Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Samstag, 17. Februar 2018

Industriegeschichte

Wenn der Hammer zuschlägt

Von Sabine Neumann | 5. Oktober 2017 | Ausgabe 40

Die ehemalige Sensenfabrik Freudenthal lockt heute Besucher mit Einblicken in frühere Produktionsprozesse. An Vorführtagen wird auch der Schmiedeofen angezündet.

Bildartikel zu Sensenhammer-059.JPG
Foto: Sabine Nezumann

Unter diesem Schmiedehammer wird bei dem ersten Arbeitsgang auf dem Weg zu einer Sense der sogenannte.„Zain“ ausgereckt.

Eine Urkunde besagt, dass im Jahre 1778 der Mülheimer Kaufmann Derick van Hees die „landesherrliche Erlaubnis“ erhielt, bei dem Dorf Schlebusch einen Reckhammer zu errichten. Bald entstanden hier zwei Wohnhäuser, eine Scheune, ein Pferdestall, ein Hammergebäude mit Stauteich, eine kleine Schmiede und ein Schleifereigebäude, um Sensen, Sicheln und Strohmesser herzustellen. Daraus ist der Freudenthaler Sensenhammer entstanden.

Hammer-Museum

Reckhämmer gab es seit dem Spätmittelalter bis zum Ersten Weltkrieg insbesondere im Bergischen Raum – dazu zählt auch Schlebusch bei Leverkusen. Bei diesem mit Wasserkraft angetriebenem Hammerwerk wurde durch die mechanische Bearbeitung Roheisen („Luppen“) von den Schlackenresten aus Eisenschwamm gewonnen. Durch die weitere Verarbeitung konnte fast reines Eisen hergestellt werden, das zu Stangen geformt an die Raffinierhämmer weitergeleitet wurde.

Dort erfolgte dann die Herstellung des elastischen Stahls. Da es noch keine Flussstähle, sondern nur Schweißstahl gab, war eine Raffinierung unter den Reckhämmern notwendig. Das spätere und fertige Endprodukt wurde als Schmiedeeisen bezeichnet.

 Soweit der Verarbeitungsprozess im Freudenthaler Sensenhammer, der eine interessante Geschichte hinter sich hat. 1815 wechselte der Rohstahlhammer erstmals seinen Besitzer und wurde von dem Hagener Sensenfabrikant Caspar Lange übernommen, der das Hammergebäude und den Sammelteich erweitern ließ sowie noch eine Frucht- und Ölmühle dazu kaufte. Zwei zusätzliche Wasserräder waren nun im Einsatz und versorgten das neue Werksgebäude sowie die Mühle mit der notwendigen Antriebskraft. 1837 übernahmen Heinrich Peter Kuhlmann und sein Sohn Franz Carl den Freudenthaler Sensenhammer. Auch sie investierten in ihren Grundbesitz: Villa und Arbeitshaus wurden gebaut; mittlerweile gab es hier elf Schmiedehämmer. Die Kuhlmannschen Sensen und Sicheln erhielten als Warenzeichen eine Herzmarke und genossen bei ihren Kunden einen sehr guten Ruf.

Fast 30 Jahre später, im Jahr 1865, fand mit dem Eintritt von Heinrich und Friedrich Kuhlmann eine Umbenennung der Firma in „H. P. Kuhlmann“ statt. Von ihnen wurden viele Erweiterungen vorgenommen. So wurden beispielsweise die Schmiedekotten zusammengelegt, der Bau eines neuen Schornsteins begonnen und die ersten Turbinen eingebaut.

1890 entstanden auf dem Gelände ein Kesselhaus mit Schornstein für eine Dampfmaschine und das Contor- und Lagergebäude. 76 Arbeiter waren mittlerweile hier beschäftigt. Weitere Baumaßnahmen folgten. Dazu zählen die Überbauung des Hofes zwischen Maschinen- und Kesselhaus sowie die Errichtung eines Obergeschosses im Kontorgebäude. Nach dem Tod von Friedrich Kuhlmann traten seine Nachfolger, die Vettern Ludwig und Heinrich, in die Firma ein und unterschrieben 1906 einen Einspeisevertrag mit dem „Bergischen Electrizitäts-Werk“ in Solingen. Das war ein wichtiger Schritt in der Geschichte des Freudenthaler Sensenhammers, denn die Stromerzeugung wurde so zu einer wichtigen Einnahmequelle der Fabrik, die 1914 mehr als 200 000 Sensen und Strohmesser herstellte.

1920 starb Ludwig Kuhlmann und die Fabrik wurde von Heinrich Kuhlmann III und seinem Schwager Hans Schäperclaus geführt, die weitere Modernisierungsmaßnahmen durchführten. So wurden unter anderem damals die Schwanzhämmer durch Luft- und Federhämmer ersetzt.

Der besondere Stolz der engagierten Geschäftsführer war eine neue Vertikalturbine mit Winkelgetriebe und Drehstromgenerator. Doch Modernisierung und Globalisierung sorgten nach 150 Jahren für das endgültige „Aus“: 1987 wurde die Produktion von Sensen, Sicheln und Strohmessern eingestellt. In den nachfolgenden Jahren gab es immer wieder Überlegungen, diese Fabrikanlage in Schlebusch bei Leverkusen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das klappte einige Jahre später: 1991 konnte der Förderverein Freudenthaler Sensenhammer e. V. – „Neues Leben in alten Mauern“ gegründet werden. Dank der finanziellen Unterstützung der NRW Stiftung wurde die ehemalige Sensenfabrik umfangreich renoviert.

Das hat sich gelohnt. Dieses Industriemuseum hat seinen Besuchern einiges zu bieten: Dazu zählen das Schmiede- und Handwerksgebäude, die historische Wasserkraft- und Stromerzeugungsanlage mit Stauteich, Wasserturbinen, Transmission und Kraftwerk. Arbeiterwohnhäuser, Fabrikantenvillen mit schönen Landschaftsgärten und einem Taubenturm.

Foto: Sabine Neumann

Museumsleiter Wilhelm Matthies zeigt, wie aus einem Stück Stahl ein Sensenrohrling wird.

„An den Vorführtagen werden in unserem Museum die Transmissionen und Schmiedehämmer in Betrieb gesetzt sowie die Schmiedeöfen gezündet,“ erklärt Museumsleiter Wilhelm Matthies. „Somit erhalten unsere Besucher einen genauen Einblick von den schweren und dazu vielfältigen Aufgaben der Arbeiter in der damaligen Sensenfabrik.“

Der Museumsdirektor ist auch stolz darauf, eine Zusatzausstellung zur Kulturgeschichte von Sichel und Sense, der Werks- und Baugeschichte sowie die Darstellung der historischen Handwerks- und Herstellungstechnologien anbieten zu können. Zu sehen sind im Originalzustand erhaltene Gebäude und Arbeitsplätze: Hier werden die einzelnen Schritte der Sensenherstellung erläutert. Das Museum ist auch Veranstaltungsort für Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte und vieles mehr.

25 Ehrenamtliche (Freiwillige werden immer gesucht) kümmern sich um „ihren“ Verein. Einer von ihnen ist Siegfried Seiler, der als ehemaliger Schmiedemeister alle Arbeitsvorgänge in dieser Sensenfabrik kennt und zur Freude der Zuschauer aus einem kleinen Stück Stahl einen Recken in Sensenform schmiedet – so wie es damals im Freudenthaler Sensenhammer der Fall war. cer

stellenangebote

mehr