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Donnerstag, 21. Februar 2019

Duales Studium

Ausbildung im Doppelpack

Von Matilda Jordanova-Duda | 27. September 2013 | Ausgabe 39

Es klingt so verheißungsvoll und hat dennoch seine Macken: Das an einen Beruf gekoppelte Ingenieurstudium bietet gleich zwei Abschlüsse. Es ist aber immens aufwendig und zehrt vor allem an den Kräften der Auszubildenden. Völlig ausgereift ist die Idee des (aus-)bildenden Doppeldeckers daher nicht.

Ausbildung im Doppelpack

Mitschreiben! Vielleicht lassen sich die im Unternehmen gesammelten Kenntnisse ja noch für das Studium nutzen. Im dualen Studium befruchten sich Praxis und Theorie. Foto: Caro/Kaiser

"Junge Menschen sind eher dazu bereit, eine Berufsausbildung zu absolvieren, wenn sie darauf vertrauen können, dass ihnen der Zugang zu einem Hochschulstudium offenbleibt", schreibt die OECD in ihrem Länderbericht über berufliche Bildung in Deutschland. Als Indiz dafür wertet sie auch den Boom der dualen Studiengänge. In den Ingenieurwissenschaften sind sie besonders beliebt und die Wirtschaft redet ein gewichtiges Wörtchen mit.

Schon beim Frühstück wird Torge Puhlmann an seinen Arbeitgeber, den Kölner Chemiekonzern Ineos, erinnert: "Der Deckel des Nutella-Glases ist aus unserem Kunststoff." Puhlmann ist ein KIA-Student an der Hochschule Niederrhein in Krefeld. KIA heißt Kooperative Ingenieurausbildung, eine Spielart des dualen Studiums. Ende 2012 schloss Puhlmann seine Chemikantenausbildung bei Ineos als landesbester NRW-Azubi ab. Nun folgen vier Semester Vollzeitstudium bis zum Bachelor. In den Ferien arbeitet Puhlmann im Werk, mehr als Ingenieur denn als Chemikant. "Man geht nicht mehr auf Schicht und hat kleinere Projekte durchzuführen."

Mit dem ausbildenden Unternehmen sind die Inhalte des Chemieingenieurstudiums nicht abgestimmt: Das hat an der Hochschule Niederrhein System. Sie ist Pionier der Wirtschaftskooperation: Das "Krefelder Modell" ist 31 Jahre alt. Die Verzahnung von Theorie und Praxis ist Sache der "Stuzubis", wie duale Studierende in Krefeld genannt werden.

"Anrechnungen in der beruflichen Ausbildung erworbener Kompetenzen auf das Studium sowie eine inhaltliche Verzahnung sind nicht vorgesehen", schreibt der Krefelder Vizepräsident für Lehre und Studium, Michael Lent. Das senke die Einstiegshürden für die Unternehmen: keine komplizierten Absprachen keine Verpflichtung, jedes Jahr ein festgelegtes Kontingent auszubilden.

Es macht zwar den Stuzubis das Leben schwerer, aber sie beißen sich durch. Sie schließen laut hochschulinterner Statistik fast alle innerhalb der Regelstudienzeit oder spätestens ein Semester danach ab. Und überdies mit besseren Noten als die anderen Kommilitonen. Bei den Chemieingenieuren steht im Schnitt eine Eins vor dem Komma.

"Einige Inhalte tauchen in den Studienmodulen wieder auf", berichtet Puhlmann: nur halt auf einem höheren Niveau. "Auf jeden Fall kann man sich mehr darunter vorstellen, weil man schon einen praktischen Bezug hat."

Zum dualen Studium entschloss er sich aus finanziellen Gründen: Vergütung nach Tarif, die Semestergebühren werden bezahlt. Heute sieht er weitere Vorteile: "Man kommt nicht blauäugig von der Hochschule in den Betrieb. Man kann mehrere Tätigkeiten und Positionen kennenlernen und sich selbst klarwerden, wo man arbeiten möchte."

