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Sonntag, 20. Januar 2019

Kooperation

Auf Kuschelkurs mit der Forschung

Von Matilda Jordanova-Duda | 22. April 2016 | Ausgabe 16

Um auf neue Ideen zu kommen, suchen Mittelständler den intensiven Kontakt zu Hochschulen und Forschungsinstituten. Immer mehr Netzwerke mit unterschiedlichen Schwerpunkten entstehen. Die Wissenschaft wird als Innovationspartner wahrgenommen und erhält mehr Impulse aus der Praxis. Beispiele aus NRW.

KMU Wissenschaft BU
Foto: HBO

Dietmar Gerhardt (li.), Professor an der Hochschule Bochum, mit dem Studenten David Middrup. Die Hochschule bildet für die Region Velbert/Heiligenhaus Ingenieure im dualen Studium aus.

Waben wie in einem Bienenstock bilden eine Schallschutz-Trennwand für Großraumbüros. Die Farben und die Anzahl der Module sind variabel. Sie sollen bis zu 60 % des Lärms schlucken. Das Besondere: Oberfläche, Füllung, Druckknöpfe – jeder Bestandteil stammt von einem anderen Mitglied des Innovationsnetzwerks Bergisches Land (Innonet BL). Und soll es Varianten mit integriertem Bildschirm geben, wird die Kabelführung auch von einer Mitgliedsfirma kommen.

Ihre vielen Nischenprodukte zu etwas Gemeinsamem entwickeln und auf den Markt bringen, war das Ziel der Gründer von Innonet BL in Wuppertal. Das Netzwerk führt Licon für Light Construction als Beinamen. Die Schallschutzpaneele sind das erste Produkt. Die Initiative stammt von Dirk Sachsenröder, Inhaber des gleichnamigen Herstellers von Vulkanfiber. 2009 suchte er einen externen Ort für Laborarbeit, um mit Verfahren und Materialien zu experimentieren und universitäre Kompetenz beim Einwerben von Fördergeldern zu nutzen. Mit dem Professor für Umweltchemie an der Universität Wuppertal, Joachim Marzinkowski, und Fördermitteln aus dem ZIM-Programm gründete Sachsenröder ein Innovationslabor, in dem es Raum für weitere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gab.

Untersuchungen in Laboren der Uni Wuppertal durchzuführen, war Unternehmen zwar auch schon vorher möglich, aber die Kooperation blieb punktuell. Nun wollte man eine dauerhafte vertrauensvolle Zusammenarbeit, Problembearbeitung auf kurzem Wege, konkrete Ansprechpartner und eine Absprache bei der Nutzung technischen Equipments.

Das Labor gibt es nicht mehr. „Es war zu sehr auf meine Forschungskooperationen mit der mittelständischen Industrie zugeschnitten“, so der inzwischen emeritierte Marzinkowski. Ein Nachfolger fand sich nicht. Daraufhin wurde das Innonet BL als Verein gegründet, mit Mitgliedsbeitrag und hauptamtlichem Management an der Wissenstransferstelle der Universität Wuppertal.

Zu den Mitgliedern gehören zehn Firmen. Sie produzieren eine Mischung aus Maschinen, Kabeln, LED-Technik, und Kunststoffen. Dazu sind nachhaltig wirtschaftendende Sozialunternehmer, die örtliche Volksbank und das Technologiezentrum Wuppertal eingebunden. „Wir sind offen für neue Partner aus allen Branchen“, so Managerin Julia Koch.

Nicht weit entfernt, in Velbert und Heiligenhaus, ballen sich mehr als 70 Produzenten von Sicherungs- und Beschlagtechnik für Häuser und Autos sowie ihre Zulieferer. Da sie teils ähnliche Dinge machen, würde man meinen, sie konkurrierten und jagten sich gegenseitig die Fachkräfte ab. Weit gefehlt. Sie schlossen sich zu einer „Schlüsselregion“ zusammen, um Forschung und Lehre anzulocken und nach ihren Bedürfnissen auszurichten. 173 Firmen sind Mitglieder des Vereins.

Angefangen hat es mit einer Stiftungsprofessur. Seit 2009 ist das Institut für Sicherungssysteme (ISS) der Universität Wuppertal in Velbert angesiedelt. Seine Schwerpunkte sind die sichere Authentifizierung, Objektsicherheit und innovative Mechatronik. Aufgebaut wurde das Institut mit Kofinanzierung der EU. „Mit dem Aufbau ist unser Feld beackert“, sagt der Geschäftsführer der „Schlüsselregion e. V.“, Thorsten Enge. Die Forschungsprojekte basieren auf bilateralen Verträgen zwischen der Hochschule und den einzelnen Firmen. Alle zwei Jahre richtet das ISS zudem den Fachkongress Innosecure aus. „2012 war Near Field Communication das große Thema, zwei Jahre später präsentierten unsere Mitglieder viele Anwendungsbeispiele auf der Messe Security“, erinnert sich Enge.

