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Mittwoch, 20. Februar 2019

Ausstellung

Von „Stoßbuben“ und Wandergießern

Von Eckart Pasche | 7. Februar 2019 | Ausgabe 06

Das Aachener Couven Museum präsentiert den Mörser als wichtigen kulturhistorischen Schatz.

Bildartikel zu Bild 6. Elfenbeinmörser_1.jpg
Foto: Anne Gold.

Ein besonders schönes Exemplar: Ein Mörser aus Elfenbein aus dem 17. Jahrhundert ist in Aachen zu sehen.

Früh wurde in Apotheken zwischen Handwerkzeugen und Aufbewahrungsgefäßen unterschieden. Im Verkaufsraum standen Schränke mit zahlreichen Schubfächern. Die bis zur Decke reichenden Regale waren angefüllt mit Gläsern, glasierten Gefäßen, Töpfen und Tiegeln aus Porzellan, Blei, Eisen, Silber, vergoldetem Zinn oder Horn – je nach Kostbarkeit und Art ihres Inhalts. Alle waren säuberlich mit Aufschriften versehen und oft reich verziert.

Ein besonderes Handwerkzeug

Zu den Handwerkzeugen zählen die Reibschalen und die mit ihnen verwandten Mörser als älteste Zerkleinerungsapparate. „Diese waren früher die wertvollsten Gegenstände in der Apotheke. Ihr Wert übertraf manchmal denjenigen aller anderen Einrichtungsgegenstände zusammen“, sagt Carmen Roebers, Kuratorin der Aachener Ausstellung. Die Pharmazeuten bedienten sich ihrer zum Zerkleinern frischer und getrockneter Pflanzen und Tierteile, zum Stoßen mineralischer Substanzen mithilfe eines Pistills (Stößels).

„Da im Altertum den Menschen die Zähne bereits sehr früh ausfielen, benötigten sie Mörser zum Zerkleinern ihrer Nahrungsmittel, um nicht zu verhungern“, sagt Sammler Ralf Jena, es gibt sie also seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte.

Die bisher ältesten bekannten Exemplare wurden im Wadi Kubbaniya in Ägypten gefunden. Alchimisten nutzen Mörser und fassten ihre Aufgabe mit „Solve et coagula“ („Löse und verbinde“) zusammen. Im Mörser wurden die Materialien zerlegt und zu einer neuen Substanz zusammengesetzt. So war er ein Werkzeug der Verbesserung: Durch das Zusammenfügen wurden die Stoffe verfeinert.

In der Apotheke begann die Verarbeitung von Rohstoffen zur Arzneimittelherstellung in der meist im Keller liegenden Stoßkammer. Die Arbeit der „Stoßbuben“ war sehr anstrengend und teilweise sogar gefährlich. Die Substanzen wurden mit großer Kraft zerkleinert, konnten durch die Stoßkraft aus dem Mörser herausgeschleudert werden und Verletzungen hervorrufen. Um den Kraftaufwand zu reduzieren, wurden die Pistille an schwingenden Aufhängungen befestigt.

Wandergießer waren gut ausgebildet, gehörten aber keiner Zunft an. Sie zogen durch das Land, um Arbeit zu finden, fertigten und reparierten nicht nur Glocken, sondern auch andere bronzene Gegenstände. So stellten diese Glockengießer als Nebenprodukt Mörser her, ebenso die Grapengießer, die Töpfe und Waschgefäße aus Bronze gossen. Die Verbreitung von Mörsern beschränkte sich auf Apotheken, für die sie zum Sinnbild wurden, und gehobene Haushalte. Daher gab es keine Massenproduktion auf Vorrat, sondern jedes Stück wurde individuell angefertigt.

Viele Bronzemörser waren groß dimensionierte Prunkstücke. Inschriften und zum Teil aufwendige Verzierungen unterstrichen den Unikatcharakter jedes Einzelnen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts war Bronze das bevorzugte Material für den Apothekenmörser, und die Herstellung lag in den Händen der Rotschmiede, Glocken- und Stückgießer. Doch der hohe Kupfergehalt von 75 % bis 80 % konnte die Gesundheit schädigen. Außerdem war die Gefahr der Grünspanbildung groß. Bereits im 16. Jahrhundert war vor der Benutzung von Bronzemörsern für die Zubereitung von Arzneien gewarnt worden.

Mit dem Übergang auf Messingmörser änderte sich auch das Herstellungsverfahren. Die Anfertigung übernahmen nun Rot- und Gelbgießer. Für Mörser war dieses korrosionsbeständige und leicht zu verarbeitende Material sehr geeignet. Sie wurden meist im Sandgussverfahren gegossen und nicht in der aufwendigen Technik der verlorenen Form, die für Bronzemörser typisch war. Nürnberg und das Elsass waren Zentren dieser Handwerkskunst.

Der Ausstellungsort hat enge Beziehungen zum jetzigen Thema. Das Couven Museum verdankt sein heutiges Äußeres dem Apotheker Andreas Monheim (1750–1804), der den Architekten Jakob Couven (1735–1812) im Jahre 1786 mit der Umgestaltung und optischen Vereinheitlichung der Adler-Apotheke beauftragte. Die Monheims sind wohl Aachens berühmteste Apothekerfamilie. Diese übte großen Einfluss auf die regionale Geschichte der Pharmazeutik und die analytische Chemie sowie auf die Entwicklung der Aachener Schokoladenindustrie aus.

Die Ausstellung zeigt eine große Auswahl von Apothekergeräten – vor allem Mörser, Kräuterdosen und Reiseapotheken – aus der Sammlung Jena, welche die geschichtliche Entwicklung des Apothekerhandwerks aus sechs Jahrhunderten nahebringt. Ergänzt wird die Präsentation durch apothekengeschichtlich relevante Exponate aus der Sammlung Ludwig – Irene Ludwig war eine geborene Monheim. Diese Stücke werden erstmals gezeigt, in dem Haus, das so eng mit den Kunstmäzenen Peter (1925–1996) und Irene Ludwig (1927–2010) verbunden ist.