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Mittwoch, 20. Februar 2019

Schulentwicklung

Vorbild sucht Nachahmer

Von Ines Gollnick | 15. November 2018 | Ausgabe 46

Zehn berufliche Schulen aus neun Bundesländern haben mit Unterstützung der Deutschen Telekom Stiftung das Netzwerk „Berufsschule digital“ gegründet.

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Foto: panthermedia.net/Fabrice Michaudeau

Pädagogik und Programme: Ein Zusammenschluss von Berufsschulen soll Leitlinien für die digitale Ausbildung an Berufsschulen entwickeln.

Was müssen berufliche Schulen jungen Menschen für ein Leben und Arbeiten in der digitalisierten Welt vermitteln, und wie und unter welchen Bedingungen kann dies gut gelingen? Weil Antworten auf diese Fragen überfällig sind, hat die Deutsche Telekom Stiftung Berufsschulen zusammengeführt, die Vorreiter auf dem Gebiet des digitalen Lehrens und Lernens sind. Andere Berufsschulen sollen von ihrer Expertise und durch die systematische Auswertung ihrer Erfahrungen lernen.

Netzwerkpartner bei „Berufsschule digital“ sind neben anderen das Balthasar-Neumann-Technikum in Trier, das eine Fachschule für Technik und ein technisches Gymnasium vereint, die Berufliche Schule City Nord in Hamburg, deren vielfältiges Bildungsangebot sich von der Berufsvorbereitung für junge Migranten über duale Berufsausbildungen bis hin zur Höheren Handelsschule mit dem Abschluss Fachhochschulreife und zum Wirtschaftsgymnasium mit dem Abschluss Allgemeine Hochschulreife erstreckt.

Mit dabei ist die Oskar-von-Miller-Schule, eine gewerblich-technische Schule in Kassel. Michael Schäfer vom Balthasar-Neumann-Technikum Trier hält das Engagement im Netzwerk „Berufsschule digital“ deshalb für attraktiv, weil es bundesweit ausgerichtet ist und relevante Kriterien wie Lehrerkompetenzen, schulisch-digitales Bildungskonzept und IT-Ausstattung evaluiert. Zudem steige mit dem etablierten Projektpartner die Reputation der Schule.

Was genau in den Leitfaden aufgenommen wird, steht noch lange nicht fest. Trotzdem lohnt schon jetzt ein Blick nach Rheinland-Pfalz auf Unterrichtsbeispiele, die als Vorbild infrage kommen. Ein relativ umfangreiches Tool, mit dem die Trierer arbeiten, ist das digitale Klassenbuch, das auch über das Smartphone abgerufen werden kann. Es erleichtert gutes Klassenmanagement. Schüler, die von weit weg anreisen, erfahren so schnell und rechtzeitig, wenn Unterricht ausfällt oder erhalten relevante Materialien. Es basiert auf einer umfangreichen Cloudlösung. Am Technikum Trier werden für die Einführung technischer Innovationen häufig Freiwillige gesucht. Diese testen die Installierung und Handhabung. Danach wird entschieden, ob und in welchem Umfang eine Implementierung durchgeführt wird.

Geht es um digitale Schulentwicklung, ist die Berufliche Schule City Nord in Hamburg ein gefragter Gesprächspartner im Stadtstaat. Bedingt durch das Engagement des Kollegiums habe sie eine Vorreiterrolle eingenommen, schildert Martin Stoltenberg den Hintergrund einer über zehnjährigen Entwicklung. „Wir sind intrinsisch motiviert, unsere Schulentwicklung selbstständig voranzubringen“. Stoltenberg ist dort als Abteilungsleiter Berufsschule IT-Berufe tätig.

Die Einrichtung habe vieles umgesetzt, was andere auch versucht, aber nicht in gleicher Weise zum Laufen bekommen haben. Die Schule betreibt mittlerweile rund 30 eigene Server, wovon 25 virtualisiert sind. Bereits seit 2004 gibt es ein eigenes Wissensmanagementsystem, durch das kollaboratives Arbeiten möglich wurde.

