusammenlegen, um den Gegenalgorithmus zu Silicon Valley zu machen“, sagte er kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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Der Titel „Pluriversum“ ist ein Kunstwort aus „Pluralität“ und „Universum“ und trifft das Schaffen des Künstlers, denn Kluge ist schlicht an allem interessiert. In der Werkschau sind vor allem Filminstallationen zu sehen. Es sind 28 Stück an der Zahl. Die Themen der Collagen und Montagen sind vielfältig, sie reichen vom Krieg bis hin zur Arbeit 4.0. „Es ist keine Ausstellung über, sondern von Kluge“, sagt Kuratorin Anna Fricke.

Sie hat die Schau in sechs Räumen zusammen mit Kluge entwickelt. Erstmals werde Kluges Werk in den musealen Raum verlegt, betont das Museum. Es habe ihm „überraschend Spaß“ gemacht, sagt Kluge. Ob Fernsehen oder Kino: Überall sitze der Zuschauer dem Bilderstrom gegenüber. Im Museum jedoch bewege sich der Besucher, ändere den Standpunkt und die Perspektive. Dass Kluge daran Gefallen gefunden hat, ist ihm anzumerken.

Mit einer „Sternenkarte der Begriffe“ empfängt die Schau den Besucher. Auf wandhohen Sternenhimmel-Fotografien sind Schlüsselbegriffe von Kluges Arbeiten zu lesen. Es ist sinnbildlich für Kluges Werk, denn assoziatives Denken ist nötig. „Er webt ein Netz aus Themen und Medien“, so das Museum. Kluge selbst hat einmal gesagt, er führe die Arbeit einer Spinne aus. Die Vernetzung von Themen und Medien ist sein Programm.

Eine Filmmontage zum Thema „Arbeit – Anti-Arbeit“ thematisiert den Wert der Arbeit in der Gesellschaft. Kluge sieht den Film durchaus als Kritik an der Globalisierung und ihren Auswüchsen. „Arbeit ist wichtig, ist identitätsstiftend. Wenn sie verlagert wird, geht Identität verloren“, sagt der Autor.

Eine neue Art des Filmemachens sieht Kluge in der zentralen Filminstallation „Pluriversum der Bilder“. Auf alle vier Wände und an die Decke werden unterschiedliche Filmmontagen projiziert. Es sind zeitgeschichtliche Sequenzen mit Trump oder Putin, aber auch historische Bilder. Kluge lässt die Bilder aufeinanderprallen. Der Zuschauer ist gefordert, Bezüge herzustellen und seine Schlüsse daraus zu ziehen. „Die Wahrheit erfahren Sie nicht aus der Tagesschau“, sagt Kluge. Fakten vielleicht, aber erst die Mischung von Fakten und Erfindungen sei es, die eine neue Form der Erkenntnis ermöglichten. „Am liebsten wäre es mir, wir würden mathematisch sprechen lernen, so wie man lateinisch sprechen kann. Denn die Mathematik ist die Sprache des Kosmos“, sagt Kluge.

Kluge ist ein Suchender. Bei den Blicken in seinen „Atlas“, mit dem er über 20 Jahre Filmtechniken und Filmsprachen ausprobiert hat, scheint es so, als wollte er ein Lexikon der Bildsprache erstellen. Dafür hat er jahrelang an den Wochenenden in einem Studio gesessen. Die Sammlung besteht aus 234 Kassetten von je 90 Minuten Dauer. Ziel der Versuchsreihe zwischen 1985 und 2004 war es, an der Schnittstelle zwischen klassischer Filmgeschichte und neuer digitaler Welt neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erproben. Dafür nutzte er einen Grass-Valley-300-Mischer, der in Essen zu sehen ist.

Kluges Werk kann in diesen Tagen nicht nur in Essen studiert werden. Der Württembergische Kunstverein in Stuttgart zeigt die Einzelausstellung „Gärten der Kooperation“. Und noch bis Ende November ist Kluge in Venedig in der Ausstellung „Das Boot ist leck/Der Kapitän hat gelogen“ vertreten.

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