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Mittwoch, 20. Februar 2019

Raumfahrt

Streitbarer Marspionier

Von Michael Clormann | 15. November 2018 | Ausgabe 46

Der deutsche Ingenieur Wernher von Braun baute erst für Hitler und später für die Nasa Raketen. Sein Buch über Marsmissionen ist nach 70 Jahren immer noch aktuell.

BU Marsprojekt
Foto: Science Photo Library/akg-images

Vor seiner Zeit: Von Braun ließ diesem mit Physik randvollen Werk eine Version in Märchenform folgen, die er für verdaulicher hielt.

Beim US-amerikanischen Raumfahrtprimus SpaceX ist man sich sicher: Im Jahr 2024 betreten die ersten Menschen den Mars, unseren roten Nachbarplaneten. Transportiert und versorgt werden sie von mehreren Raumfahrzeugen des Typs „Big Falcon Rocket“ (BFR) – dem aktuellen Entwicklungsprojekt der Kalifornier aus Hawthorne.

Elon Musk, der charismatische Milliardär und Gründer des Unternehmens, treibt die Konstruktion des neuen Trägersystems voran. Für ihn ist sie Teil einer Entwicklung der Menschheit zur „multiplanetaren Spezies“, wie er es nennt. Menschen auf den Mars bringen, so denken neben Musk auch andere einflussreiche Futuristen weltweit, ist mehr als ein technologisches Prestigeprojekt. Es ist für sie der erste notwendige Schritt in eine blühende Zukunft. Ressourcenknappheit, Überbevölkerung oder natürliche Grenzen des Ökosystems – alles lösbare Probleme, sagen gerade die Enthusiasten im Silicon Valley. Wo die Erde nicht genug ist, bietet die Eroberung des Weltalls neue Chancen.

Das ist keine ganz neue Idee. Schon für frühere Raumfahrttheoretiker wie Hermann Oberth und Konstantin Ziolkowski war klar: Unsere Zukunft liegt auf fernen Planeten – und sie zu ermöglichen in der Macht der Raketenwissenschaft. Klare Konturen bekam die Idee der bemannten Marsmission vor exakt 70 Jahren durch den deutschen Ingenieur Wernher von Braun. Bis zuletzt maßgeblicher Akteur in der nationalsozialistischen Kriegsmaschinerie, ergab er sich bei Kriegsende der US-Armee und entwickelte später für die Nasa auch die Mondrakete Saturn.

Deutlich früher, im Jahr 1948, entstand sein bis heute einflussreiches Buch „Das Marsprojekt“, das der Idee der bemannten Marsmission Konturen verlieh. Der Vorschlag: mit bereits verfügbarer Technologie kann die Menschheit mittelfristig zum Mars aufbrechen.

Von Braun skizziert, berechnet und beschreibt bis ins Detail: Wiederverwendbare Raumfahrzeuge, temperaturbeständige Werkstoffe, effiziente und leistungsstarke Antriebsaggregate und präzise astronomische Berechnungen – mehr braucht es nicht zur multiplanetaren Spezies. Zumindest aus technischer Sicht.

Ein Pragmatismus, der heute auch das Silicon Valley anzutreiben scheint. Bezogen auf Fortschritte in der Werkstofftechnik oder in der Raumfahrtmedizin sieht das Reinhold Ewald, Wissenschaftler und ehemaliger DLR- und ESA-Astronaut, ähnlich: „Wir forschen bei uns in Stuttgart zum Beispiel daran, die Kreisläufe von Lebenserhaltungssystemen zu schließen, sodass wir nicht tonnenweise Ressourcen mit zum Mars nehmen müssten.“ Der Rote Planet bleibt eine lebensfeindliche Umgebung. Wasser, Atemluft, Treibstoff – alles das müssten und könnten Marsreisende nach heutigem Stand selbst vor Ort herstellen. Vorräte von der Erde mitzubringen wäre enorm aufwendig.

Ewald flog 1997 mit einer russischen Sojus-Kapsel zur Raumstation Mir. Heute lehrt er an der Universität Stuttgart das Fachgebiet Astronautik und Raumstationen. Für ihn gibt es ganz andere Hürden für eine baldige Marsmission, wie sie sich von Braun schon wünschte. „Die Grundvoraussetzungen haben sich schlicht geändert“, sagt er. „Ich sehe im Moment nicht, dass das bemannte Vordringen in den Weltraum – zum Beispiel zum Mars – weltweite Begeisterung auslöst. Das wird im Moment nicht als Menschheitsprojekt gesehen.“ Nicht nur den ambitionierten Zeitrahmen für Musks aktuelle Marspläne binnen sechs Jahren hält er deshalb für illusorisch.

Zunächst müsste es SpaceX gelingen, diese Begeisterung zu wecken. Ewald ist skeptisch: „Musk erkennt das und versucht gerade, den Kreis derer zu vergrößern, die sich eine Reise zum Mars leisten können und wollen. Erst dann kommt er zum Zug“, folgert er. „Das ist ja aber erstmal noch kein Dienst an der Menschheit, sondern zunächst eine Gelegenheit für Reiche, sich einen Kick zu verschaffen.“

Vor ähnlichen Herausforderungen stand schon Wernher von Braun vor 70 Jahren: Seine technischen Ausführungen in „Das Marsprojekt“ ergänzte er damals bald um eine bis 2006 unveröffentlichte Romanauflage. Populäre Science-Fiction statt Raketen – das schien schon 1948 der erste Schritt auf dem Weg zum Mars. Wie es der Zufall wollte, nannte von Braun den Chef der Marskolonie: Elon.

Doch welche Vision der interplanetaren Raumfahrt überzeugt heute? Die Reise zum Roten Planeten als Exit-Strategie für eine unsichere Zukunft scheinbar nicht. In Zeiten globaler Nachhaltigkeitsziele und Klimaschutzbemühungen liegt der Mars in weiter Ferne. Nicht nur Wernher von Braun, sondern gerade Elon Musk dürfte dabei oft dieselbe Frage gestellt worden sein: Sollte uns nicht eher eine lebenswerte Zukunft auf der Erde interessieren?

Astronaut Ewald sieht durchaus Sinn in aktuellen Zukunftsvisionen für die bemannte Raumfahrt: „Wir müssen einfach anfangen – schon die Studenten heute müssen mit der Idee geimpft werden. Da kommen wir auch wieder zu Wernher von Braun, der das schon weit vor dem Horizont seiner Zeitgenossen gemacht hat.“

Würde er denn selbst den Marsflug wagen? „So faszinierend ist die Landschaft da nun wirklich nicht“, sagt Ewald. „Grundsätzlich und für junge Menschen ist der Mars aber natürlich – heute wie damals – ein faszinierendes Berufs- und Lebensziel.“