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Samstag, 16. Februar 2019

Arbeit

Vorsicht beim WM-Tipp!

Von Sebastian Wolking | 14. Juni 2018 | Ausgabe 24

Fußball-WM-Tipps schaffen Gemeinschaft am Arbeitsplatz. Wer seine Tipp-Leidenschaft aber übertreibt, dem droht sogar die Kündigung.

WM BU
Foto: panthermedia.net/Darius Turek

Während der Fußball-WM gewinnen Zahlen in technikorientierten Unternehmen an sportlichem Stellenwert.

Pünktlich zur Fußball-WM steigt in vielen Büros das Tippfieber. Aber ist es überhaupt legal, am Arbeitsplatz um Geld zu wetten?

Jeder vierte Internetnutzer will auf die WM-Spiele im Rahmen eines Online-Tippspiels wetten. Das hat der Branchenverband Bitkom bei einer Umfrage unter 834 Usern ermittelt.

Im Vergleich zur EM 2016 bedeutet das einen deutlichen Anstieg. Damals tippten 18 %. Vor allem die Männer spielen mit. Von ihnen tippen 32 %, von den Frauen 16 %. Am beliebtesten sind private Tipprunden mit Freunden oder Kollegen. An solchen Tipprunden wollen sich zwei von drei WM-Tippern beteiligen.

Tippspiele sind potenziell teamfördernd, bringen Abwechslung ins Büro und bereichern das Rudelgucken um eine spielerische Komponente. Und sie können mit üppigen Gewinnen locken. Ein Szenario: Von 50 Kollegen legt jeder einen Einsatz von 20 € in den Topf. Nach dem Prinzip „The winner takes it all“ würde der WM-Tippkönig am Ende 1000 € in Händen halten – mehr als nur einen netten Nebenverdienst.

„Rechtlich ist das völlig in Ordnung, weil es kein öffentliches Glücksspiel ist“, sagt Rechtsanwalt Markus Ruttig von der Kanzlei CBH in Köln. Eine private Tipprunde zeichne sich dadurch aus, dass sie nicht jedem beliebigen Dritten zugänglich und die Teilnehmerzahl begrenzt sei. Wenn sich der Kreis der Tipper also auf die Kollegen beschränkt, sei das völlig unkritisch.

Die meisten Tipprunden dürften auch diesmal wieder über den Onlineanbieter Kicktipp laufen. Das Prinzip ist simpel: Ein Spielleiter erstellt eine Tipprunde und lädt per E-Mail andere Mitspieler ein, diese tragen online ihre Tipps ein. „Besonders mit Smartphone oder Tablet ist der Tipp schnell abgegeben“, weiß Adrian Lohse von Bitkom.

Marketing machen die Düsseldorfer keines, und doch ist der Name Kicktipp längst ein Begriff. Kurz vor Beginn der WM 2018 belegte die Kicktipp-App im Google Play Store Rang sieben der beliebtesten Apps deutschlandweit – vor Instagram, Spotify, Amazon und Snapchat. Insgesamt ist die App nach Herstellerangaben schon 2 Mio. Mal heruntergeladen worden.

Alle zwei Jahre im Juni schlagen die Suchanfragen bei Google gewaltig nach oben aus, während der Weltmeisterschaft 2014 will Kicktipp 1 Mrd. Seitenaufrufe gezählt haben. Gut möglich, dass der Rekord bei dieser WM geknackt wird.

Aber Achtung: Eine Abmahnung können unbedachte Tipper sehr wohl kassieren. Die Arbeitszeit ist schließlich zum Arbeiten da, nicht zum Tippen. „Das ist arbeitsrechtlich nicht zulässig. Sie dürfen ja auch nicht privat im Internet surfen“, so Ruttig. Im schlimmsten Fall kann das WM-Tippspiel den Job kosten. Wer während der Arbeitszeit zockt, eine Abmahnung kassiert und sich im Folgenden erneut darüber hinwegsetzt und weiter tippt, dem droht theoretisch eine verhaltensbedingte Kündigung. „Wer auf Nummer sicher gehen will, holt vorab eine Einverständniserklärung seines Chefs ein“, so Ruttig, der augenzwinkernd hinzufügt: „... und fragt ihn, ob er mitspielen möchte.“

Laut Umfrage der Universität Hohenheim wollen viele Arbeitgeber die WM-Pausen ihrer Beschäftigten weniger stark sanktionieren als noch vor vier Jahren. 67 % der Arbeitgeber wollen den Blick auf die Spielergebnisse während der Arbeitszeit tolerieren, 57 % würden keine Einsprüche gegen Radiosendungen zur WM am Arbeitsplatz erheben und 38 % drücken bei Fernsehübertragungen ein Auge zu. „Es gibt sogar Arbeitgeber, die das WM-Erlebnis am Arbeitsplatz fördern“, sagt Studienautor Benjamin Zimmermann. Und das, obwohl sich fast 20 % der Studienteilnehmer täglich mehr als eine Stunde ihrer Arbeitszeit mit der WM beschäftigen wollen. 2,62 Mrd. € an Bruttoinlandsprodukt würden dadurch verloren gehen, haben die Hohenheimer berechnet.

Das Geld ist weg. Ein Satz, den sich auch die meisten WM-Tipper merken sollten. Denn: Wetteinsätze können sie nicht zurückfordern, jedenfalls nicht mit juristischen Mitteln. Auch dann nicht, wenn der Spielleiter das Geld veruntreut haben sollte. Das Bürgerliche Gesetzbuch regele das klar, so Glücksspielexperte Markus Ruttig. Ein Spiel oder eine Wette begründen keinen Vertrag und somit kein Rückforderungsrecht bei Nichterfüllung.

Damit ist aber die Frage noch nicht geklärt, warum es immer die Ahnungslosen sind, die zu Tippkönigen avancieren. Die Universität Mainz will den Erfolgsstrategien von Tippern im Rahmen eines Forschungsprojekts während der WM auf den Grund gehen. Interessenten können ihre Kicktipp-Einträge in die Projekt-Tipprunde der Mainzer übertragen. Sie hätten ein starkes Argument, um ihren Arbeitgeber milde zu stimmen: Sie tippen im Dienste der Wissenschaft!