Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Donnerstag, 21. März 2019

Karriere

Weiterbildung ohne Willkür

Von Matilda Jordanova-Duda | 17. Mai 2018 | Ausgabe 20

Lange Zeit spielten die individuellen Bildungsbedürfnisse der Airbus-Mitarbeiter im Konzern kaum eine Rolle. Mit „Learning4me“ hat sich das geändert.

Weiterbildung BU
Foto: Stephen Petrat

Gabriele König-Jamm (li.) und Angela Kennecke haben gut lachen. Die Betriebsrätinnen von Airbus können mit dem neuen Weiterbildungsprogramm eine arbeitnehmerfreundliche Weiterbildung vorweisen.

Gabriele König-Jamm und Angela Kennecke nennen es „Weiterbildung ohne Willkür“. Damit wollen die Sprecherinnen des Fachausschusses Personalentwicklung im Gesamtbetriebsrat des europäischen Flugzeugherstellers Airbus signalisieren, dass hinter einer Weiterbildung nicht mehr die Einwilligung eines einzelnen Vorgesetzten stehen muss.

Lernprogramm mit individuellem Zuschnitt

Vor „Learning4me“ sei die Teilnahmeregelung für die persönliche Weiterbildung oft als ungerecht empfunden worden. Erstens, weil das individuelle Bedürfnis nach mehr Wissen und die Konzernplanung nicht immer übereinstimmten. Beispiel: Ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin erachtet den Technikerabschluss als wichtig für die berufliche Zukunft. Doch der Arbeitgeber sieht keinen aktuellen Bedarf an weiteren Technikern und verweigert die Maßnahme. Zweitens habe früher oft der Draht zum Chef entschieden, ob sich jemand weiterbilden dürfe, schildert König-Jamm. Denn Vorgesetzte können sich weigern, einen Mitarbeiter für Prüfungen oder Unterricht freizustellen. „Es hat sogar motivierte Kollegen gegeben, die deshalb gekündigt haben“, weiß die Betriebsrätin.

In der Betriebsvereinbarung, die für die Standorte Hamburg, Bremen, Stade und Buxtehude gilt, ist der Anspruch nun verankert. Hier produzieren rund 23 000 Mitarbeiter vier Flugzeug-Familien, vom kleinen Passagierflugzeug mit 100 Sitzen bis zum riesigen A380 mit zwei Decks. Von der Stammbelegschaft sollen sich mindestens 0,3 % jährlich nach eigenem Wunsch weiterbilden können. Möglich ist es auch, die Quote zwischen den Standorten auszugleichen, etwa wenn an einem wenig Nachfrage besteht. Das Programm ist ein zusätzliches Instrument, das neben den klassischen Erhaltungs-, Anpassungs- und Entwicklungsqualifizierungen existiert.

Die Bewerber der ersten Stunde „kamen aus der Produktion, der Qualitätssicherung, dem Engineering, dem Einkauf und der Personalabteilung, es gab Werker wie auch Ingenieure, Frauen wie Männer. Der jüngste Teilnehmer ist 20 Jahre alt und der älteste 51“, erzählt König-Jamm. Ungelernte gebe es beim Flugzeughersteller nicht. Die meisten Bildungswilligen wollten nach Angaben der Betriebsrätinnen ihren Techniker oder Meister machen. Es wurden auch ein längerer Englischkurs und ein Coaching beantragt. Sogar ein Studium ist mit „Learning4me“ möglich: Es werden grundsätzlich alle Maßnahmen mit einem staatlichen oder zertifizierten Abschluss gefördert, die bei einem anerkannten Anbieter stattfinden und zwischen einem Monat und vier Jahren dauern.

