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Montag, 21. Januar 2019

Ausstellung

Wenn das Hologramm „Gute Nacht“ wünscht

Von Martina Schneiders | 10. Januar 2019 | Ausgabe 01

Freundschaft hat viele Gesichter. Im digitalen Zeitalter kommen seltsame hinzu. Das zeigt eine Schau in Frankfurt.

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Foto: Museum Abtsküche, Heiligenhaus/Stefanie Kösling

Poesiealben: Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. Früher schrieb man dort etwas hinein, heute lieber bei Facebook.

Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe schrieb, als sein Freund Friedrich Schiller starb: „Ich habe die Hälfte meines Daseins verloren.“ Nicht die berühmten ersten zehn Sekunden, die über Sympathie oder Antipathie entscheiden, ließen sie zu einem der berühmtesten Freundespaare der deutschen Literaturgeschichte werden. Dabei sind die ersten zehn Sekunden besonders wichtig dafür, ob wir mit einem Menschen befreundet sein wollen oder ihn eher uninteressant finden. Das zeigt die Ausstellung „Like you! Freundschaft digital und analog“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt.

Skurriles und Schönes

Natürlich wird das erste Urteil häufig revidiert. Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller wäre nämlich nicht zustande gekommen, wenn es nicht den zweiten Blick gäbe. Zuerst empfand Goethe den stattlichen, hochgewachsenen Schiller mit den freiheitlichen Ansichten eher unangenehm und betrachtete ihn als Konkurrenten. Doch schon bald stellten beide fest, dass sie in ihrem Denken und Fühlen nicht unähnlich waren.

Vertrauen, Zuverlässigkeit und Übereinstimmung in wichtigen Fragen werden heute immer noch als Grundlage für eine Freundschaft genannt. Daran hat sich auch im digitalen Zeitalter nichts geändert. Obwohl die Kommunikation schneller geworden ist, zeigt sich auch bei jungen Menschen, dass Freundschaft Emotion pur ist. Die Art der Freundschaft ist dabei unerheblich: Ob Kinderfreundschaft, Gastfreundschaft, Freundschaften zwischen Völkern oder Sportfreundschaften: Es geht immer um etwas Gemeinsames, um Gefühle, gemeinsames Erleben. Eine zentrale Frage beschäftigte die Ausstellungsmacher: Richtet sich dieses gemeinsame Erleben, dieses gemeinsame Gefühl nur an einen Menschen oder kann diese „Beziehungsarbeit“ auch von einer Maschine übernommen werden? Eine Antwort darauf fanden die Kuratoren in Japan.

Dort zeigen immer mehr Menschen Gefallen daran, mit einem digitalen Geschöpf zusammenzuleben. Ein Video erzählt den Tagesablauf eines jungen Mannes, dessen „Freundin“ ein Hologramm in einem Glaszylinder ist. Er verabschiedet sich von ihr, wenn er zur Arbeit geht, und die Figur erinnert ihn, falls der Wetterbericht Regen vorhersagt, einen Schirm mitzunehmen. Während einer Pause ruft er sie an und sagt ihr, wie sehr er sie vermisse und dass er sich aufs Nachhausekommen freue. Sie bestätigt, dass es ihr ebenso gehe. Auf dem Heimweg bittet er sie, die Heizung anzustellen, und wenn er zu Bett geht, wünscht er ihr eine gute Nacht. Das Hologramm erwidert den Gutenachtwunsch und erlischt, um ihn am nächsten Morgen mit süßlicher Stimme zu wecken.

Manchmal brauchen aber auch Fans einer digitalen Freundschaft einen leibhaftigen Menschen an ihrer Seite. Eine junge Japanerin findet ihren virtuellen Freund zwar süß und immer sehr fürsorglich, aber manchmal fehlt ihr etwas und sie mietet sich eine Freundin für einen Tag. Die gut verdienende junge Frau sucht in einer Agentur die passende Begleiterin aus, mit der sie in ihren bevorzugten Läden shoppen oder in ihrem Lieblingsrestaurant essen kann. Das Angebot der Agentur sei einfach großartig, erklärt sie, diese Freundin für einen Tag mache einfach alles mit. Dauerhafte Freundschaften sind ihr zu kompliziert, da müsse sie zu viel Rücksicht nehmen und etwa in ein Restaurant gehen, das sie nicht mag. Für sie ist das zu anstrengend.

Wem solche Ersatzfreundschaften zu kalt sind, dessen bester Freund ist vielleicht ein Wellensittich, ein Pferd oder ein Hund. Auch hier ist der japanische Markt erfindungsreich. Für den geliebten Hund gibt es spezielle Futterläden oder Schneider, die von der Ausgehgarderobe bis zum lässigen Heimlook alles für den kleinen Freund herstellen. Und um ganz sicherzugehen, dass es ihm auch gefällt, gibt es Geräte, die Hundesprache ins Japanische übersetzen. Damit steht einem Gespräch unter Freunden nichts mehr im Wege.

Deutlich realer und am Alltagsleben Vieler orientiert geht es am Entdeckertisch zu. Dort können Besucher das Thema Freundschaft erkunden: Jeder Zweite hat einen besten Freund oder eine beste Freundin. Solche Freundschaften halten im Schnitt 24 Jahre, wie eine Studie des Institutes für Demoskopie Allensbach zeigt.

Auf das Mitmachen haben die Kuratoren großen Wert gelegt. So können Besucher ihre Freundschaften mithilfe eines digitalen Erinnerungsfotos dokumentieren oder sich mit Stift und Papier zum Thema Freundschaft äußern, wodurch sie Teil der Ausstellung werden. Neben den 300 Ausstellungsstücken, die von den Kuratoren zusammengestellt worden sind, gibt es in eigenen Vitrinen auch Exponate, die von den Besuchern stammen: Freundschaftsbänder, -ringe, -ketten und Kuriositäten wie Fotos von Tattoos, die erst ein Bild ergeben, wenn die Träger nebeneinanderstehen.