"Wir sind 2005 in die Kooperation eingestiegen, weil uns das Krefelder Modell geeignet erschien. Es ist ein erfolgreiches Modell, das auf die Belange der Industrie zielt", sagt Andreas Hain, Ausbildungsleiter bei Ineos. Zwei Chemieingenieure werden jährlich auf diese Weise ausgebildet, es gibt weitere Stuzubis in Elektrotechnik und Maschinenbau.

Die Inhalte sind durch das Curriculum der Ingenieurwissenschaften vorgegeben. Die Kooperation besteht in der zeitlichen Abstimmung in den ersten zwei Jahren: Die vorlesungsfreien Tage verbringt der Studierende im Betrieb, in den restlichen zwei muss er alle relevanten Lehrveranstaltungen mitnehmen können. Eine enge Abstimmung gibt es auch bei Projekt- und Abschlussarbeit: Ihr Schwerpunkt wird von Professor, Studierenden und Fachbereichsbetreuern des Betriebs gemeinsam festgelegt.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zählte 2012 rund 64 000 duale Studienplätze, knapp 5000 mehr als im Vorjahr. Über 26 000 Unternehmen bieten die kombinierte wissenschaftlich-praktische Ausbildung an. Manche tun sich sogar zusammen, um einen Hochschulableger an ihrem Standort zu ermöglichen.

So etwa in Velbert und Heiligenhaus. Hier sitzen die meisten Hersteller von Schließ- und Sicherungstechnik weltweit. Rund 100 solcher Unternehmen haben sich dem Verein "Die Schlüsselregion" angeschlossen. Die Mitglieder holten gemeinsam ein Forschungsinstitut für Sicherungssysteme in die Region sowie einen Ableger der FH Bochum, der Ingenieure in Mechatronik und Informationstechnologie ausbildet.

Von einem dualen Studium "im Verbund" kann man dennoch nicht reden: "Es gibt viele Innovationen und dementsprechend Geheimhaltung in unseren Betrieben", so der Ausbildungsleiter von Huf Hülsbeck&Fürst, Peter Kemsies. Huf, nach eigenen Angaben Weltmarktführer für Kfz-Schüssel und -Zugangssysteme, beschäftigt derzeit 14 solcher Studierender.

"Die Themen werden immer von uns gestellt", erzählt Kemsies. Beispiel für eine Facharbeit: die Entwicklung von Prüfboxen zum Testen der elektronischen Parameter und Funktionen an Huf-Produkten. Die Vorteile des dualen Studiums liegen für ihn auf der Hand: "Während der Ausbildung machen sich die späteren Ingenieure mit allen Teilen und Eigenheiten des Betriebs vertraut. Sie brauchen keine Einarbeitungsphase und es gibt keine Berührungsängste mehr mit anderen Abteilungen."

Gleichwohl hat sich die Anzahl der KIA-Teilnehmer im Laufe der Jahre bei Huf verringert, ihrer KIS-Kollegen dagegen zugenommen. KIS ist das Kooperierende Ingenieurstudium und seit gut drei Jahren auch am Campus Heiligenhaus möglich. Der Unterschied: Die Studierenden machen bei KIS keine zweijährige Berufsausbildung, die mit dem Facharbeiterbrief abschließt, um dann vier Vollzeitsemester draufzusetzen. Stattdessen haben sie ihre zwischen Hochschule und Unternehmen abgestimmten Projekte und bis zu zwei Tage wöchentlich Praktika in ihrer Firma. Das ist für alle Beteiligten wesentlich entspannter. "KIA ist in den ersten zwei Jahren unheimlich aufwendig, die Prüfungen folgen Schlag auf Schlag, dazu Kurse und Klausuren an der Hochschule", sagt der Ausbildungsleiter. "Und auch für uns ist es sehr betreuungsintensiv."

Die Motivation vieler KIA-Studierenden sei, so Kemsies, eine abgeschlossene Mechatroniker-Lehre zu haben für den Fall, dass sie das Studium nicht schafften. Die Bewerber hätten jedoch meist keine Vorstellung, was sie wollen: "Welches Modell das bessere ist, ist individuell zu entscheiden. Und, hier stimmen die Ausbildungsleiter von Huf und Ineos überein: Jeder Betrieb brauche auch die Universalisten: "Deshalb rekrutieren wir weiterhin Absolventen verschiedener Hochschulen."  MATILDA JORDANOVA-DUDA