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Mittwoch, 17. Januar 2018

Standort

Wachstum spaltet das Land

Von Wolfgang Schmitz | 26. Oktober 2017 | Ausgabe 43

Im Namen des Wettbewerbs überlässt die Politik strukturschwache Regionen ihrem Schicksal. Unternehmen springen für den Staat in die Bresche – und gewinnen an politischer Macht.

S28 BU Wachstum
Foto: imago/Laci Perenyi

Ohne Sponsoring von Wilo würde der Deutschlandachter nicht von Erfolg zu Erfolg rudern. Das Engagement des Pumpenherstellers rechnet sich.

Sie springen für die Kommune in die Bresche, um das kleine Theater im Ort vor dem Aus zu retten. Sie finanzieren dem lokalen Fußballverein neue Trikotsätze, wenn die alten fast schon in Fetzen hängen. Immer mehr Unternehmen erkennen, wie wichtig sie für den Standort sind – und der Standort für sie. Die sozialen Aktivitäten reichen von Bildung und Erziehung bis zu Umwelt- und Naturschutz.

Deutsche zweifeln Redlichkeit von CSR an

„In der Regel fangen Unternehmen an, sich zu engagieren, wenn es konkrete Probleme gibt, also wenn sie mit irgendwelchen Standortfaktoren unzufrieden sind“, weiß Matthias Kiese vom Lehrstuhl für Stadt- und Regionalökonomie an der Ruhr-Universität Bochum.

Meike Schiek stellte sich bei ihrer Promotion am Kiese-Lehrstuhl der Herausforderung, räumlichen Dimensionen von „Corporate Regional Responsibility“, wie sie es nennt, nachzugehen. Nach Interviews mit 42 Entscheidungsträgern aus Ruhrgebietsfirmen bilanziert die Wissenschaftlerin: „Es geht nicht nur um Unternehmensimage, Mitarbeiterzufriedenheit und Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft. Es geht auch darum, den eigenen Standort wettbewerbsfähiger zu machen – wohl wissend, dass, wenn es dem Standort gut geht, auch die dort beheimateten Unternehmen profitieren.“

Wer will schon Wurzeln schlagen, wo der kulturelle und soziale Boden immer dünner wird, wo Theater schließen und Sport- und Heimatvereinen der Nachwuchs ausgeht. Entsprechend laut sind die Hilferufe aus Gemeinden und Kommunen. Die Vielzahl der Anfragen übersteige häufig die Möglichkeiten von Arbeitgebern, weiß Schiek, für die feststeht: „Ohne unternehmerisches Engagement würde es viele Angebote und Möglichkeiten in Erziehung und Bildung, Wissenschaft, Freizeit und Sport, Sozialem und Integration sowie Kunst und Kultur nicht geben – sowohl in starken als auch schwachen Regionen.“

Unternehmen hätten zudem erkannt, dass ihre Wettbewerbsfähigkeit von der Qualität des Standortes abhängt und dass sie die Anziehungskraft der Region nach ihren Vorstellungen mitgestalten können. Im Ruhrgebiet etwa seien die Motive stark vom fortwährenden Strukturwandel geprägt. Schiek: „Die engagierten Unternehmen versuchen gezielt, die Menschen vor Ort zu fördern, vor allem die junge Generation. Das hängt mit dem Bevölkerungsschwund zusammen und dass viele talentierte junge Menschen die Region nach dem Studium verlassen.“

So begrüßenswert die Hilfen seien, so sehr stelle sich die Frage: Macht es Sinn, wenn privates Engagement staatliche Aufgaben ersetzt und nicht – wie es sein sollte – ergänzt? Dauerhafte Abhängigkeiten dürften nicht erwachsen, schließlich könnten Firmen ihre freiwilligen Aktivitäten jederzeit wieder einstellen, warnt Schiek.

Unternehmen scheuten sicht meist dann, wenn die Hemmnisse größer erscheinen als die zu erwartenden Vorteile, ist die wenig überraschende Erkenntnis der Bochumer Forscherin. Neben hohen Standortkosten, wenig kooperativen Partnern und fehlenden personellen Ressourcen seien es oft rechtliche und bürokratische Hürden, die Engagement in der Region verhindern. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) bestätigt: „Starre Referenzrahmen, Zertifizierung und regulierende Eingriffe führen zu unnötigen bürokratischen Belastungen und drohen Innovation und Dynamik im Bereich CSR zu bremsen.“

Dennoch plädiert Geografieprofessor Kiese für mehr unternehmerisches Engagement. „Es wird derzeit für die Regionalentwicklung noch gar nicht richtig genutzt. Die öffentliche Hand müsste solche Initiativen stärker mobilisieren.“