Im Kollegium befindet sich auch ein Datenbankentwickler, der so etwas aufsetzen kann. Jeder Schüler und jeder Lehrer hat über die Schule eine eigene E-Mail-Adresse. Die Klassen haben individuelle Bereiche, wo sie klassenspezifische Kalender führen können. Sie haben eigene Ordner für jedes Fach oder jedes Lernfeld, in denen Unterrichtsmaterialien abgelegt werden. Schüler und Lehrer haben von überall auf der Welt Zugriff, wo es eine Internetverbindung gibt.

Die Hamburger sind seit 2006 auch Pilotschule für individualisiertes Lernen, dem sie durch die Digitalisierung viel besser gerecht werden können. Dort wird in den zwei kaufmännischen IT-Berufen, hervorgegangen aus dem Ausbildungsberuf „Datenverarbeitungskaufmann“, ausgebildet. Die Altersspanne ist groß: Lernende zwischen 16 und 36 Jahren nehmen teil. Für jeden die richtigen, individuellen Materialien zu hinterlegen, hat das Wissensmanagementsystem erst möglich gemacht. Die Hamburger haben datenbankgestützte Kompetenzraster für alle Unterrichtsinhalte entwickelt. Lehrer schreiben Blogs, Schüler drehen Videos. Die Lehrer nehmen die Rolle von Coaches der Schüler ein und helfen ihnen bei der Zusammenstellung des Lernstoffes. Mit Modulen wie „Lernen neu lernen“ finden Schüler heraus, welcher Lerntyp sie sind. Die Beispiele verdeutlichen, was die Digitalisierung alles möglich gemacht hat.

Vieles davon dürfte für andere Berufsschulen noch völliges Neuland sein. Martin Stoltenberg hat sich deshalb im Rahmen des Projekts „Berufsschule digital“ gemeinsam mit anderen Gedanken darüber gemacht, wie denn eine typische Berufsschule überhaupt aussieht. Denn eine so große technische Infrastruktur wie sie die Hamburger betreiben, gibt es bei anderen Berufsschulen oft nicht.

Die Norddeutschen leisten sich sogar einen eigenen IT-Administrator. Die Hamburger wollen so etwas wie Entwicklungsprozessbeschreibungen für den Leitfaden einbringen. Dabei sollen auch die Stolpersteine nicht unerwähnt bleiben.

Die Oskar-von-Miller-Schule in Kassel, die ähnlich wie die Fachschule für Technik mehrere Schulformen unter ihrem Dach vereint, ist dem Netzwerk beigetreten, weil sie glaubt, dass sich andere Schulen von ihrer Pädagogik etwas abgucken können. Daneben will sie herausfinden, wie andere Schulen die Technik einsetzen, um vielleicht eine Übertragbarkeit für das eigene Haus in Erwägung zu ziehen.

Für Wilfried Dülfer, stellvertretender Schulleiter, steht außer Frage, dass der Zugang zu diesen neuen Medien so einfach sein muss, dass der Pädagoge sofort einen Nutzen verspürt und damit arbeiten will. Dülfer glaubt, dass die Schule das digitale Lehren und Lernen erfolgreich eingeführt und umgesetzt hat, weil die Technik nicht im Vordergrund steht. Das Credo: Die Schüler sollen von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit geführt werden, das sei das Ziel, und dafür sei die Pädagogik das Entscheidende. „Wir reden viel über Haltung. Denn wir müssen die Schüler dazu bringen, dass sie mehr Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen“, unterstreicht der Pädagoge. Die Lehrer wurden dafür im Coaching trainiert, damit sie Schüler mitnehmen können, sodass diese wiederum Motivation beim Lernen empfinden. „Die Technik“, sagt Wilfried Dülfer, „hat einen dienenden Charakter. Sie muss den organisatorischen und pädagogischen Bereich stärken.“

„Berufsschule digital“ gibt nicht nur den teilnehmenden Berufsschulen die Gelegenheit, innezuhalten und ihre eigene Entwicklung unter die Lupe zu nehmen und zu reflektieren, um Bewährtes weiterzugeben. Sie selber lernen auch von anderen. Was genau verallgemeinert werden kann und übertragbar ist, muss sich noch zeigen. Die Stiftung schließt jedenfalls mit ihrem Engagement eine Lücke.

„Die Projektidee der Stiftung kam sehr gut an“, stellte Leiterin Sandra Heidemann beim ersten Werkstatttreffen fest. Der Tenor sei gewesen: Endlich mache jemand mal etwas für Berufsschulen, nachdem diese so lange vernachlässigt worden seien.