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Donnerstag, 21. März 2019

Ausstellung

Vom Schnellgehwagl zum hippen Stadtrad

Von Evdoxia Tsakiridou | 17. Mai 2018 | Ausgabe 20

Das Deutsche Museum in München erklärt, warum das Fahrrad nach 200 Jahren immer noch ein Vehikel für Emanzipation, Freiheit und sozialen Fortschritt ist.

BU Rad
Foto: Deutsches Museum

Mehr als 100 Fahrradmodelle aus verschiedenen Epochen sind in München zu sehen.

Bei diesem Zweirad muss sich die Autorin gehörig anstrengen. Es hat keine Pedale, und es ist aus Holz. Die nachgebaute Draisine ist ungewohnt schwer. Bauch anspannen. Anschieben. Und dann laufend abstoßen. Und wenn Mann oder Frau genügend Fahrt aufgenommen hat, die Beine anheben und rollen lassen.

Rund ums Rad

Warum hat Karl Drais seine Konstruktion Laufmaschine genannt? Weder verfügt sie über einen Motor noch besitzt sie eine Federung. Spätestens als es in eine Kurve geht, fragt sich die Autorin, ob sie die Probefahrt heil überstehen wird. Wird sie, wenn auch mit großer Kraftanstrengung. Kaum zu glauben, dass Zeitgenossen 15 km/h damit erreicht haben sollen. Von der Seite betrachtet erinnert das Ur-Fahrrad mit Reifen aus Eisen, Felgen und Speichen aus Holz an einen Kutschenwagen und die Deichsellenkstange eher an einen Pflug denn an ein Steuerohr. „Schnellgehwagl“, wie ein Zeitgenosse von Drais es nannte, trifft es besser.

Bettina Gundler, Leiterin des Verkehrszentrums, hat mit ihren Kollegen die Schau in drei Bereiche strukturiert und dabei 100 verschiedene Fahrradmodelle in den Blickpunkt gerückt. Die Abteilung „Technik und Wirtschaft“ illustriert auch die Sozialgeschichte des Fahrrads: Anfangs konnte sich nur eine reiche Elite die Neuheit leisten. Sie galt als Statussymbol wagemutiger Herren, die dann zur nächsten Innovation aus Frankreich wechselten, dem Veloziped („Schnellfuß“).

Mit der Tretkurbel am Vorderrad hatte das Gerät endlich einen mechanischen Antrieb. Aber leider war es nicht so schnell, wie sein Name versprach. Rasant waren erst die Hochräder (ab 1870), die vor allem in England als Sportgeräte beliebt waren und hohe Geschwindigkeiten erreichten.

Alltagstauglich waren diese Fahrzeuge nicht. Das Aufsteigen erfordert einige Übung. Und wer zu scharf bremst, macht einen Salto vorwärts. Was aber haben die Fahrer an Kreuzungen gemacht? Das Vorderrad hat einen Durchmesser von knapp 1,50 m. Da reichen die Beine nicht mehr zum Boden. „Balancieren“, antwortet Bettina Gundler lachend.

Erst mit der Erfindung des Niederrads im Jahr 1885 wurde das Fahrrad zum preisgünstigen Verkehrsmittel fürs Volk. Und es demokratisierte die Geschlechterwelt, wie die Abteilung „Kultur und Sport“ zeigt. Frauen konnten sich lästiger Aufpasserinnen entziehen und endlich ohne Begleitung ausgehen. Die ersten Hosenröcke kamen auf und brachten mehr Bewegungsfreiheit und damit Selbstbestimmung.

Gewerbetreibende kutschierten Güter mit dem Lastenrad. Arbeiterinnen und Arbeiter fuhren mit dem Rad zur Fabrik. Staatliche Institutionen wie die Post schafften Dienstfahrräder für ihre Mitarbeiter an.

Ein Zweit- oder Drittfahrrad ist in westlichen Ländern inzwischen häufig, doch gibt es in vielen Teilen der Welt Menschen, für die ein Zweirad ein Traum bleibt: „Fahrradfahren ist in armen Ländern noch heute unbezahlbar. Dort gibt es keine Fahrradindustrie“, sagt die Kuratorin und geht zum Abschnitt „Fahrradkultur Global“. Hier erfahren die Besucher, wie das Projekt „World Bicycle Relief (WBR, deutsch „Welt-Fahrrad-Hilfe“) mit dem Modell „Buffalo“ arme Regionen unterstützt. Rahmen, Gabel und Speichen sind aus Stahl gefertigt. Es lässt sich von geschulten Monteuren vor Ort zusammenbauen und ist leicht zu warten. Das Wichtigste an dem Zweirad ist der Gepäckträger, mit dem sein Besitzer Lasten bis zu 200 kg auf schlechten Straßen transportieren kann. Dank der robusten Bauart können beispielsweise Milchbauern in Sambia mehr Kunden in kürzerer Zeit beliefern oder Kinder endlich regelmäßig zur weit entfernten Schule kommen.

Das Lieblingsfahrrad der Museumsleiterin ist ein schwarzes Exemplar eines deutschen Herstellers mit Sitz in Koblenz. Sein Vorderlicht ist im Lenker integriert, die Bremskabel verschwinden im Rohr, der Antrieb erfolgt über einen wartungsarmen Riemen und es verfügt über Scheibenbremsen. In der staugeplagten Metropole München geht die Historikerin lieber zu Fuß. Denn auch auf den engen Fahrradwegen geht es überaus hektisch zu.

Bettina Gundler hofft, dass die Kommune ein umweltfreundliches Mobilitätskonzept beschließt und in eine entsprechende Infrastruktur investiert. Möglicherweise holt sich der Stadtrat Anregungen aus der Ausstellung, die zeigt, wie die Radfahrkultur in Amsterdam und Kopenhagen gefördert wird. Damit das urbane Radfahren wieder Freude macht.