Der Staat aber zieht sich zusehends zurück. Das hat politische Gründe, wie eine internationale Studie unter Federführung des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) ergibt. In den vergangenen Jahren ist demnach in Europa eine anhaltende Schieflage zwischen schnell wachsenden Städten und Regionen einerseits und peripher liegenden strukturschwachen Regionen andererseits zu beobachten. „Regionalentwicklung wird oft nicht ganzheitlich im Sinne der Gesellschaft betrachtet, sondern fokussiert sich lediglich auf die wirtschaftliche Wertschöpfung“, heißt es bilanzierend aus dem IfL.

Die Politik war früher auf gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgerichtet, auf den Ausgleich zwischen den Regionen und auf eine Umverteilung der Ressourcen. Die Prioritäten haben sich laut IfL verschoben. Mit der Fokussierung auf den Wachstumsgedanken kommt es zur Verschärfung regionaler Ungleichheiten. Fehlende Infrastrukturen, mangelnde personelle Kapazitäten sowie schwindender Einfluss regionaler Institutionen sorgen für das Ausbluten bzw. Ausbleiben innovativer Projekte. Nicht nur Regionen im Strukturwandel, auch ländlichen Räumen werde per se eine geringere Innovationsfähigkeit zugesprochen.

Netzwerkkoordinator Thilo Lang vom IfL fürchtet, durch sozialräumliche Polarisierung könnten sich die Zurückgebliebenen vom Staat allein gelassen fühlen und sich in Resignation rechtskonservativen Parteien zuwenden. „Wir brauchen vor allem eine Politik, die die Menschen wieder in den Vordergrund stellt und ihre Wünsche und Ideen unterstützt. Dies kann durch Regionalbudgets erfolgen, über die in den betroffenen Regionen entschieden wird und nicht in Brüssel oder den jeweiligen Hauptstädten.“

Als Innovationsräume müssten auch Gebiete außerhalb der Agglomerationen wahrgenommen werden, so Lang. Die Kommunen allein könnten das Problem nicht lösen. Zivilgesellschaftliche Akteure sollten stärker in Regionalentwicklung und Regionalpolitik einbezogen werden. Förderinstrumente für lokal verankerte Entwicklungsprojekte und soziale Innovationen sollten weiter ausgebaut werden.

Wenn staatliche Hilfen ausblieben, stattdessen Unternehmen in die Bresche sprängen und etwa Schulen komplett mit Computern versorgten, spreche man irreführend vom „Sozialunternehmertum“, sagt der Berliner Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. Unternehmen spielten die Rolle des Wohltäters, um anschließend die „Sozialpolitik“ nach eigenen Interessen zu bestimmen. „Die Botschaft lautet: Auf den Staat können wir eigentlich verzichten.“ Wie das enden könne, zeigten die USA, wo wachsende Ungleichheit die Gesellschaft von innen her auffresse.

Dabei seien die Unternehmen keineswegs scharf darauf, sozialpolitische Versäumnisse aufzuarbeiten, heißt es bei der BDA: „Die Rolle, die Unternehmen bei der Lösung dieser Probleme spielen können, muss klar abgegrenzt werden von den Aufgaben der Regierungen. Unternehmen können mit ihrem Engagement die Bemühungen der Politik für gesellschaftliche Entwicklung und sozialen Fortschritt ergänzen, nicht aber deren Verantwortung ersetzen.“

Laura Marie Schons, Professorin für Corporate Social Responsibility an der Universität Mannheim, sieht die zunehmende Macht der Unternehmen skeptisch, man werde aber wohl mit diesem Tatbestand leben müssen. Eine Entpolitisierung der Unternehmen werde es aller Voraussicht nach nicht geben.

Das Volumen an Firmenspenden steigt, weiß die Ökonomin. „Diese Spenden führen für Unternehmen häufig zu Steuervergünstigungen, was nicht nur ihre politische Macht stärkt, sondern gleichzeitig die Ressourcen mindert, die dem Staat zur Verfügung stehen.“ Einige Wissenschaftler verwiesen auf das daraus resultierende „Demokratiedefizit“.

Schons findet es aber kontraproduktiv, mit dem Finger auf die Unternehmen zu zeigen. „Wir sollten lieber versuchen, zu verstehen, wie genau diese Machtverschiebung und das damit einhergehende Demokratiedefizit entstanden ist, welche Konsequenzen diese Entwicklungen haben und wie wir den negativen Konsequenzen entgegen wirken können.“

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