Seit dem Wintersemester 2009/2010 hat auch die Hochschule Bochum eine Dependance in der „Schüsselregion“, um dem Bedürfnis der hiesigen Unternehmen nach dualen Studierenden entgegenzukommen. Die meisten Bachelorstudiengänge für Ingenieure und Informatiker kann man als Kooperatives Ingenieurstudium (KIS) oder Kooperative Ingenieurausbildung (KIA) absolvieren. Die Inhalte werden, so erklärt es die Website der Dependence, gemeinsam entwickelt: „Kaum ein Campus in Deutschland arbeitet so eng mit der Wirtschaft zusammen.“ Rund 300 Studierende gibt es bereits. Der Campus wirbt mit kleinen Studiengruppen, moderner Ausstattung und familiärer Atmosphäre.

Stark gemacht für eine eigene Forschungseinrichtung in ihrer Region haben sich auch schon andere Unternehmensnetzwerke. Der jüngste Zuwachs in Ostwestfalen ist das Fraunhofer Institut für Entwurfstechnik und Mechatronik (IEM) in Paderborn. Es startete im Januar dieses Jahres und arbeitet an Augmented-Reality-Technologien für die Industrie. Ins Zeug gelegt hat sich dafür it`s OWL (intelligente technische Systeme Ostwestfalen-Lippe), eines der ältesten deutschen Technologienetzwerke.

Der Spitzencluster spezialisiert sich auf intelligente Automatisierungs- und Antriebslösungen und vernetzte Produktionsanlagen. Mit über 180 beteiligten Unternehmen und Forschungseinrichtungen gilt er als eine der größten Initiativen für die Industrie 4.0. Dabei wurde it`s OWL vor mehr als 20 Jahren aus der Not geboren. Das Netzwerk, zu dem auch Politiker, Stiftungen und Kultureinrichtungen gehören, sollte die Region attraktiver machen. Nirgendwo sonst gibt es so viele Umsatzmilliardäre pro Kopf – und kaum jemand weiß davon.

Davon sollen auch die Kleineren profitieren. „Mit einem innovativen Transferprogramm bringen wir neue Technologien für intelligente Produkte und Produktionsverfahren erfolgreich in KMU“, sagt Wolfgang Marquardt von it`s OWL. 73 Transferprojekte seien bereits durchgeführt, weitere 100 würden bis Ende 2017 folgen.

Als Beispiele nennt Marquardt das Konzept von ELHA Maschinenbau zur virtuellen Inbetriebnahme von Fertigungsanlagen. Oder die Lackieranlagen von Venjakob, denen die Fähigkeit zur Selbstkorrektur eingebaut worden ist. In der Smart Factory in Lemgo können Unternehmen zudem Technologien ausprobieren und Potenziale für die Anwendung im eigenen Betrieb ermitteln.

Foto: OWL GmbH

Das Start-up Topocare in Gütersloh verfeinert mithilfe von Simulationsmodellen sowie in Kooperation mit der Fachhochschule der Wirtschaft Paderborn und Fraunhofer seine Deichbaumaschinen.

Aus der Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft sind auch 25 Start-ups entstanden. Einer davon ist Topocare aus Gütersloh. Das Jungunternehmen fertigt Deichbaumaschinen, die bei Hochwasser Barrieren aus sandgefüllten Textilschläuchen aufhäufen. Um Materiallogistik, Helfereinsatz und Einsatzort optimal abzustimmen, entwickelte Topocare in einem Transferprojekt mit der Fachhochschule der Wirtschaft Paderborn und dem IEM ein Simulationsmodell. Von einer App erfährt der Lkw-Fahrer, wann und wohin er den Sand bringen muss. „Dank des Projekts konnten wir unser Geschäftsfeld um IT-basierte Dienstleistungen erweitern“, sagt Topocare-Geschäftsführer Simon Jegelka. In Köln habe das Start-up einen Ernstfall mit 200 m Deichbau simuliert.

Die Netzwerkbilanz fiele auch für die Wissenschaft positiv aus, so Marquardt. Entstanden seien neben IEM fünf weitere Forschungseinrichtungen sowie insgesamt 19 interdisziplinäre Studiengänge, darunter berufsbegleitende und internationale, etwa Intelligente Systeme oder Industrial IT. Rund 500 Stellen für Wissenschaftler seien durch die Kooperationen geschaffen worden.

http://www.innonet-bl.de

http://www.schluesselregion.de

http://www.its-owl.de