Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Mittwoch, 20. Februar 2019

Porträt

Zufall und ein bisschen Glück

Von Bettina Reckter | 27. September 2018 | Ausgabe 39

Heute vor 90 Jahren entdeckte Alexander Fleming das Penicillin – und damit ein hoch wirksames Antibiotikum.

26_BU_1
Foto: imago / United Archives International

Der Nobelpreisträger Alexander Fleming entdeckte nur zufällig in einer mit Schimmelpilz befallenen Probe eine Substanz, die gefährliche Bakterien abtötet.

Nein, als Erfinder sah sich Alexander Fleming nicht. Eher als Entdecker – und auch das eigentlich nur ungern. Denn es sei, so argumentierte er, doch nur Zufall gewesen, dass ausgerechnet in seinem Labor Schimmelpilze der Gattung Penicillium ihre Unterschrift auf einer Petrischale hinterlassen hatten. „Die Natur stellt das Penicillin her. Ich habe es nur gefunden“, sagte er. Das ist mehr als bescheiden, denn der Mediziner und Bakteriologe war vom Fach und hatte zuvor immerhin schon das Lysozym entdeckt – ein Enzym, das in der Lage ist, Bakterien zu zersetzen.

Alexander Fleming wird am 6. August 1881 im schottischen Lochfield geboren. Er wächst als Bauernsohn in einfachen Verhältnissen auf. Dennoch kann der junge Bursche die Volksschule besuchen – und, dank eines Stipendiums, sogar eine weiterführende Schule. Schließlich geht er nach London und schließt dort eine polytechnische Ausbildung an der University of Westminster ab.

Nach ein paar Berufsjahren als Büroangestellter macht er mit 21 Jahren eine Erbschaft. Damit finanziert er sich ein zusätzliches Medizinstudium an der St. Mary‘s Hospital Medical School. Dort lässt er sich zum Chirurgen ausbilden, interessiert sich aber auch stark für die Bakteriologie. Das nötige Handwerkszeug erlernt er als Assistent des Immunologen Sir Almoth Wright, der wegen der Entwicklung einiger Impfstoffe bereits Berühmtheit erlangt hatte.

Foto: SSPL / Getty Images

Der Wirkstoff Penicillin wurde erst während des Zweiten Weltkriegs in größeren Mengen hergestellt – zur Behandlung der verwundeten Soldaten.

Noch in den Kinderschuhen steckt die Medizin zu dieser Zeit. Anfang des 20. Jahrhunderts ist leidlich bekannt, wie Infektionen entstehen. Aber wie man sie behandelt, gibt den Ärzten weitgehend Rätsel auf. Da werden beispielsweise bei Lungenentzündungen wahlweise Eisbeutel oder heiße Umschläge für den betreffenden Lungenflügel verordnet. Geholfen hat beides kaum.

In diesem Umfeld verdient sich der junge Fleming die ersten Sporen in der Bakteriologie. Auch dank seines persönlichen Einsatzes, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Er lässt sich in eine Vene 150 Millionen abgetötete Bakterien der Gattung Staphylokokken spritzen – nur um zu beweisen, dass eine Impfung mit abgetöteten Erregern über den Blutkreislauf so nicht funktioniert.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, macht er eine erschreckende Entdeckung: Schwerer Wundbrand, mit dem sich Soldaten mit Schussverletzungen infizieren, wird durch die Behandlung mit Antiseptika wie Jod nicht bekämpft, sondern sogar noch begünstigt. Die Verwundeten sterben schließlich an Blutvergiftung. Fleming, der seinen Militärdienst im Royal Army Medical Corps ableistet, empfiehlt deshalb den Chirurgen, das Gewebe an den Wunden großzügig zu entfernen.

Der Bakteriologe ist neugierig. Er untersucht so ziemlich alles, was ihm unters Mikroskop kommt. Ein Schnupfen bringt ihn schließlich auf die Idee, das Nasensekret einmal genauer zu erforschen. Wobei er bei Erkältung eigentlich gerne ein altbekanntes Heilmittel empfiehlt: „Ein großer Schluck Whiskey vor dem Schlafengehen – es ist zwar nicht sehr wissenschaftlich, aber es hilft.“ Nun aber träufelt er etwas Sekret auf eine Bakterienkultur und stellt fest, dass sich die Membranen der Mikroben in nur wenigen Sekunden auflösen. Die Keime sterben ab. Schon bald hat er die Substanz isoliert.

Das Lysozym, ein Enzym, ist gefunden. Und damit das erste Antibiotikum. Es ist also eine Substanz, die das Leben von Mikroben beendet. Unglücklicherweise wirkt das Enzym, das sich auch in Tränenflüssigkeit, Speichel und Schweiß findet, nur auf harmlose Bakterien. Das Wachstum krankmachender Keime kann es nicht hemmen.

Fleming, mittlerweile am eigenen Lehrstuhl für Bakteriologie an der University of London, ist zwar ein hervorragender Wissenschaftler, aber kein besonders ordentlicher Mensch. In seinem Labor am St. Mary‘s Hospital geht es meist drunter und drüber. Obwohl er systematisch und akribisch die unterschiedlichsten Bakterienstämme erforscht: Es ist eine nicht entsorgte Petrischale, die am 28. September 1928 sein Leben veränderte – und auch die Welt der Medizin.

Es ist reiner Zufall oder eben seiner Unordentlichkeit geschuldet, dass er nach der Rückkehr aus dem Urlaub noch eine Laborprobe im Spülstein findet. In der Mitte der Petrischale, in der er Staphylokokken gezüchtet hatte, wächst munter blau-grüner Schimmel. Ringsum aber fehlt jede Spur der ursprünglichen Bakterien. Sofort ist ihm klar, dass nur ein von den Schimmelpilzen ausgehender Stoff die Mikroben hat abtöten können. Mit etwas Glück kann er eine Substanz isolieren, die er Penicillin nennt.

Gegen Scharlach, Diphtherie, Lungenentzündung und andere Infektionskrankheiten wirkt das Antibiotikum fantastisch. Doch Fleming schafft es nicht, genügend davon aus den Pilzen zu extrahieren. Das gelingt im Jahr 1939 schließlich den Chemikern Ernst Boris Chain und Howard Florey. Trotzdem dauert es bis zum Zweiten Weltkrieg, bis das Medikament in größeren Mengen bereitgestellt wird. Erst der wachsende Bedarf durch die verwundeten Soldaten lässt Fabriken in den USA aus dem Boden sprießen.

Für seine bahnbrechenden Errungenschaften erhält Alexander Fleming am 10. Dezember 1945 zusammen mit Chain und Florey den Nobelpreis für Medizin. Noch bei der Preisverleihung warnt der Arzt: „Die Zeit wird kommen, in der Penicillin von jedermann in Geschäften gekauft werden kann. Dadurch besteht die Gefahr, dass der Unwissende das Penicillin in zu niedrigen Dosen verwendet. Indem er die Mikroben nun nicht tödlichen Mengen aussetzt, macht er sie resistent.“

Gehört worden ist er kaum. Forscher gehen davon aus, dass sich allein in Europas Kliniken jedes Jahr rund 2,6 Millionen Menschen mit multiresistenten Keimen infizieren. Etwa 91 000 Patienten sterben daran. Für Deutschland schätzt Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité, die Zahl der Todesfälle auf bis zu 15 000 pro Jahr.

Alexander Fleming, der zweimal verheiratet war und einen Sohn hat, der ebenfalls Arzt wird, stirbt am 11. März 1955. Aber nicht an einer Infektion, sondern an einem Herzinfarkt.