König-Jamm und Kennecke hatten sich bereits 2012 auf die Fahnen geschrieben, eine Regelung für die persönliche berufliche Weiterbildung zu schaffen. Mit dem Tarifvertrag Qualifizierung der Metallerbranche von 2015 kam Bewegung in die Sache. Dieser Tarifvertrag brachte Beschäftigten einen Anspruch auf eine bis zu siebenjährige Bildungsteilzeit, die zudem durch Umwidmung von Arbeitszeit oder Urlaubs- und Weihnachtsgeld finanziell gefördert werden kann.

Für „Learning4me“ können, so die Betriebsrätinnen, alle Möglichkeiten genutzt werden, die Airbus bietet. Davon gebe es einige: Gleitzeit, Teilzeit mit der Garantie wieder zur Vollzeit zurückzukehren, Bildungsurlaub, Schichtmodelle, die die Unterrichtszeiten berücksichtigen, interne Praktika, Freistellung bis zu einem Jahr bei 75 % Entgelt, das in einer anschließenden Arbeitsphase zurückgezahlt wird. „Alle diese Möglichkeiten werden miteinander kombiniert, um eine Lösung für jede Person zu finden, egal ob sie sich direkt nach der Ausbildung befindet oder kurz vor der Rente steht“, sagt Kennecke. Zusätzlich können Lernende ein zinsloses Darlehen bis 2500 € pro Jahr vom Arbeitgeber bekommen. War der Abschluss erfolgreich, muss das Geld nicht zurückgezahlt werden.

Für das Gelingen des innovativen Projekts arbeiten der Betriebsrat und die Personalabteilung eng zusammen. Eingebunden wurden auch die Vertrauensleute der IG Metall. Deshalb erfreue sich „Learning4me“ einer hohen Akzeptanz im Betrieb und sei für die Arbeitnehmer- wie für die Arbeitgeberseite ein großer Erfolg.

Vorgesetzte haben weiterhin ein Mitsprache-, aber kein Vetorecht. Ein unabhängiges Gremium, paritätisch besetzt mit Personalabteilung und Betriebsrat, entscheidet, wer gefördert wird. Das Prozedere ist mehrstufig. Interessierte schildern ihre angestrebte Weiterbildung, Motive und Arbeitszeitwünsche. Den Bildungsanbieter dürfen sie wählen. Dann folgt ein Gespräch mit dem Vorgesetzten und der Personalabteilung, diese geben eine schriftliche Stellungnahme ab. Danach hat das Gremium das Wort. Eine Bewerbung könne nur abgelehnt werden, wenn jemand Formalkriterien nicht erfülle, die Maßnahme nicht anerkannt sei oder es zu viele Bewerber aus einem Fachbereich gebe, so König-Jamm. „Der Produktionsablauf darf zwar nicht gefährdet werden, aber es ist eine Begründung des Fachbereichs erforderlich.“

Das Problem sei bisher nicht aufgetreten, sagt Kennecke. Sollte das einmal der Fall sein, müssten transparente Kriterien geschaffen werden, welche Kandidaten Priorität hätten. „Aber vorerst müssen wir keine Regelung schaffen, wo keine gebraucht wird.“ Vorgesetzte hätten befürchtet, dass sie nun gar nicht mehr mit ihrer Belegschaft rechnen könnten. Solche Ängste weist König-Jamm als unbegründet zurück: „Eine Weiterbildung ist sicherlich besser planbar als eine Krankheit oder Elternzeiten.“

„Einen Kollegen, der Deutsch lernen wollte, haben wir abgelehnt“, erinnert sie sich. „Gleichzeitig haben wir aber dafür gesorgt, dass der Arbeitgeber die Schulung aus einem anderen Topf bezahlt, denn der Kollege braucht die Sprache für den Job.“

Wie zahlt sich die Teilnahme an „Learning4me“ aus? Der anerkannte Abschluss sei ein Kriterium, „damit die Kollegen etwas damit anfangen können“, so König-Jamm. Aber geregelt sei, dass man nach der Fortbildung erst einmal seinen früheren Job mache. Mit dem frischen Know-how könne man sich intern auf freie Stellen bewerben.